Flut, Impfen und Beten: Laschet live

Wer die Verhaspeleien des CDU-Kanzlerkandidaten auseinanderfriemelt, verbessert damit auch nicht die Lage der Betroffenen.

Steinmeier und Laschet in Erftstadt

Steinmeier und Laschet vor Ort in Erftstadt Foto: Marius Becker/reuters

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: Unterversicherung.

Und was wird in dieser besser?

Verunsicherung.

Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz kämpfen mit einer Flutkatastrophe: Mehr als Menschen sind gestorben, Dutzende sind vermisst, mehrere Häuser wurden von den Wassermassen mitgerissen. Ist es der richtige Zeitpunkt zu mahnen, dass der Klimawandel vor unserer Haustür steht?

Es wird schwieriger, ein Phänomen zu bestreiten, das nebenan aus dem Keller gepumpt wird. AfD-Weidel verbittet sich, „die Katastrophe für Klimapolemik zu vereinnahmen“, AfD-Kumpel Brandtner tut genau dies und spottet „#Dürresommer“ in nasse Gräber hinein. Der politische Effekt kann sehr wohl die Grünen begünstigen; so ist es normalerweise, wenn selbst Seehofer und Laschet grüne Argumente vorbringen. Die Grünen müssen jetzt nur überzeugend „keine Genugtuung“ performen.

Während Unwetter und Hochwasser in Westdeutschland tobten, diskutierte das Internet, ob CDU-Kanzlerkandidat Laschet die WDR-Moderatorin Susanne Wieseler tatsächlich „junge Dame“ genannt hat. Was war da los?

Wer mag, soll nanofein unterscheiden, ob Laschet rheinisch nuschelte: „Nein, Entschuldigungäh, Frau, weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht die Politik!“ oder eben: „Nein, Entschuldigung, junge Frau …“ – oder kann sich in sein pietätloses Feixen vertiefen. Davon wird keine Wasserleiche wieder wach. 2002 verlor Stoiber um den Hauch von 6.000 Stimmen gegen den gestiefelten Kater Schröder im Elbhochwasser, Platzeck wurde 97 erst Deichgraf und später SPD-Chef, George W. Bush blamierte sich historisch bei den Überflutungen nach „Katrina“.

Hochwasser ist seither Wahlkampf, und Laschet weiß, dass er seinen Wahlkampf unterbrechen muss, um diesen Wahlkampf zu führen. Am fraglichen Donnerstag wurde nur ein geringer Teil seines Lebens nicht irgendwo live übertragen, und gegen Abend war er durch. Der größere Brocken ist seine Absage an den „Fukushima-Effekt“: laue Politik, dann Katastrophe, dann Kehrtwende? Wer hoffte, wenn Nachbars Leiche im Abstraktum „Klima“ schwimmt, ändere sich schlagartig etwas – der wurde hier mit Valium therapiert.

„Es wird keine Impfpflicht geben“, versprach Kanzlerin Merkel diese Woche. Doch wie dann umgehen mit den sinkenden Impfzahlen? Haben Sie Ideen?

Ein Kalkül: Während der Staat ebenso auch „Impfprivilegien“ ablehnt, entstehen allerhand Impfprivilegien – durch die Wirtschaft. Für Konsumenten, Gäste, Reisende, Mitarbeiter. Und Angst vor der „vierten Welle“. Der Staat wird keinen Zwang ausüben, je mehr der Alltag es tut.

„Fit for 55“ soll die Europäische Union werden und hat deswegen ein umfassendes Klimapaket verabschiedet. Doch kei­ne:r scheint zufrieden. Kli­ma­schüt­ze­r:in­nen reicht das nicht aus, die Wirtschaft fühlt sich vernachlässigt. Und was nun?

Wir befinden uns im Schaltmoment zwischen „Kann man mit Klimaschutz Geld verdienen?“ und „Kann man ohne Klimaschutz noch Geld verdienen?“. Jedes weitere „Extremwetterereignis“ beeinflusst die Waage.

Im Jahr 2020 traten deutlich weniger Menschen aus der evangelischen und katholischen Kirche aus als noch im Vorjahr. Liegt das nur an der bürokratischen Hürde oder war Religion doch ein Halt in der Krise?

Die Kirchenaustrittsstellen waren unterm Lockdown geschlossen. Zudem kostet dort das Tor zur Hölle Gebühr und Wartezeit. Diese Effekte mildern sich bereits wieder ab, Deutschland steuert mit noch zirka 54 Prozent Christen auf eine heidnische Mehrheit zu. Parallel führen wir Debatten über die aktuelle Leitreligion „Wissenschaft“, beim Klima, bei Corona, bei allem. Hier ist von Volkskirche Drosten bis zu einem mittelalterlichen Häuflein an Sektenführern alles im Angebot, woran man glauben kann, bevor man dran glauben muss. Die Kirchen können das nicht konkurrieren, zumal sie teils ein angespanntes Verhältnis zur Wissenschaft haben, etwa – zur Kriminalwissenschaft.

Ist Ihnen aufgefallen, dass es diesmal in keiner der Fragen um Annalena Baerbock ging?

Ja, ich fühle mich schon ganz demobilisiert.

Und was machen die Borussen?

2,7 Millionen Euro „Abstellgebühr“ für BVB-Profis bei der EM. Da können wir uns ein 12-jähriges Talent von kaufen!

Fragen: Carolina Schwarz, Emeli Glaser

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Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".

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