Erfahrungen beim Heterodating: Aus einem anderen Jahrhundert

Liebeskummer lässt einen Dinge ausprobieren. Wer seine Tinder-App auf „alle Geschlechter“ umstellt, kann allerdings schnell genug haben.

Ein Mann im Bodybuilderkostüm hantiert an einem Boxsack

„Männer, lol“ Foto: Westend61/imago

Bis vor wenigen Wochen hatte ich noch nie einen cis Mann über eine Onlineplattform gedatet. Dabei habe ich nichts gegen Männer, gelegentlich finde ich auch mal einen ganz attraktiv. Was Online-Dating angeht, habe ich es in meinem Freun­d*in­nen­kreis sogar zu einem gewissen Expertinnenstatus gebracht. Meine Datingapps waren nur immer so eingestellt, dass mir keine cis Männer angezeigt wurden. Ich hatte einfach zu viel über Dickpicks auf Tinder gehört, gar keinen Bock.

Die Lust aufs Online-Daten kommt bei mir in Wellen. Meist korrespondieren sie mit einer großen Unlust, am Schreibtisch zu sitzen mit dem damit einhergehenden Verlangen, stattdessen Bilder von gut aussehenden Leuten hin und her zu swipen. Mit der jüngsten Welle kam mir die Idee, einmal etwas völlig Neues auszuprobieren: Männer daten.

Ich gebe zu, meine letzte Trennung ist noch nicht lange her und wahrscheinlich habe ich einfach meinen Ex-Freund vermisst. So irrational das auch sein mag, nach der vorherigen Trennung von meiner Ex-Freundin hatte ich lange Zeit auch nur Frauen auf dem Radar.

Ich hätte mich natürlich auf OKCupid anmelden und sorgsam die Profilromane linksradikaler lost boys sortieren können. Aber das war mir zu viel Aufwand, dafür, dass ich mich doch nur ein bisschen vom Arbeiten und Liebeskummer ablenken wollte. Good old Tinder also.

Fast nur noch Männer

Kaum hatte ich meine Präferenzen in der App auf „alle Geschlechter“ umgestellt, wurden mir fast nur noch Männer angezeigt. Während ich mich durch diesen Schwall an durchschnittlicher Männlichkeit swipte, fühlte ich mich wie früher mit 18, wenn ich nach dem Feiern alleine über die Hamburger Reeperbahn zur S-Bahn ging. Erinnerungen an grölende Männertrauben kamen in mir hoch, an Wolken von Aftershave und Bierfahnen, hässliche Sprüche, unkontrolliertes in mich Hineintorkeln, Hände an meinem Körper.

Datingapps sind zum Glück geruchs- und gefühlsneutraler als die Reeperbahn. Dennoch fühlte ich mich völlig übermannt. Ein Auszug aus meiner nicht ganz repräsentativen Studie zu Männlichkeitsklischees auf Tinder: Bilder mit nacktem Oberkörper, Bilder im Fitnessstudio, Bilder in Anzug, Bilder in oder vor Autos, Bilder beim Surfen, Klettern, Paragliden.

Die Aussage dahinter: „Ich bin stark, ich bin erfolgreich, ich bin mutig“. Männer lol. In welchem Jahrhundert ist bitte dieses Heterodating hängen geblieben? Eine zaghafte Weiterentwicklung des dominanten Männlichkeitsbildes könnte die ebenfalls sehr beliebte Kategorie „Bilder mit süßen Katzen und Hunden“ andeuten. Vielleicht sollen sie vermitteln: „Ich bin stark und erfolgreich, aber auch liebevoll und einfühlsam“? Oder aber sie bedeuten nichts weiter als: „Guck mal, immerhin mein Hund ist cute.“

Mit ganzen drei cis-männlichen Matches habe ich mich sogar getroffen. Wie das ablief, erzähle ich hier vielleicht ein anderes Mal. Spoiler: Das Experiment hat keine sechs Wochen gedauert. Meine Dating-Apps sind wieder auf FLINTA* eingestellt. Dinge, die man tut, weil man den Ex-Freund vermisst, sind einfach selten eine gute Idee.

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Lou Zucker ist Journalistin und Autorin. Als Redakteurin arbeitete sie für neues deutschland, Supernova, bento und Der Spiegel, derzeit ist sie Chefin vom Dienst bei taz nord in Hamburg. Ihr Buch „Clara Zetkin. Eine rote Feministin“ erschien in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

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