Flüchtlinge in Berlin: „Erholsam für die Seele“

Khalid Abdulhamid flüchtete aus Syrien nach Deutschland und übersetzt nun zwischen Helfern und Flüchtlingen vor dem Lageso und im alten Rathaus Wilmersdorf.

Flüchtete aus Syrien, hilft Flüchtlingen hier: Khalid Abdulhamid Foto: Erik Irmer

taz: Herr Abdulhamid, Sie helfen bei der Versorgung der Flüchtlinge vor dem Lageso, haben auch bei der Einrichtung eines Flüchtlingsheims im alten Wilmersdorfer Rathaus mit angepackt. Warum tun Sie das?

Khalid Abdulhamid: Anfangs wusste ich gar nicht, was vor dem Amt los ist. Dann haben mich Freunde gefragt, ob ich dort nicht dolmetschen könnte, und ich bin hingegangen. Dann habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich nicht früher geholfen habe. Und ich glaube, ehrenamtliche Hilfe ist vielleicht ermüdend für den Körper, aber erholsam für die Seele. Also habe ich damit angefangen.

Was tun Sie vor Ort?

Ich übersetze Arabisch und Englisch zwischen den HelferInnen und den Flüchtlingen. Mein Deutsch ist noch ein bisschen zu schlecht. Manchmal frage ich auch selbst arabische Flüchtlinge, was sie brauchen, und versuche das dann für sie zu organisieren. Gestern habe ich Essen verteilt. Manchmal gebe ich den Leuten ein paar Informationen über das Leben hier. Aber ich bin ja selbst erst seit Kurzem in Deutschland.

1984 in Daraa in Syrien geboren, studierte Arabische Sprache und Literatur an der Universität von Damaskus und arbeitete als Radiojournalist. Ende 2012 flüchtete er aus Syrien nach Jordanien, seit Ende 2014 lebt Abdulhamid in Berlin.

Was sehen Sie beim Helfen?

Viele freundliche Deutsche!

Überrascht Sie das?

Mich nicht. Aber viele der Flüchtlinge sind überrascht. Sie hatten gehört, dass viele Deutsche – vor allem junge Männer – Flüchtlinge nicht mögen. Jetzt wundern sie sich über die vielen, gerade jungen Leute, die spenden oder dort mithelfen. Aber davon abgesehen hat man dort natürlich auch sehr traurige Erlebnisse. Ich habe eine junge arabische Frau getroffen, die schwanger war und auf dem Weg hierher eine Fehlgeburt erlitten hat. Sie hatte seither nicht einmal die Gelegenheit, ihre blutigen Kleider zu wechseln. Und es war ihr dann auch noch peinlich, hier einen männlichen Dolmetscher nach frischer Unterwäsche zu fragen. So etwas zu erleben ist furchtbar. Ich bin selbst Journalist und kannte solche Geschichten vorher. Aber es ist anders, wenn man so direkt damit konfrontiert ist.

Sie haben auch in jordanischen Flüchtlingslagern geholfen. Was sind Ähnlichkeiten und Unterschiede?

Man kann das nicht vergleichen. Deutschland ist ein viel wohlhabenderes Land. Jordanien ist bei der Flüchtlingshilfe auf internationale Unterstützung angewiesen. Hier kommen unglaublich viele Spenden. Kürzlich habe ich zwischen vielen Lebensmittelspenden eine Gitarre gefunden. Das fand ich toll: Da hat jemand daran gedacht, dass auch Flüchtlinge nicht nur Essen und Trinken brauchen, sondern auch andere Bedürfnisse wie eben Musik haben. Und dann gibt er oder sie seine Gitarre. Hier scheint jeder gerade darüber nachzudenken, was er tun kann. Ein wichtiger und guter Unterschied: Hier gibt es keine Zelte für Flüchtlinge. Das ist gut.

Sie sind selbst geflüchtet, haben den Krieg in Syrien miterlebt, Ihre Familie ist noch dort. Wie geht es Ihnen emotional damit, diese Hilfe hier zu leisten?

Ich habe zwei eigentlich widersprüchliche Gefühle: Erstens bin ich glücklich, weil ich hier etwas tun kann, also Deutschland und den Deutschen etwas von der Hilfe, die sie mir als Flüchtling gegeben haben, zurückgeben kann. Und zweitens bin ich traurig. Denn die Leute, die vor dem Lageso ankommen, haben einen schweren Weg hinter sich. Und was sie dann dort erleben – also ich meine damit, wie sie in und von der Behörde aufgenommen und behandelt werden –, das ist überhaupt nicht gut. Was vor dem Lageso geschieht, ist natürlich toll.

Werden Sie weitermachen?

Ja, und ich möchte mit meinem Verein Salam-Kulturclub versuchen, auch noch mehr Syrer, die schon länger hier sind, dafür zu gewinnen mitzuhelfen.

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