Filmfestspiele von Cannes: Verbrechen und gerechte Strafe

Cannes 6: Bei den Filmfestspielen gibt es Einblicke in die Arbeitswelt der Polizei. Auch eine satirische Abrechnung mit der Oberschicht ist zu sehen.

Zwei weiße normschöne Menschen in Badekleidung auf Sonnenliegen

Yaya (Charlbi Dean Kriek) und Carl (Harris Dickinson) in „Triangle of Sadness“ Foto: Fredrik-Wenzel / Plattform

In Polizeifilmen sind verdeckte Ermittler üblicherweise Personen, deren Vorzüge darin bestehen, möglichst unauffällig zu agieren. Manchmal fliegen sie auch auf. Der australische Regisseur Thomas M. Wright hingegen hat mit „The Stranger“ einen Thriller nach wahren Begebenheiten gedreht, in dem sich ein Ermittler an die Fersen eines unter Mordverdacht stehenden Mannes heftet und fast nicht mehr von seiner Seite weicht. Dass seine Mission am Ende Erfolg hat, ist dabei nicht das Entscheidende an dieser Geschichte.

Vielmehr geht es in dem in Cannes in der Nebenreihe „Un certain regard“ vorgestellten Film darum, wie ermittelt wird und was dies mit dem Polizisten tut. Zu Beginn des Films ist ein schwarzer Fels inmitten dunkler Wolken zu sehen. Dieses Bild wird wiederkehren, es passt zum Gemütszustand von Mark (Joel Edgerton), dem Polizisten.

Er soll einen unter Mordverdacht stehenden Mann namens Henry (Sean Harris) überführen. Das tut er auf ungewöhnliche Weise: Er gibt sich als Krimineller aus, für den Henry arbeiten soll. Der ist zunächst zögerlich, will nichts mit Gewalt zu tun haben, lässt sich nach und nach jedoch immer mehr „kriminellen“ Auftraggebern vorstellen, für die es etwas zu erledigen gibt. Allein schon die Zahl der beteiligten verdeckten Ermittler fasziniert.

Der größte Reiz von „The Stranger“, der die Weite Australiens in bedrückender Weise ins Bild setzt, ist jedoch, wie er langsam eine Beziehung zwischen Mark und Henry entstehen lässt, zwei stillen Männern, die aus unterschiedlichen Gründen verschwiegen sind. Mark porträtiert er als einen von seiner Arbeit Traumatisierten, der sich liebevoll um seinen Sohn bemüht, sofern die Arbeit es gestattet, der aber auch vor ihm seine seelische Verfassung kaum verbergen kann.

Sinnkrisen und Selbstzweifel bei der Polizei

Henry bleibt dafür undurchsichtig als „Mann mit Vergangenheit“, dem sich Mark nah zu fühlen scheint. Obwohl er weiß, dass er ihn voraussichtlich für lange Zeit hinter Gitter bringen wird.

Eine andere Seite der Polizeiarbeit zeigt der französische Regisseur Dominik Moll außer Konkurrenz in „La nuit du 12“, ebenfalls nach wahren Ereignissen, bei einer Polizeieinheit in Grenoble. Deren Mordkommission wird auf einen Fall angesetzt, in dem eine junge Frau in einer Kleinstadt nachts auf offener Straße mit Benzin übergossen und angezündet wurde.

Der Kommissar Yohan (Bastien Bouillon) und sein Kollege Marceau (Bouli Lanners) beginnen vor Ort mit den Befragungen, finden lauter Verdächtige, doch alle Spuren führen ins Nichts. „La nuit du 12“ schildert mit viel Sinn für Komik die ermüdende Arbeit der Polizei und die Selbstzweifel der Beteiligten, die neben privaten Sorgen von Sinnkrisen heimgesucht werden. Im Gegensatz zu „The Stranger“ lässt die finanzielle Ausstattung der Polizei hier sehr zu wünschen übrig.

Auf finanziell gut gepolsterte Personen hat es der schwedische Regisseur Ruben Östlund in seinem Wettbewerbsbeitrag „Triangle of Sadness“ abgesehen. Von der Modebranche und dem durch Models zum Ausdruck gebrachten Selbstverständnis (lächelnde Gesichter: Billigmarken für alle, griesgrämige Gesichter: Exklusivmarken, die auf ihre Kunden herabblicken) geht es über die rein im Schnappschuss existierende Welt von Influencern bis zu den entrückten Weltsichten der Superreichen auf einer Luxuskreuzfahrt.

Östlund hat einen unnachgiebig genauen Blick für die Falschheit von Menschen untereinander, was für einige böse Pointen sorgt. Auch der maliziöse Genuss, mit dem er die Kreuzfahrtgesellschaft buchstäblich Schiffbruch erleiden lässt, hat ihren Reiz.

Am Ende verkehren sich dann noch einmal die sozialen Rollen. Östlund erinnert so an die Schwankungen, denen ein sozialer Status unterworfen sein kann. Das ist bei aller kalt-präzisen Beobachtung mitunter mehr als krude, doch eine Einsicht bleibt: Wer Zugang zu den Ressourcen hat, hat im Zweifel die Macht. Auch auf einer einsamen Insel.

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