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Epsteins Russland-Kontakte„Satanische Sümpfe“

Holte der Sexualstraftäter Jeffrey Epstein im Auftrag des russischen Geheimdienstes FSB Frauen in den Westen? Belege gibt es viele, Beweise bisher nicht.

Maria Sacharowa, Stimme der moralischen Überlegenheit Russlands, rechts im Bild. Links neben ihr Putin, reinstens Herzens Foto: Mikhail Sinitsyn/Itar-Tass/imago

Die Epstein-Affäre ist jetzt auch im Kreml angekommen. Der Sprecher von Machthaber Wladimir Putin sah sich gezwungen, am vergangenen Dienstag Treffen zwischen dem Kremlherrn und Epstein zu dementieren. Denn in den jüngst vom US-Justizministerium veröffentlichten Epstein-Dokumenten ist auch davon die Rede, „Epstein war der Vermögensverwalter von Putin“ (Quelle: Anonyme FBI-Quelle, Wealth Manager), und er solle Putin getroffen haben. Das Dementi kam, nachdem auch russische Medien das Thema breit aufgenommen hatten.

Epstein soll demnach auch versucht haben, Putin vor dessen erstem Treffen mit Donald Trump in Helsinki 2018 über den US-Präsidenten zu informieren. Der Name Putin ist in den veröffentlichten Epstein-Files 1056-mal erwähnt, Russland 15.040 und allein die Stadt Moskau 9.486 Male.

In Polen werden die neu aufgetauchten Papiere so ernst genommen, dass dort eine Untersuchung eingeleitet wurde, um zu klären, ob Epstein als Spion für Russland tätig war. „Immer mehr Hinweise, immer mehr Informationen und immer mehr Berichte in der internationalen Presse deuten darauf hin, dass dieser beispiellose Pädophilie-Skandal von russischen Geheimdiensten mitorganisiert wurde“, sagte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk auf einer Kabinettssitzung am Dienstag.

Tusk will jetzt ein Expertenteam einsetzen, um Epsteins Spur nach Moskau nachzugehen – denn er sehe die Sicherheit seines Landes in Gefahr: „Polen wird nicht so tun, als sei nichts geschehen.“ Denn die „sogenannte Honey Trap, eine süße Falle, wurde für die Eliten der westlichen Welt, vor allem der Vereinigten Staaten, aufgestellt“. Tusk meinte: „Das kann nur bedeuten, dass sie auch kompromittierendes Material gegen viele heute noch aktive Führungskräfte besitzen.“

Kompromittierendes Material

Diese „Honey Trap“ funktionierte demnach so: Epstein soll mit Hilfe des russischen Geheimdienstes FSB junge Frauen aus Russland in die USA geflogen haben. Die Mädchen und jungen Models sollen Politikern, bekannten Unternehmern und Mitgliedern von Königshäusern gezielt angeboten worden sein, um dann bei intimen Treffen Fotos und Videos für den FSB zu machen. In Russland wird dies „Kompromat“ genannt – kompromittierendes Material, um Menschen zu erpressen.

Dass der FSB so arbeitet, ist belegt: Der frühere Generalstaatsanwalt Juri Skuratow, der gegen den damaligen Präsidenten Boris Jelzin wegen des Verdachts der Annahme von Schmiergeldern ermittelte, wurde 1999 beim Sex mit zwei Prostituierten gefilmt.

Als Skuratow, dem die Aufnahmen gezeigt wurden, die Ermittlungen nicht einstellte, wurden sie im russischen Fernsehen gezeigt. Nach Angaben des russischen Internetportals „Kasparov.ru“ sei das Video von einer Person an den Sender „RTR“ übergeben worden, die dem damaligen FSB-Chef Putin ähnelte. Putin sagte kurze Zeit später in einem TV-Interview, dass das Video „authentisch“ sei.

Einen anderen Vertreter des FSB hat Epstein nach den einsehbaren Unterlagen in einer pikanten Sache angemailt: Sergei Beljakow, einen Absolventen der FSB-Akademie. Er war von 2012 bis 2014 stellvertretender Wirtschaftsminister. Im Juli 2015, als die mit zahlreichen Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern durchsetzte E-Mail geschrieben wurde, war er Vorstandschef des von Putin initiierten St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums.

