Experten zur 1. mai-Studie: "Die Folge wäre Chaos"

Sollte sich die Polizei zurückziehen, um Krawall zu verhindern? Die Studie könnte das nahelegen

Zu den 1.-Mai-Krawallen kommt es auch deshalb, weil die Polizei "bei dem Konfliktgeschehen eine notwendige Bedingung darstellt", heißt es in der am Mittwoch vorgestellten Studie. "Diese im Grunde banale Erkenntnis muss für eine Analyse der gewaltsamen Auseinandesetzungen am 1. Mai in Kreuzberg ernst genommen werden". Im Umkehrschluss heißt das: ohne Bullen kein Krawall - eine Parole, die auf keiner linken Demo fehlen darf. Die taz hat Experten gefragt: Soll die Polizei das Experiment wagen und sich am 1. Mai aus Kreuzberg zurückziehen?

Robbin Juhnke, innenpolitischer Sprecher der CDU:

Das wäre grober Unfug. Wenn keine Polizei in Kreuzberg wäre, würde es am 1. Mai noch viel mehr krachen. Die Gewaltbereiten würden erst recht Oberwasser bekommen.

Peter Grottian, emeritierter Politologe:

Das habe ich Innensenator Körting schon am 1. Mai 2002 vorgeschlagen. Erst fand er die Idee gut, dann hat er kalte Füße bekommen. Heute ist die linke Szene in Teilen viel radikaler als damals. Das zeigen nicht nur die Autobrandstiftungen. Zudem ist der militante Teil der Szene völlig unzugänglich für Argumente der gemäßigteren Linken. Deshalb ist zu befürchten, dass sich die Militanten am diesjährigen 1. Mai mehr denn je auf eine Auseinandersetzung mit der Polizei fixieren werden. Wenn sich die Polizei aus Kreuzberg zurückzöge, würde das Feindbild fehlen. Das wäre ein gewagtes, aber lohnendes Experiment. Vielleicht würde man sich dann wieder auf politische Inhalte konzentrieren.

Benedikt Lux, innenpolitischer Sprecher der Grünen:

Ich bin dafür, das auszuprobieren. Am besten gleich am 1. Mai. Allerdings müsste der Szene zur Bedingung gemacht werden, dass es absolut friedlich bleiben muss, dass keine Geschäfte und Ähnliches zu Bruch gehen dürfen. Andernfalls wäre die Folge, dass die Polizei am nächsten 1. Mai wieder aufrüstet.

Marion Seelig, innenpolitische Sprecherin, die Linke:

Ich plädiere für größtmögliche Zurückhaltung der Polizei. Mit dieser Strategie sind wir in den letzten Jahren sehr gut gefahren. Aber ganz ohne Polizei? Das würde nicht funktionieren.

Thomas Kleineidam, innenpolitischer Sprecher, SPD:

Eine schöne Vorstellung, aber mir fehlt der Glaube dafür. Die Realität ist eine andere.

Michael Kronawitter, Antifa-Aktivist und Hausarzt in Kreuzberg:

Es würde zu wesentlich weniger Verletzten auf beiden Seiten kommen. Aber ruhig bleiben würde es wahrscheinlich nicht, weil sich am 1. Mai noch andere Konflikte entladen.

Klaus Eisenreich, Gewerkschaft der Polizei:

Dann würden sich all die, die Autos abfackeln und staatliche Einrichtungen angreifen, in Kreuzberg austoben. Die Folge wäre Chaos.

PROTOKOLLE: PLUTONIA PLARRE

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben