: „Fast Faust“ mit großem Goethöse
■ Theateraufführung von „Blaumeier“, einer Gruppe von 50 Behinderten und Nicht-Behinderten
„In dubio pro libido!“ Kaum hat's der schräge Engels-Chor zum ersten Mal über die Rampe geschmettert, hat sich ein Ohrwurm festgesetzt. Kaum sind die wunderlichen Gestalten mit den kunstvoll ins Engelshaar genestelten Küchensieben und Spülbürsten aus dem Guckkasten der gigantischen Kasperbühne verschwunden, nimmt das Spektakel eine Etage tiefer seinen Lauf.
Da schleudert ein um Artikulation ringender Faust dem Publikum sein Leid entgegen: „Keine eigene Frau, noch nicht mal 'ne Angestellte – wo kriegt man sowas her?“ Und gibt damit das Stichwort für Mephisto und seine kongeniale, gut zwei Köpfe kleinere Schwester Meta Phista, deren leidenschaftlicher Bauchtanz den Gelehrten schließlich von der Macht der Triebe überzeugt.
In Hamburg bildet das Stück Fast Faust den kulturellen Auftakt zum 16. Weltkongreß für Soziale Psychiatrie, der am Sonntag im CCH beginnt. Und das mit gutem Grund: Das Atelier Blaumeier ist eines der seltenen, bunten Gewächse, das die Reform der Psychiatrie hervorgebracht hat. Die Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Psychiatriepatienten entstand anläßlich der Auflösung der psychiatrischen Verwahranstalt Blankenburg (bei Bremen) im Jahre 1985.
Als Blaue Karawane zogen sie damals durch die Lande, inzwischen sind die Blaumeiers seßhaft geworden, mit Malatelier und Probenraum, Maskenbauwerkstatt und eigenem Café in einem Bremer Hinterhof. Ihre Fast Faust-Feuertaufe haben die Blaumeiers in der Bremer Liebfrauenkirche glänzend bestanden.
Wenn der altbekannte Handel abgeschlossen, in Auerbachs Keller ein seltsamer Skat geklopft und eine höllische Walpurgisnacht gefeiert wird – dann ist endgültig nicht mehr wichtig, wer von den rund 50 Menschen dort oben ein Diplom in Psychologie und wer ein Down-Syndrom hat, wer als Künstler und wer als Psychiatriepatient zu Blaumeier kam.
Und was in dieser kreativen Begegnung zwischen „Normalen und Verrückten“, schwer Behinderten und schwer Begabten zustandekommt, ist immer dann am schönsten, wo es eigentlich nicht vorgesehen war. Wenn Gretchens Tante mit einem ebenso frommen wie eigenwilligen Solo den dreistimmigen Chor aus der Facon bringt, wenn Faust die Halskrause zum dritten Mal herunterfällt, wenn so mancher Darsteller vor lauter Glück die Bühne gar nicht mehr verlassen mag – spätestens dann ist das Blaumeiersche Versprechen vom „großen Goethöse“ eingelöst.
Spätestens dann fragt man sich auch, über welch wundersame Fähigkeiten die Regisseurin Andrea Ernst verfügen muß, die in wochenlangen Probenarbeiten aus dem Chaos einen Theaterabend machte.
Paula Specht
Morgen, 20 Uhr, CCH
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