Freunde beim FSB

Epstein berichtet von einer „russischen Frau aus Moskau“ – der Name ist geschwärzt –, die „versucht, eine Gruppe einflussreicher Geschäftsleute in New York zu erpressen“. Das sei „schlecht für das Geschäft aller Beteiligten … Vorschläge?“

Zehn Tage zuvor hatte Epstein sich selbst eine Mail geschickt, in dem er einen Entwurf für eine Nachricht an die Frau skizzierte. Er sei „sehr enttäuscht über die Tatsache“, dass sie ihm gedroht habe. Er halte es „für notwendig, einige Freunde beim FSB zu kontaktieren“. Jemand, der versuche einen Geschäftsmann aus den USA zu erpressen, werde sofort zum vrag naroda erklärt – auf Deutsch ein Feind des Volkes. So ließ einst Stalin Widersacher nennen und hinrichten.

Dass Epstein und seine Komplizin Ghislaine Maxwell regelmäßig in Russland waren, und zwar fast im ganzen Land unterwegs, belegen die veröffentlichten Dokumente detailliert. Einige Städte besuchte Epstein persönlich. Zudem organisierte er über seine Assistenten Reisen für Dritte dorthin, wobei er für Flugtickets und Hotelunterkünfte zahlte.

Viel mehr Syphilisfälle in Russland

Epstein brachte russische Mädchen in den Westen. In den Dokumenten, die vom US-Justizministerium veröffentlicht wurden, befinden sich E-Mails mit der Bitte, Flugtickets für Models und ihre Begleiterinnen von Moskau nach Paris und von Moskau nach New York zu buchen.

In einem Brief aus dem Jahr 2010 schrieb Epstein an den Adressaten: „Morgen organisiere ich ein Abendessen für einige neue russische Mädchen … wir sehen uns um 10 Uhr.“ Zwei Jahre später erhielt Epstein ein Schreiben: „Ich habe zwei russische Mädchen für Sie, eine ist 21, die andere 24. Die eine ist schlank, die andere hat üppige Formen und ist supernett.“

Ob Epstein und sein Prostitutions- und Pädophilenring auch Minderjährige aus Russland geholt haben, ist unklar. Ebenso die in den freigegebenen Unterlagen enthaltene Behauptung, Bill Gates habe sich wegen einer sexuell übertragbaren Krankheit behandeln lassen, die er sich „beim Sex mit russischen Mädchen“ zugezogen habe. Gates bestreitet dies nachdrücklich. Die Zahl der Syphilisfälle ist in Russland seit 2020 um 64 Prozent gestiegen, berichtete die Zeitung Kommersant am Mittwoch.

Moskau nutzt die Epstein-Files als Waffe gegen den Westen

Ver­tre­te­r:in­nen der russischen Führung nutzen die Unterlagen indes als Waffe gegen den Westen: Kirill Dmitrijew, einer der Unterhändler Putins mit der Ukraine und Chef des Staatsfonds RDIF, hat Verdächtigungen einer Verstrickung des FSB in den Epstein-Skandal am Mittwoch zurückgewiesen. „Die verzweifelten, verkommenen und verlogenen linken Eliten verfallen in Panik und versuchen, in die Irre zu führen“, schrieb der frühere Mitarbeiter von Goldman Sachs und McKinsey in den USA auf der Plattform X.

Maria Sacharowa, Propagandistin des russischen Außenministeriums, nannte die Epstein-Affäre eine Heuchelei der westlichen Eliten. Diese bildeten sich größtenteils auf der Grundlage dessen, was sie „in diesen muffigen, blutigen Sümpfen“ kultivierten.

In diesen „satanischen Sümpfen“ Epsteins „waren, wie ich verstanden habe, all die westlichen ‚Erzieher‘, die auf Russland herabblickten und uns in interessanten Posen mit ebenso interessanten Freizeitpartnern über ‚Demokratie und Menschenrechte‘ belehrten“, schrieb Sacharowa auf Telegram.

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