Familiengeheimnisse im Humboldt Forum: Über das Erzählen nach dem Verstummen
Im Berliner Humboldt Forum gab es ein inspirierendes Wochenende zum Thema „Verbergen oder erzählen?“ Schade, dass es so mäßig besucht war.
Gold schimmert im Halbdunkel des Skulpturensaals. Kein warmes Gold, eher ein kaltes, metallisches Leuchten, das sich über Körper legt, die zugleich menschlich und fremd wirken. Frauen in glänzendem Latex sitzen auf Sockeln, manchmal wird das Latex durch eine unsichtbare Technik stärker angesaugt, die Muskeln der Frauen treten hervor, und auch die Skulpturen, auf denen sie offenbar sitzen. Aus Lautsprechern mischt sich Musik wie aus einem Science Fiction.
Es ist ein Programmpunkt zweier Thementage am Wochenende mit dem Titel „Verbergen oder erzählen?“ im Humboldt Forum, das im Rahmen der Ausstellung „Beziehungsweise Familie“ stattfindet – eine Ausstellung, die noch bis August hier und im Museum Knoblauchhaus zu sehen ist. Selten hat ein Nachmittag seine Fragestellung so körperlich und direkt ins Bild gesetzt.
Die afrodeutsche Künstlerin Sarah Ama Duah hat mit ihren lebendigen Statuen, ihrer Performance „to build to bury to remember“ ein Tableau entworfen, das schnell lesbar ist – und sich zugleich jeder einfachen Deutung entzieht. Einerseits spiegelt sie den kolonialen Blick: die exotisierte Göttin, die idealisierte afrikanische Frau, reduziert auf Schönheit und Fruchtbarkeit. Andererseits geht es auch um Wiederaneignung. Die Performerinnen sitzen nicht als Objekte da, sondern als selbstbestimmte Körper, die den Blick zurückwerfen. Sie drücken ohne Worte aus, dass zu viele Artefakte im Humboldt Forum zur Zeit des Kolonialismus gestohlen wurden und längst in ihre Herkunftsgesellschaften hätten zurückkehren müssen.
Von dort führt der Nachmittag in einen abgedunkelten Seminarraum. Die russische Künstlerin Jana Romanova sitzt an einem Tisch. Vor sich hat sie einen Karton. Darin: zerrissene Familienfotos, gefunden bei ihrer Großmutter. Sie berichtet: Jahrelang habe sie mit diesen Fragmenten gearbeitet, sie ohne Erfolg versucht, sie neu zusammenzusetzen, sie fotografiert, durch Zeichnungen und kleine Gegenstände wie Steine und getrocknete Beeren vervollständigt. Das „Broken Archive“ ist ihr Versuch, einer verschwiegenen Biografie nachzuspüren.
Was ist das richtige Leben
Die Fotos, so recherchierte sie Stück für Stück, gehören einer Großtante – dem „schwarzen Schaf“ der Familie. Eine Frau, die sich nicht fügte, die nicht aufhörte zu träumen, „die nicht in die Erwartungen an eine osteuropäische Frauenrolle passte“, wie Romanova erzählt. Die Künstlerin erkennt sich in ihr wieder. Auch sie selbst bewegt sich als Künstlerin jenseits dessen, was ältere Generationen als richtiges Leben definieren.
Der entscheidende Moment kommt auf Zehenspitzen. Die Künstlerin erzählt, dass sie lange glaubte, die Großmutter habe die Fotos aus Wut zerrissen, um diese Tante auszulöschen. Erst nach Jahren erfuhr Romanova die Wahrheit: Die Großmutter liebte diese Frau so sehr, dass es ihr das Herz zerriss, sie scheitern und schließlich sterben zu sehen. Die Großmutter hat die Blockade von Leningrad erlebt. Sie hat ein Leben geführt, in dem Wünsche Luxus waren und Träume gefährlich. Vielleicht lehrte sie ihre Enkelin Bescheidenheit nicht aus Angst vorm Schicksal der Tante, sondern vor ihrem eigenen.
Plötzlich kippt die Bedeutung des Archivs. Die zerrissenen Bilder waren kein Akt der Verstoßung, sondern ein Ausdruck von Trauer. Das Schweigen entpuppt sich nicht als Kälte, sondern als Überforderung. Familiengeheimnisse erscheinen plötzlich nicht mehr als dicke Mauern, die es einzureißen gilt, sondern als fragile Konstruktionen aus Schutz und Schmerz.
Noch radikaler stellt sich diese Frage in der Performance „Hewa Rwanda“ des ruandischen Autors, Schauspielers, Tänzers und Regisseurs Dorcy Rugamba. Mit musikalischer Begleitung liest und singt er aus seinem Buch über seine Familiengeschichte – die Ermordung seiner kompletten Familie zur Zeit des Genozids in Ruanda 1994. Er stellt Fragen, die aus der deutschen Nachkriegsliteratur vertraut klingen: Was kann Sprache leisten? Wie beschreibt man ein Verbrechen, für das es keine Worte gibt?
Wie sprechen ohne Gewalt
Rugamba spricht davon, dass es Sprachen gibt, die kein Vokabular besitzen, um das Ausmaß dieses Leids zu fassen. Und davon, dass Sprache brutal werden müsste, um dem Brutalen gerecht zu werden. Was wiederum die Frage aufwirft, ob man überhaupt sprechen kann ohne Gewalt.
Jedes Jahr, erzählt Rugamba, kehrt er in das Haus seiner Eltern zurück, um zu trauern. Doch es gibt keine feste Form, kein Ritual, keine überlieferte Tradition, die ihm dabei hilft. Ohne Familie fehlt der Rahmen, in dem Trauer stattfinden kann. „Ein Einzelner macht keine Familie“, sagt Rugamba. Was bleibt, ist Schreiben. Und Sprechen. Und immer wieder das Scheitern daran.
Es ist bemerkenswert, dass sich ein Ort wie das Humboldt Forum einem Thema widmet, das so eng mit Kolonialgeschichte, Gewalt, Erinnerungspolitik und Schweigen verknüpft ist. Umso irritierender: An Orten wie der Volksbühne oder dem Heimathafen Neukölln, die in der Stadtgesellschaft fest verankert sind, hätte ein Nachmittag wie dieser womöglich für ein volles Haus gesorgt. Hier ist er nur mäßig besucht.
Noch immer gilt das Humboldt Forum vielen Berliner*innen eher als Touristenmagnet denn als lebendiger Ort für Diskurs. Das hat noch immer mit seinem Standort zu tun, mit dem rekonstruierten Schloss, das für viele ein Symbol preußischer Macht und Ausbeutung bleibt. Und mit dem Widerspruch, ausgerechnet dort Artefakte auszustellen, die im Kontext kolonialer Gewalt nach Berlin gelangten.
Der Nachmittag „Verbergen oder erzählen?“ zeigt jedoch, welches Potenzial in diesem Haus auch steckt. Vielleicht ist das ja ein Familiengeheimnis des Humboldt Forums: Es könnte längst ein Ort sein, den sich die Berliner*innen angeeignet haben und wo sie sich selbst befragen – dies aber noch viel zu selten tun.
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