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Erst reden, dann zuschlagen

Von Fabian Tietke

Masters of the Universe“ beginnt mit den ganz großen Fragen. Schafft auch der männliche Teil der Welt es, zu mehr als Draufhauen als Konfliktstrategie zu finden? Eigentlich eine interessante Frage, zumal im Actionfilm, dessen ganze Logik allzu oft auf der Faszination von in mehr oder weniger fadenscheinige Handlung eingebetteter, schnell montierter Gewalt aufbaut.

Travis Knights „Masters of the Universe“ greift die hypermaskuline Legendenwelt der Action-Puppen um He-Man und Konsorten aus den frühen 1980er Jahren auf. Es ist der zweite Film aus dem Relaunch der Filmproduktion des Puppenherstellers Mattel nach dem Megaerfolg von Greta Gerwigs „Barbie“ (2019). Knight nähert sich dem He-Man-Universum, das Anfang der 1980er Jahre eine damals sehr zeitgeistige Mischung aus Fantasiewelt und Steroid-Body-Building-Kultur aufgriff, mit einem ebenso naheliegenden, wie in der Umsetzung dennoch überraschenden Schritt: dem in die Meta-Debatte.

„Masters of the Universe“ zeigt, beginnend mit der Kindheit, den Werdegang seines Protagonisten. Adam, der erst später zu He-Man werden soll, findet es deutlich attraktiver, mit seinem sprechenden Tiger Cringer zu spielen, als fortwährend sich den Erniedrigungen des Kampftrainings zu unterziehen. Doch zu Adams Leidwesen gehört Kampftraining durch Duncan, den Anführer der königlichen Leibgarde, zu den Kernbeschäftigungen eines heranwachsenden Prinzen von Eternia.

Adam kann nicht kämpfen und will nicht kämpfen. In dieser Hinsicht dürfte es für ihn sogar eine Erleichterung sein, dass kurz darauf Skeletor und seine böse Gefolgschaft Eternia erobern. Adam kann als Einziger durch ein magisches Portal in die Heimat seiner Mutter, die Erde, entkommen. Unpraktischerweise kommt ihm beim Sturz durch das Portal das magische Schwert abhanden, das die Macht von Schloss Greyskull, dem Familiensitz von Adams Familie, birgt und ihm die Möglichkeit gibt, zurückzukehren.

Er ist in der Lage, Konflikte verbal zu lösen

15 Jahre verbringt Adam (nun als Erwachsener: Nicholas Galitzine) auf der Erde und führt ein alltägliches Leben. Er teilt sich eine Wohnung mit einem Mitbewohner, der als emotionales Ventil heimlich Schnulzen auf dem Sofa der WG guckt, und arbeitet in einer Personalabteilung, wo er Konflikte schlichtet. Knight zeigt Adam als muskelbepackten Mann, der jedoch dem visuellen Klischee zum Trotz in der Lage ist, Konflikte verbal zu lösen und Zugang zu seinen Emotionen hat.

Dass dieses Gegenbild in einem geradezu ikonisch aufgeladenen rosafarbenen Hemd, das Adam trägt, ebenfalls zum Klischee gerinnt, kann man dem Film je nach Haltung des*­der Zu­schaue­r*in nachsehen oder als Vorbote kommender Probleme des Films sehen.

Jedenfalls: Die Sehnsucht nach seiner Familie und die Suche nach dem verlorenen Schwert lassen Adam nicht los. Die Wände seines Zimmers sind übersät mit Zeichnungen, und in seiner Erinnerung hat er den Helden seiner Kindheit Namen gegeben, die ihre Kampfkräfte auf den Punkt bringen. Die Suche nach dem Schwert jedoch scheint aussichtslos, bis er eines Tages einen Hinweis auf einen Rollenspielladen bekommt, in dem das Schwert Teil einer Ausstellungsfigur ist. Als dann noch seine Kindheitsfreundin Teela (Camilla Mendes) auftaucht, als Adam auf einer Stadtautobahn von einem felligen Fantasiewesen angegriffen wird, ist der Weg nach Hause offen.

Entgegen der klassischen Ikonografie eines Actionhelden

Etwa das erste Drittel des Films funktioniert der Versuch Knights und des Drehbuchteams aus Chris Butler, den Brüdern Aaron und Adam Nee und David Callaham (der auch an allen drei Expendables-Filmen sowie Patty Jenkins „Wonder Woman 1984“ mitschrieb), Adam/He-Man gegen den Strich zu bürsten, trotz einiger Grobschlächtigkeit, durchaus. Drehbuch und Inszenierung zeigen Adam als knuffigen Antihelden, mit einem Männlichkeitsentwurf, der der klassischen Ikonografie eines Actionhelden entgegensteht.

