Flughafen-Poker: Touchdown in Lübeck

Mehrheitseigentümer Infratil will den Flughafen an die Stadt zurückgeben. Das kostet die öffentliche Hand 23 Millionen Euro und stellt die Zukunft des Airports in Frage. Zum Trost eröffnet Ryanair eine weitere Billigflugverbindung - nach Mallorca

In Zukunft wird die Billigfluggesellschaft Ryanair noch öfter in Lübeck landen Bild: DPA

Die Tage des Lübecker Flughafens als Verkehrsflughafen könnten gezählt sein. Wie die Stadtverwaltung bestätigte, will der neuseeländische Investor Infratil zum Oktober seine 90-Prozent-Beteiligung zurückgeben. Das kostet die finanziell klamme Stadt 23 Millionen Euro. Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) sucht jetzt einen neuen Geldgeber, der bereit wäre, den Flughafen zu betreiben. Unterdessen hat die Fluggesellschaft Ryanair am Montag angekündigt, sie werde im Sommer eine weitere Billigflugverbindung anbieten. Neben den acht Ryanair-Angeboten gibt es ab Lübeck nur noch eine Verbindung einer anderen Fluggesellschaft.

Der Hamburger Flughafen mit einem Passagieraufkommen von 12,8 Millionen pro Jahr drängt die übrigen Airports im Norden von vornherein in eine Nischenposition. Laut einem Gutachten, das die Landesregierungen in Hamburg und Kiel 2005 erstellen ließen, verfügt er über genügend Ausbaukapazitäten bis 2030. Für den Flughafen Kiel empfahlen die Gutachter einen Schwebezustand: kein Ausbau aber auch keine Schließung. 2006 wurde hier der Linienflugbetrieb eingestellt. In Lübeck rechneten die Gutachter damit, dass es in der Nähe reichlich Kundschaft für Billigfluggesellschaften gebe. KNÖ

Der Lübecker Flughafen ist umstritten, weil er wie das bekannte "Frankfurt"-Hahn allein von Billigfliegern lebt - oder eher nicht lebt, denn der Airport ist ein Zuschussgeschäft. Die Lübecker Stadtoberen und die Industrie- und Handelskammer (IHK) hoffen, dass sich das mit einem Ausbau der Flughafens ändern würde. Der erste Planfeststellungsbeschluss hierfür musste nachgebessert werden. Im Februar soll ein neuer vorgelegt werden. Ob er sofort vollziehbar sein wird, ist offen.

Beim Vertrag über den Flughafenverkauf hatte Lübeck dem Investor Infratil eine Ausstiegsoption eingeräumt, für den Fall, dass die Passagierzahlen unter den Erwartungen bleiben sollten. Seit 2005 ist die Zahl der Fluggäste Jahr für Jahr gesunken: von 710.000 auf 520.000 im vergangenen Jahr. Infratil nannte nach Angaben der Stadt die weltweite Finanzkrise als Begründung für den Ausstieg.

Bürgermeister Saxe lud Infratil "recht herzlich ein, an Bord zu bleiben". Er hoffe, dass sich bis Oktober ein Weg dorthin finden lasse. Sollte das nicht gelingen, muss die Stadt neben dem Kaufpreis Infratils Investitionen und Verluste bezahlen.

Die Hoffnungen Saxes ruhen nach Auskunft von dessen Sprecher Matthias Erz auf einem baldigen Planfeststellungsbeschluss zum Flughafenausbau. "Wir glauben, wenn der Planfeststellungsbeschluss kommt, bleibt Infratil bei der Stange", sagt Erz. Mit einer Länge von 1,8 Kilometern sei die Piste in Lübeck sehr kurz. Ein Ausbau böte die Chance, das Flugzeuge in Lübeck stationiert würden und sich das viele neue Flugziele hinzukämen, sagt der Sprecher. Potenzielle Passagiere gebe es genug: Schließlich lägen manche Teile des Hamburger Speckgürtels näher am Lübecker als am Hamburger Flughafen.

Ob sich der Flughafen dann für die Betreiber rentieren würde, ist allerdings fraglich. Erst in der vergangenen Woche ist der wohl bekannteste Billigflieger-Airport Hahn bei Frankfurt mit dem Versuch gescheitert, aus den roten Zahlen zu kommen. Der Flughafen wollte eine Terminalgebühr von drei Euro pro Passagier erheben. Ryanair, die auch in Hahn die mit Abstand wichtigste Fluggesellschaft ist, stellte sich quer und drohte, seine dort stationierten Maschinen abzuziehen. Der Flughafen gab nach und muss weiter die laufenden Defizite tragen. In Hahn fliegen jährlich vier Millionen Passagiere mit Ryanair.

In der Lübecker Politik mehren sich unter solchen Voraussetzungen die Bedenken gegenüber dem Flughafen. "Das haben wir uns vor ein paar Jahren noch ganz anders vorgestellt", sagt Sven Schindler vom Kreisvorstand der SPD. Klar sei, dass die Stadt den Airport nicht selbst betreiben und auch nicht bezuschussen könne. "Das heißt: Entweder findet sich ein neuer Betreiber oder das Land springt ein", so Schindler.

Sollte keine dieser Möglichkeiten Wirklichkeit werden, könnte sich Schindler auch etwas anderes vorstellen. Der Stadt mangele es an Flächen für große Gewerbegebiete. Der Flughafen, günstig an den Autobahnen A 20 und A 1 gelegen, könnte auch ein Gewerbegebiet werden. Damit ließe sich der erhoffte Impuls aus einer festen Fehmarnbeltquerung nutzen. Die Grünen sehen das ähnlich.

Die IHK betont dagegen, wie wichtig der Flughafen als Teil der Infrastruktur für die Region sei. IHK-Hauptgeschäftsführer Bernd Rohwer forderte Politik und Wirtschaft auf, den Flughafen wie geplant auszubauen. "Der Wirtschaftsstandort Lübeck mit dem größten deutschen Ostseehafen ist definitiv auf eine gute Erreichbarkeit über Straße, Schiene und aus der Luft angewiesen", sagte er. Ryanair wisse das Potenzial des Flughafens zu schätzen.

Flughafen-Chef Tom Wilson sagte, es gelte den Schwung der Ryanair-Entscheidung für einen weiteren Ausbau des Angebots zu nutzen. Das sei wichtig, weil Infratil noch nicht endgültig über den Ausstieg aus dem Lübecker Flughafen entschieden habe. Die Lübecker Bürgerschaft wird sich auf ihrer Sitzung am Donnerstag kommender Woche mit dem Flughafen befassen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de