Ersatzreligion Fußball: FC Sakral verliert haushoch
Dass der Fußball die Kirche als religiöse Heilanstalt längst abgelöst hat, weiß nun auch das Beratungsunternehmen McKinsey.
W er noch nicht um die echt krasse Bedeutung des Fußballs in Deutschlands wusste, der weiß es jetzt. McKinsey hat eine Studie veröffentlicht. Das tut die Unternehmensberatung alle fünf Jahre, jetzt unter der Überschrift „Mehr als nur ein Spiel“.
Sie kommt unter Anwendung von allerlei bilanztechnischen Tricks zu der Aussage, die Steuereinnahmen durch den Fußball seien größer als die Kosten für die Bundespolizei und richtet dieses Statement wohl vor allem an jene, die die immensen Kosten durch Polizeieinsätze bekritteln.
Der Fußball dient dem Gemeinwohl, sagen die Dienstleister von McKinsey und werden von der Deutschen Fußball Liga (DFL) dafür natürlich heftig beklatscht: Die Bundesliga sei ein bedeutender Wirtschaftsmotor, freut sich DFL-Geschäftsführer Lenz über die freundliche Schützenhilfe durch die Berater.
„Bedeutender Lebensinhalt“
Schier aus dem Häuschen dürfte Herr Lenz gewesen sein, als er diesen Befund vernommen hat: In einer repräsentativen Umfrage gaben 41 Prozent der von McKinsey Befragten an, dass die Fußballbundesliga für sie ein „bedeutender Lebensinhalt ist“. Zum Vergleich: Die Kirchen kamen in dieser Umfrage nur auf ein Ergebnis von 12 Prozent.
Wenn das Bedürfnis nach einem gemeinsamen religiösen Bekenntnis schwindet, dann müssen Ersatzreligionen her, denn der Mensch will ja immer noch glauben und hoffen. Er sucht nach Erlösung, Transzendenz, innerer Erbauung – und Gemeinschaft. Die katholischen und evangelischen Kirchen können diesen Beistand kaum mehr leisten. Die vermeintlichen Seelsorger haben zu oft verwundete und enttäuschte Seelen hinterlassen.
Dass sie ihren Fokus mehr und mehr auf das Weltliche gerichtet und damit ihren Kernbereich des Sakralen vernachlässigt haben, hat zu einem weiteren Mitgliederschwund geführt. Die Kirche ist allzu oft banal und ranschmeißerisch geworden – und die Quittung dafür hat sie bekommen: Seit dem Jahr 2001 ist die Mitgliederzahl der evangelischen und der katholischen Kirche zusammengenommen um mehr als 14 Millionen Gläubige zusammengeschmolzen. Immer weniger wollen Kirchensteuer zahlen.
Der Fußball indes bietet stabile Verhältnisse. Man singt wie in der Kirche, nur stimmgewaltiger. Man rezitiert Psalmen, nur tut man das gemeinsam in großer Zahl. Im eschatologischen Sinne freuen sich nicht nur die Ultras auf die Ankunft eines Messias, den sie oft sogar einmal pro Saison willkommen heißen können, nein, es ist die breite Fanbase, die den 50-Millionen-Einkauf anhimmelt.
Die Bibel „Fußball unser“ gibt es längst. Der Prediger heißt im Stadion Kapo. Die Arenen werden als Tempel beschrieben, und christliche Rituale (Weihnachtssingen) werden in ihnen auch abgehalten. Wir halten fest: Der Trend wird sich fortsetzen. Der Fußball gewinnt. Die Kirchen verlieren. Es ist ein Kantersieg. 8:2 mindestens.
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