Doch die Ikonografie He-Mans war eben immer schon etwas anders. Zwar griff die erste Live-Action-Verfilmung von 1987 von Gary Goddard für die B-Film-Produktionsfirma Cannon Group eher das Klischeebild vom muskelbepackten Helden auf (Dolph Lundgren, damals Darsteller von He-Man, hat im aktuellen Film einen kurzen Cameo-Auftritt), die bereits zuvor entstandene Animationsserie „Masters of the Universe“ wurde jedoch früh auch in ihrer Offenheit für schwule Lesarten entdeckt. Die Welt aus halbnackten, muskelbepackten, schwitzenden Männern in Lederharnessen und die Doppeldeutigkeiten von Schwertern als Metaphern für Penisse führten zu einer lebendigen Fan-Kultur.

Das Drehbuch zum aktuellen Film greift diese Lesarten in einer Sprache voller sexueller Doppeldeutigkeiten auf, macht an den Ursprung dieser Lesart in schwuler Popkultur aber nur das Zugeständnis, Adam das Love interest in Gestalt seiner Kindheitsfreundin Teela zu verwehren.

Männer bleiben am Ende einfach Männer

Und auch in Sachen progressivere Männlichkeit sind es dieses Mal die guten Vorsätze, die im magischen Portal, das Adam zurückbringt nach Eternia, verloren gehen. Das rosa Hemd und Adams Überzeugungen, dass Konflikte anders zu lösen sind als durch Gewalt, taugen jetzt nur noch für Lacher. Und auch sonst entscheidet sich der Film mit der Rückkehr nach Eternia und der Konfrontation mit Skeletor wieder für klassischere Formen der Figurenzeichnung.

„Masters of the Universe“ kehrt zu einem manichäischen Kampf Gut gegen Böse zurück und blinkt in Richtung Retro-Mode mit einem Soundtrack, der einem in endlosen Gitarrenthemen mit viel Flanger und Delay den Geist der 1980er Jahre einem mit so viel Appeal entgegenhaucht, als hätte man am Morgen nach einer Party aus Versehen in einen vollen Aschenbecher geatmet.

Wer vom Patriarchat nicht reden will, soll auch von der Männlichkeit schweigen

Das rosa Hemd und der Gegensatz Reden – Zuschlagen wandeln sich in „Masters of the Universe“ von einem Bild, das zumindest verkürzt auf eine Kritik an patriarchalen Männlichkeitsformen verweist, zu einem sinnentleerten Running Gag. Dieser legt offen, dass schon die Kritik im ersten Teil zu kurz griff. Feministische Theoretikerinnen wie bell hooks haben wiederholt darauf hingewiesen, dass die Auseinandersetzung mit Männlichkeiten individuell und gesellschaftlich sein muss.

Das Drehbuchteam von „Masters of the Universe“ verweigert diesen Schritt und belässt Adams Hadern mit einer „Heldenmännlichkeit“ im Bereich des privaten Spleens. Doch – in Paraphrase des wohl meist zitierten Horkheimer-Diktums: Wer vom Patriarchat nicht reden will, soll auch von der Männlichkeit schweigen. Darin begegnen sich denn auch große Teile jener schwulen Fan-Fiction, die der Film halbherzig als subkulturelles Gegenbild aufgreift, mit dem Mainstream-Appeal des He-Man-Franchises überhaupt.

Am Ende wird man sich als Zu­schaue­r*in selbst entscheiden müssen, ob man eher den inkonsequenten Versuch würdigen möchte, das gegenwärtige Actionfilm-Einerlei zu durchbrechen und das Genre einer anderen Männlichkeitskonstruktion zu öffnen, oder ob man von der Inkonsequenz und dem Sturz in die Ridikülisierung abgestoßen wird. Im ersten Fall ist „Masters of the Universe“ einen Gang ins Kino durchaus wert, im letzteren guckt man vielleicht doch lieber was anderes.

So oder so: Versuch und Scheitern in „Masters of the Universe“ umreißen präzise Handlungsspielraum und Grenzen einer politischen Öffnung des kommerziell wichtigsten Mainstream-Genres der Gegenwart, des Superheldenfilms. Diversitätsstrategien dienen hier lediglich der Erweiterung des Feldes möglicher Zuschauer, ohne die Balance einer Abstrahlung progressiver Konzepte in den Mainstream auch nur zu versuchen.

„Masters of the Universe“. Regie: Travis Knight. Mit Nicholas Galitzine, Jared Leto u. a. USA 2026, 133 Min.

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