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Fenster zum Leben öffnen

Musik bleibt auf CD erhalten, Bilder hängen im Museum. Nun versucht sich Lynda Gaudreau an einer Enzyklopädie des Tanztheaters. In das erste Stück „Document 1“ packt die kanadische Choreographin Liebeserklärungen an Kollegen

Die größten Schwärmer unter den Strukturalisten sind zweifellos die Choreographen. Wenn die aus Montreal stammende Lynda Gaudreau bekennt, „I simply love structure“, wird daraus schnell eine Umarmung der ganzen Welt. „In jeder Wahrnehmung steckt schon eine Abstraktionsleistung, und wenn wir die Dinge benennen, erst recht“, begründet sie ihre Begeisterung für Abstraktionen und Muster. Das umfasst Vogelschwärme, die sie in Israel beobachtet hat, ebenso wie Verkehrsströme auf Autobahnen und Zufahrten. „Es ist alles schon da“, sagt Gaudreau, die in diesen Bewegungsmustern liest wie andere in genetischen Codes. Selbst das plötzliche Unwetter gehört dazu, das uns von den Tischen draußen in das Café neben dem Theater am Halleschen Ufer treibt.

Dort wird die kanadische Choreographin, die mit ihrer Compagnie de Brune seit zwei Jahren auch nach Deutschland eingeladen wird, ihr erstes Gastspiel in Berlin geben. Ihr Stück „Encyclopedia – Document 1“ verspricht eine Wiederbegegnung mit alten Bekannten des Festivals „Tanz im August“, denn Gaudreau hat Sequenzen von Meg Stuart, Jérome Bel und Benoit Lachambre, der als Gast mittanzt, ihrer Komposition einverleibt.

Musikliebhaber haben es gut: Sie können sich ihre Lieblingsstücke jederzeit auf CD zurückholen. Kunstfreunden steht das Museum offen. Dem Tanz fehlt eine solche Möglichkeit der Vergegenwärtigung. Mit ihrer „Encyclopedia“, die auf fünf Jahre und mehrere Stücke angelegt ist, tritt Gaudreau, die nach ihrer tänzerischen Ausbildung Kunstgeschichte und Philosophie studiert hat, gegen diesen Mangel an Gedächtnis an. Doch die tanzhistorische Perspektive war nicht ihr Hauptmotiv. Sie wollte vor allem aus der Isolation der choreographischen Arbeit heraustreten. Sie hat die Künstler um die Überlassung einer Arbeit gebeten, in deren Sprache sie sich zu Hause fühlte. Fast klingt das, als nutze sie die Zitate wie ein Lieblings-T-Shirt, mit dem man auf Reisen der Angst vor der Fremde vorbaut.

Sie webt die Stücke der anderen wie Kostbarkeiten in ihr Vokabular ein. Doch es ist eigenartig: Während man die beliehenen Autoren als Dekonstruktivisten verstand, die gegen die Einheit des Subjekts opponierten und die Syntax des Modern Dance zu sprengen suchten, ist von dieser Aggressivität in Gaudreaus Fassung nichts mehr zu spüren. Was Anfang der Neunziger noch ein Schritt über die Grenze war, trägt jetzt zur Komplexität des Gefüges bei.

„Document 1“ ist nicht nur ein Stück über Tanz, sondern auch über „everyday life“. Ein Kind spielt Ball, Sportler rennen durch einen Park, ein alter Mann kommt kaum hinterher. „Fenster zum Leben öffnen“, nennt Gaudreau diese Videoeinspielungen. In anderen Lichtfeldern erscheinen Illustrationen aus Diderots Enzyklopädie, zum Beispiel Werkzeuge eines Bildhauers. Das Kurven der Linien stach Gaudreau ins Auge. Die vier Tänzer ihrer Compagnie nehmen die Verzweigungen mit den Armen auf.

Genauigkeit in der Konzentration auf das Detail verbindet den Ansatz der Enzyklopädisten mit dem Bauplan von „Documents 1“. In einem brasilianischen Kloster hat die Kanadierin vor kurzem die alte Erstausgabe von Diderots Enzyklopädie gesehen. Heute rührt uns die Verbindung von Kunst und Wissenschaft in den Illustrationen: Man schien sich so sicher auf dem Weg zu einer objektiven Erkenntnis. Das Abbilden und Begreifen der Welt galt nur als erster Schritt zur ihrer Verbesserung. Mit dieser Utopie und ihrem Scheitern beschäftigen sich die Choreographin und Johannes Odenthal, Mitbegründer der Zeitschrift Ballett international/tanz aktuell, im ersten „Zwischenruf“ des Festivals. KATRIN BETTINA MÜLLER

Encyclopedia – Document 1, Theater am Halleschen Ufer, heute, 20 Uhr, 13. und 14. 8. um 20.30 Uhr. Zwischenruf, 13. 8., 18 Uhr.

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