: Er ist Holz
Sascha Weisert brennt fürs Möbelrestaurieren. Wenn er mal keine Lust hat, geht er Rosen schneiden. Und tanzt in Breslau, Prag und Wuppertal ganze Wochenenden durch
Von Florian Nass (Text) und Andreas Fechner (Fotos)
Sascha Weiserts Lieblingsholz ist die Walnuss: Die sei „klar, extrovertiert“. Auch Weisert selbst identifiziert sich mit dem Werkstoff. „Ich bin Holz!“, sagt er.
Draußen: Fünf Gehminuten vom Düsseldorfer Hauptbahnhof verbindet die Hüttenstraße die gentrifizierte Friedrichstadt mit dem Arbeiterviertel Oberbilk. Zwischen S-Bahn-Gleisen, „Oberbilker Grill“ und Graffiti-Shop sticht das Fenster eines Ladenlokals aus einer Reihe dunkler Nachkriegsbauten hervor. Ein kleiner roter Engel auf der Lehne eines Holzstuhls lädt in die Werkstatt ein: „Gestatten, Sascha Weisert, Holzrestaurator.“
Drinnen: Der 62-Jährige steht vor einem Barockschrank aus dem 18. Jahrhundert, der ein paar tausend Euro wert ist: „Na ja, da tu ich halt mein Zeuchs rein“, sagt er und lacht. Weisert ist umgeben von Schraubzwingen, Werkstücken, Tischkreissägen und einer Elektroherdplatte, auf der in großmütterlichen Emailletöpfen Knochen- und Hasenfellleim köcheln. Mit einem Stück Palo Santo, einem stark duftenden Räucherholz aus Peru, das auf seiner Werkbank liegt, vertreibt er die bissigen Gerüche der Arbeitsutensilien. Von früh bis spät spielt sein 90er-Jahre-Ghettoblaster WDR3 Klassik. „Ich push mich hier total runter mit der Arbeit“, sagt Weisert.
Symbiosen: Eine Trennung zwischen Leben und Arbeit gebe es nicht, „das war bei mir schon immer eins“, sagt Sascha Weisert. Die Wohnräume schließen direkt an die Werkstatt an, mit einem Schritt wechselt er von privat zu professionell. Kochbuch, Küchenzeile, Computer, an der Wand ein englischer Paravent aus dem 18. Jahrhundert („Der muss nochmal zum Papierrestaurator, aber hübsch, oder?“). An der Schlafzimmertür ein Poster mit Fußreflexzonen, hinten raus ein kleiner Garten. Fast so wie das Schichtprinzip im Theater: öffentlich, semi-öffentlich, privat. „Hab ich mal keinen Bock, geh’ich hinten Rosen schneiden.“
Herkunft: „Na klar!“, Künstler wollte Weisert „schon als Kind immer werden“. Er wächst in Reutlingen auf, die schwäbische Alb sei so etwas wie seine Spielwiese gewesen. Ob daher die Liebe zum Holz kommt, weiß er nicht – das urwüchsige Mittelgebirge prägt ihn jedoch nachhaltig. Mit 15 beginnt er zu zeichnen, malt die Landschaften seiner Heimat und Porträts der ersten Freundin. Später träumt er von einer Zukunft als Lithograf, will in Südfrankreich im eigenen Atelier leben. Nach der Schule folgt die Tischlerlehre, dann will er weg, „unbedingt!“
Hingehen: Bereits während der Lehre trampt er nach Wien, will die Tischlerei beenden, Kunst studieren. Er stellt sich bei Maria Lassnig vor, Professorin an der Angewandten, zeigt Drucke und Zeichnungen. „Die warf täglich fünfzig Leute raus.“ Am vierten Tag sitzt Sascha Weisert immer noch da, hat längst kein Geld mehr. Aus Mitleid darf der 19-Jährige in der Vorküche eines Männerwohnheims schlafen, sitzt täglich in Kaffeehäusern und spielt Schach gegen Fremde. Mit den Gewinnen finanziert er seine Verpflegung und spart für die Rückfahrt nach Reutlingen. Denn Lassnig will auch ihn nicht. Er verlässt die Stadt trotzdem grinsend: „Du musst halt hingehen, sonst erlebst du nichts!“
Frühling: Nach Abwegen in Berlin zieht er die Reißleine und geht ins beschauliche Freiburg, widmet sich seiner Bewerbungsmappe für Kunstunis und bekommt nur Absagen. Von der Mutter hatte er das Kochen gelernt, Weisert arbeitet nun als Saucier im Restaurant. Als ihn ein Schlosshotel abwirbt, stellt er sich schon auf Plan B ein: Koch werden. Da kommt die Zusage aus Kassel dazwischen. Weisert verlässt Freiburg, um sich seinen Traum zu erfüllen, da ist er 24.
Studium: Kassel mag er zwar nicht, das Studium schon. Für seine Abschlussarbeit funktioniert er einen alten Schrank zu einer Lochkamera um, stellt ihn in ein Maisfeld vor Kassel und entwickelt die Bilder, die durch das Loch auf die Rückwand geworfen werden, an der lichtempfindliches Negativpapier hängt. Später will er sie in der Dunkelkammer noch vergrößern. Die Entwicklungsbäder seien so groß gewesen, dass er und seine Helfer in Gummistiefeln durchlaufen mussten.
Wachsen: Nach dem Examen und ohne Künstlerkarriere in Aussicht handelt Sascha Weisert auf Flohmärkten, um sich über Wasser zu halten, und kommt so zum Restaurieren. Seine erste Werkstatt ist ein Kuhstall, in den er sich mit einem Kommilitonen einmietet. Die Tischkreissäge, die er damals dem Bauern abkaufte, nutzt er noch heute. Zwei Jahre lernt er bei Restauratoren in Mainz und Wiesbaden, fragt in Museen: „Hilfe, ich hab hier ein Barockmöbel, kann wer helfen?“ Heute möchte er „die Funktion des Möbels erhalten und seine Geschichte erzählen“, seit fünfzehn Jahren lebt er ausschließlich davon. „Mit dem Tischlern und dem Kunstexamen hab ich mir ein gutes Paket geschnürt“, sagt er.
Tanzen: Am Flohmarktstand verliebt er sich in eine Tänzerin, will ihr imponieren und fängt ebenfalls an zu tanzen. Durch sie kommt er zum Tango, dann zerbricht die Liebe und er zieht nach vierzehn Jahren Kassel nach Köln. Der Tango bleibt, noch heute tanzt Weisert in Breslau, Prag und Wuppertal ganze Wochenenden durch. Seinen 60. verbringt er in Buenos Aires, „wie sich das für einen Tangotänzer gehört!“. Da ist er schon Schmerzpatient, jeder Schritt tut weh. Für den Airport-Transit in Madrid bucht er sich den Rollstuhlservice, „na, um die Knie zu schonen“, sagt er lachend. „Ich wollt’ ja noch tanzen!“
Wegzoll: Angekommen in Köln verliebt sich Sascha Weisert wieder, diesmal beim Tangotanzen. Die Düsseldorferin bestärkt ihn, auch rechtsrheinisch würden junge Männer gebraucht. Er findet eine Werkstatt und zieht spontan in die Landeshauptstadt. Ein Glücksgriff: Düsseldorf ist nicht so überprofessionalisiert wie Köln. „Zwischen all den Diplomrestauratoren wär ich da ja untergegangen.“ Auch diplomlos macht er sich über die Jahre einen Namen, gibt Restaurationsseminare, ist seinen Mietzahlungen aktuell ein halbes Jahr voraus. Düsseldorf sei immer noch die richtige Stadt, seit 24 Jahren lebt er hier. Rückblickend sei die Liebe oft „Wegzoll“ gewesen.
Loslassen: Seit einer Romanze mit einer Chilenin damals im Studium träumt Weisert von Südamerika. Fast 40 Jahre später erfüllt er sich den Traum und reist in die peruanischen Anden. Unter Aufsicht eines Schamanen konsumiert er San Pedro, eine Heilpflanze mit psychedelischen Effekten, und erklimmt die Stufen zum Machu Picchu, unterschiedlich hoch in den Stein gehauen. „Die haben das extra gemacht, da kommt man ins Denken!“, glaubt er. Oben angekommen bricht er in Tränen aus, „da kam alles raus, literweise!“ Er sei so lange erfolglos gewesen, brotloser Künstler und Handwerker. Zwischen den Gipfeln der Anden erlebt er eine Art Versöhnung mit sich.
Essenzen: Zwei Fragen seien im Leben entscheidend: „Was ist meine Aufgabe? Wofür brenne ich?“ Sascha Weisert erzählt von einem Freund, der sich diese Fragen nie stellte und stattdessen „als verlängerter Arm seines Vaters lebt: Beamtenlaufbahn, Sicherheit …“ – gut, das sei alles zu honorieren, sagt er, aber diese Person, „ist er das wirklich?“. Über die Jahre habe Weisert erkannt, dass ein gut geführter Haushalt nicht viel nützt, wenn man keinen Frieden mit sich findet. „Ich bin dankbar, dass ich Holz habe!“, sagt er. Auf die Frage „Wer bist du?“ würde Weisert antworten: „Ich bin Holz: Verbunden mit meiner Geschichte wachse ich weiter, die Wurzeln in der Erde und die Krone des Baumes, die in den heaven ragt.“
Bergauf: Im Sommer will Sascha Weisert die Alpen mit dem Rad überqueren. Er zeigt auf sein E-Bike, das an der Wand lehnt, und lacht: „Ich hab Übergewicht, junger Mann. Ich bin froh, wenn ich überhaupt was reiße.“ Während Corona geht er dreimal wöchentlich zum Hot Yoga, wiegt die Hälfte, isst nur Raw-Produkte. Die Pfunde sind wieder drauf, so schnell könne sich der Körper nicht umstellen, sagt er. Auch sonst lebt Sascha Weisert ohne Hast, eine der zwei Werkstattuhren steht still. Das Training für die Alpentour will er ebenfalls ruhig angehen. Er sei zwar langsamer als die anderen, „aber das ist mir völlig egal!“.
Fernsicht: 2026 ist bereits „intensiv“ gestartet: Zum Jahresbeginn hat er beim Tango in Warschau eine Rumänin kennengelernt, die bald ein „Festivalito“ veranstaltet. Sie hat ihn gebeten zu kommen. Natürlich wird Sascha Weisert hinfahren: „Total lässig, verstehst du?“
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