Essay Lektürebilanz unter Corona: Versuch über die Liebe zum Lesen

Literatur zur Ruhe und Entspannung? Ach was. Gerade in Zeiten von Corona geht es um Hinwendung zur Welt – zum Beispiel mit „Krieg und Frieden“.

Menschen mit Mundschutz stehen Schlange, einer liest

Lesen ist Kontaktaufnahme mit der Welt: Warteschlange in Berlin Foto: Karsten Thielker

Manche lesen derzeit so viel, als gäb’s kein Morgen. Für andere (mich) fallen ehrliche Lektürebilanzen dagegen ernüchternd aus. „Die Pest“ zum Beispiel habe ich schnell wieder beiseite gelegt. Man begleitet bald Männer, die schrecklich bedeutungsvoll über die Lage nachdenken, Exkurse über Seinsvergessenheit inklusive. Vielleicht ist mir das mittlerweile schlicht zu heroisch.

Ich bin zurzeit aber auch ungeduldig mit Büchern. Homeoffice, Home-Kita: In den zwei Stunden, die zum Lesen bleiben, sind auch andere Dinge zu erledigen. Beziehungsdinge. Informationsdinge: Das Internet nach Corona-News durchwühlen (in den ersten Wochen eine manisch betriebene Tätigkeit). Oder auch: Kopfhörer auf, einfach aus dem Fenster gucken. Muss auch sein. Und es ist nicht nur die fehlende Zeit, Romane haben unter diesen Umständen nicht immer den für sie nötigen gedanklichen Raum.

Allerdings gibt es einen Roman, dem gegenüber ich alles andere als ungeduldig bin; er hält vielmehr sogar ein Stück weit diese immer wieder seltsamen Tage unter Corona zusammen. Irgendwo stand schon geschrieben, dass „Krieg und Frieden“ zu lesen inzwischen eine Klischeevorstellung darüber ist, was man während des Lockdowns alles einmal machen könnte; nun, ich tue es tatsächlich.

Aktuell bin ich auf Seite 522 des zweiten Bandes in der wunderbar rauen Übersetzung von Barbara Conrad, Napoleon marschiert seit 100 Seiten in Moskau ein. Ich lese es sehr langsam. Die Liebesepisode zwischen Fürst Andrej und Natascha, die Wolfsjagd, in der der Mensch als das eigentliche Raubtier erscheint, die Schlacht von Borodino – am liebsten wäre mir gerade, solche Passagen würden niemals enden.

Bin ich etwa ein romantisierender Leser?

Die Liebe zum Lesen bekommt man derzeit auf vielen Kanälen gespiegelt. Als von Marketingmaßnahmen kaum zu unterscheidender Appell zum Bücherkauf. Als echte Sorge um kleine Buchhandlungen. Als fröhlich in den sozialen Medien geteilte Fotos von Buchpaketen, die dann weggelesen werden. Und eben auch als stille Klassikerlektüre.

Es bleibt aber auch ein Stachel. Bin ich etwa, während ich mich bei Camus von undeutlichen Gefühlen der Abwehr leiten lasse, bei Tolstoi – und unter den Nervositäts- und Zeitbedingungen von Corona – zum unkritischen, den Akt des Lesens romantisierenden Liebhaberleser geworden?

Über die Liebe zum Lesen und ihre Geschichte hat sich der Journalist Joshua Rothman kürzlich im New Yorker Gedanken gemacht. Rothman bezieht sich auf die Kulturgeschichte „Loving Literature“ der Literaturprofessorin Deidre Shauna Lynch. Ihr zufolge gibt es die Liebe zum Lesen – die sentimentalische Einfühlung in den Text, die Verehrung der Autoren und Autorinnen, die kultische Aufladung des Objekts Buch, die Lebenssinnstiftungshoffnungen – im englischen Sprachraum seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Werther, Lotte und Klopstock

Vorher hat man rational gelesen, immer auch um zu erfahren, wie man rhetorisch kraftvoll Sprache einsetzen kann, um sich gesellschaftlich zu behaupten. Die Erfindung der Liebe zum Lesen ging also, pauschal formuliert, einher mit der Erfindung des modernen Individuums.

Das ist nun kein origineller Befund. Im deutschen Sprachraum wäre auf die Periode der Empfindsamkeit zu verweisen. Berühmte Szene: Wie sich bei Goethe Werther und Lotte ihrer Gefühle versichern, indem sie auf ein Gedicht von Klopstock anspielen. Und es soll hier auch gar nicht um den Gegensatz zwischen gefühligem und rationalem Lesen gehen, der in Debatten rund um aristotelische Einfühlungsästhetik versus episches Theater, Emphatiker versus Gnostiker oder auch Thesenfreude versus Philologie immer mal wieder hochkocht.

Wirklich interessant an dem Aufsatz von Rothman ist vielmehr, dass er für die Liebe zur Literatur ganz automatisch von anderen Rahmenerzählungen ausgeht, als sie in Deutschland im Schwange sind. In Amerika existiert offenbar ein anders gestimmter Resonanzraum.

Entschleunigung und Kanonbildung

In Deutschland sind damit vor allem zwei Vorstellungen verknüpft: Entschleunigung und Kanonbildung. Beide Vorstellungen sind eh fragwürdig und werden derzeit vielleicht – hoffentlich! – auch ein Stück weit einkassiert. Entschleunigung braucht in Zeiten des Lockdowns kein Mensch.

Und die Vorstellung, dass es gesicherte kulturelle Fundamente gibt, auf die man bauen kann, steht in all ihrer Fantasiehaftigkeit da. Denn Corona zeigt doch gerade, dass die wirklich erschütternden Krisen immer aus den unerwarteten Richtungen kommen. Wer hätte Anfang dieses Jahres überhaupt für möglich gehalten, dass Deutschland seine Autoindustrie schließt und die Schulen zu sind? Kein Mensch.

Für Rothman und Lynch speist sich die Liebe zur Literatur aus anderen Quellen. Entscheidend ist für sie, dass Lesen „die Distanz zwischen einem selbst und den anderen sowie zwischen dem Jetzt und dem Dann“ überbrückt. Lesen, so verstanden, heißt also gerade nicht Seelenmassage oder Wellness jenseits der Zerrissenheit der Welt, sondern vielmehr Kommunikation, Kontaktaufnahme und ein Gefühl dafür, dass die Welt größer ist als das Zimmer, in dem man liest.

Der Austen-Kult, der Kafka-Kult

Auch Kanon-Ideen kann man mit Rothman und Lynch anders werten. Ein literarischer Kanon kommt bei ihnen vor, bildet aber keinen festen Felsen, um darauf Identitäten zu bauen. Stattdessen wäre es besser, von variablen Gravitationspunkten auszugehen, um die Praxis literarischer Kulte zu ermöglichen: Kulte um Jane Austen, James Joyce, Leo Tolstoi, Franz Kafka, Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann, neuerdings womöglich Karl Ove Knausgård.

Das trägt den ständig stattfindenden Verschiebungen im literarischen Feld Rechnung. Solche Kulte ermöglichen Gruppenbildungen der Verehrung, sind aber immer auch mögliche Angriffspunkte für Abwertungen von AutorInnen. Derzeit funktioniert etwa der Kult um Peter Handke in dieser Ambivalenz.

Hinwendung zur Weite der Welt und der Geschichte statt Entschleunigung, Literaturkulte statt Kanon als „eine feste Burg ist unsere Kultur“ – mir kommen die Rahmenerzählungen von Rothman und Lynch viel attraktiver und auch realistischer vor als die hierzulande derzeit üblichen.

Der Trost des Lesens

Wenn man „Krieg und Frieden“ liest, hat das jedenfalls mit Entschleunigung wenig zu tun. Man wird konfrontiert mit einer Vielzahl menschlicher Verhaltensweisen anlässlich eines unüberschaubaren historischen Geschehens. Zweifel, Irrungen und Wirrungen, Verblendungen, falscher Heroismus, auch jähe Erkenntnisse, Eröffnung von Sinnhorizonten (und dann wieder das Vergessen dieser Eröffnungen) – und das alles eben als Schiffbruch mit Zuschauer: Es lässt sich von diesem Durcheinander erzählen, und man kann das lesen.

Wenn Lesen einen Trost bereithält, dann liegt er auf dieser Ebene.

In der sehr empfehlenswerten Studie „Die Unruhe der Bücher“ von Sascha Michel (Reclam Verlag) steht der so pathetische wie vielleicht schlicht auch zutreffende Satz: „Genau dafür brauchen wir die Bücher: damit uns immer wieder schock­artig bewusst ist, wie viel größer das Universum ist, als wir es zu denken gewohnt sind.“

Lesen ist für Michel ein Herd der Unruhe und Kontingenz und eben gerade nicht eine kontemplative Quelle der Ruhe und Entschleunigung. So ist es. Und es ist es eine schöne Erfahrung, wenn man feststellt, dass die Liebe zum Lesen größer sein kann, als man von ihr zu denken gewohnt ist. Man muss vielleicht manchmal nur anders von ihr erzählen.

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