Eskalation der Corona-Debatte: Wütend in die Sterne gucken

Obwohl auch auf dem Land Unmut gegen Coronaregeln laut wird, verbleibt der offene Wahnsinn doch drüben in der Stadt – erstaunlicherweise.

Armbinde mit "Judenstern", in dem das Wort Ungeimpft steht

Mit diesem Abzeichen geben sich Arschlöcher auf den ersten Blick zu erkennen Foto:

Nun haben es die grässlichen Stern-Aufkleber also doch hier raus geschafft: gelb und gespenstisch, mit der Aufschrift „ungeimpft“ in Fraktur. Und obwohl sie von ersten Sichtungen im Internet ein paar Monate gebraucht haben, über die Laternenpfähle der Großstadt bis aufs Dorf – sie kommen doch bemerkenswert pünktlich zur jüngsten Eskalationsstufe des Corona-Irrsinns.

Aber kurz nochmal zurück in die Stadt – nach Bremen – wo die Sticker vor Monaten schon klebten und wo vergangene Woche ein querdenkender Ringelpiez anstand. Die Stimmung war gut, bei uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite zumindest, wo sich die üblichverdächtigen Antifa-Schnuckis getroffen hatten, um wüst die Leute zu beleidigen. „Scheißt ihnen in die Klangschalen“, hatte einer auf sein Schild geschrieben, der es inzwischen auch überregional zu Ruhm und Likes im Internet gebracht hat.

Irgendwie tat das gut, weil ich den launigen Ton der Auseinandersetzung vergessen hatte und zuletzt auch müde war – gerade von der linken Bullshit-Jonglage mit den Kategorien. Masken tragen, impfen, sich zusammenreißen: alles wichtige Sachen, die aber nun wirklich keiner Theorie- und Szenefolklore benötigen. Es nervt, den Autoritarismus im Infektionsschutz eben nicht nur auszuhalten, sondern ihn zur schwülstigen Solidaritätsgeste umzumuddeln.

Keinen Deut besser ist freilich die selbsternannte Mitte, die vom zu großen Zweitwagen über Qualfleisch und Vielfliegerei seit jeher bei jedem Mist dabei ist. Und eben dieses geistlose Mittapern plötzlich als Sternstunde der Aufklärung zu inszenieren versteht.

Je weiter jedenfalls die Stimmung in Internet und Metropole hochkocht, desto offensichtlicher scheint mir, dass die Welt auf dem Dorf anders tickt. Vielleicht weil man hier zum Mitlaufen gar keine Ausrede braucht und selbst für die konformistische Revolte noch zu konformistisch ist. Statt mit Vorträgen über Viren und/oder den autoritären Charakter ins Handgemenge zu ziehen, sorgt man sich hier eher harmlos-monologisch um die Krise der anderen.

Spaltung ist der Anfang von allem

Tatsächlich wird zwischen Sportverein, Schule und Kaufmannsladen sehr viel gesprochen (und noch mehr „gewhatsappt“) über die „Spaltung der Gesellschaft“ – als hätten sich plötzlich alle am Mängelexemplar der selben Soziologieeinführung überfressen. Das wäre ja auch gar nicht mal so falsch, wenn sie denn die althergebrachten Spaltkeile von race, class, gender und so weiter meinten. Und eben nicht das austauschbare Meinen und Finden zur Seuchenlage. Das so irritierende wie beruhigende Ergebnis meiner oberflächlichen Recherche: Hier sind zwar fast alle gegen den Impfzwang, aber doch ganz alle geimpft.

Dabei hätte man hier, anders als in der Stadt, sogar eine Art Anlass, auf die Barrikaden zu gehen. Trotz eklatanten Mangels an Testkapazitäten in Niedersachsen nämlich „2G-Plus“ zu verordnen, steht schon recht weit oben auf der Liste der beknackteren Maßnahmen – und darf als Meilenstein der Umwandlung des „Lockdowns für Ungeimpfte“ in einen „Lockdown für ausgerechnet und ausschließlich jene, die sich überhaupt noch an irgendwas halten“ gelten.

Doch auch wenn es so klingt: Ich will mich nicht raushalten aus der Debatte. Und wenn zum Eintritt offenbar beide Seiten einen Nazivergleich vorlegen müssen, dann bringe ich eben einen mit: Faschistisch sind nicht Impfpass, Maske oder geschlossener Saunaklub – sondern der sozialdarwinistische Traum von der „natürlichen“ Durchseuchung, davon, dass nur alles wieder gut wird, wenn erst verreckt ist, wer nicht taugt für die schöne neue Welt.

Das wäre eine ganz einfache und knusprig konkrete Inhaltsbestimmung, für die es weder die traurigen Statistiken über den Impfskeptizismus unter den Wäh­le­r:in­nen dieser oder jener Schweinepartei, noch intensivere Gesinnungs- oder Kontaktschuldermittlungen bräuchte.

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Jahrgang 1982, schreibt aus dem Bremer Hinterland über Kultur und Gesellschaft mit Schwerpunkten auf Theater, Pop & schlechter Laune.

Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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