Geht’s noch: Fantastische Projektion
Was sich FAZ-RedakteurInnen vorstellen können, offenbart, wo sie die Gefahr ausmachen: Links statt Rechts
Der Konflikt um die Rigaer Straße in Berlin bestätigt ein paar ewige Weisheiten: Veganes Essen und Sterni-Trinken machen den Menschen weder klüger noch netter; Friedrichshain ist – hier mögen sich bitte die angesprochen fühlen, die sich nicht angesprochen fühlen – ein Idiotenbezirk; je toller eine Stadt, desto kretinhafter ihr politisches Personal; wenn man die Berliner Polizei von der Leine der politischen Kontrolle lässt, beißt sie zuverlässig dem Recht ins Bein; und schließlich: FeuilletonredakteurInnen! Finger weg von Zahlen, diesen gefährlichen Dingern, die einem schnell einen Streich spielen können.
Regina Mönch heißt die FAZ-Kollegin, in deren Artikel vom 12. Juli unter dem Titel „Links, wo das Herz schlägt – Rigaer Straße 94: Wer dreht an der Gewaltspirale?“ von „etwa 7.800 Straftaten“, „davon mehr als 2.000 gewalttätige[n]“, die Rede war, die von „Personen aus dem umkämpften Haus“ begangen worden seien. Tags drauf musste die FAZ die Richtigstellung der Bauchgefühle ihrer Mitarbeiterin wegdrucken: „ Die Zahl der von Personen aus der Rigaer Straße 94 in Berlin seit 2011 begangenen Straftaten beträgt insgesamt 78 und nicht, wie in einer früheren Version dieses Artikels aus Versehen genannt, 7.800; davon 28 Gewalttaten und nicht, wie ebenfalls genannt, mehr als 2.000. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.“
So was passiert schon mal. Wir sind mediterraner geworden in Deutschland, seit man – Frank Schirrmacher sei Dank – sogar im FAZ-Feuilleton keinen Doktor mehr braucht. Wir sehen das mit den Fakten nicht mehr so preußisch eng und genau. Es werden ja auch von angeblich hochprofessionellen Verfassungsschützern Mobiltelefone von V-Männern in Panzerschränken vergessen, so wie eben auch Zeugen des NSU-Komplexes in der Blüte ihrer Jahre wie die Fliegen wegsterben und Teile einer abgesprengten Hand aus der Asservatenkammer zum Oktoberfestattentat 1980 in München – äh, ja – abhandenkommen.
Unsere Lieblingszeitung FAZ hat das Thema Rigaer Straße deshalb auch dort verortet, wo es hingehört: im Feuilleton, da, wo die bunten Fantasien vom bedrohlichen Linksfaschismus blühen, während weite Teile des Landes längst in der stinkenden braunen Soße der National Befreiten Zone versunken sind. Ambros Waibel
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen