Enquete zu Wirtschaftswachstum: Darf's ein bisschen weniger sein?

Der Unternehmer Harald Rossol will nicht, dass seine Firma wächst. Wie wichtig ist Wirtschaftswachstum? Das nimmt ab Montag eine Enquetekommission unter die Lupe.

Bild: Jenzig71 / photocase.com

Diese Bremer Firma ist eine große Ausnahme. Harald Rossol, ihr Chef, sagt ganz erstaunliche Sachen. So bekennt er: "Wir wollen nicht wachsen." Sechs Beschäftigte in seinem Unternehmen für Informationstechnologie seien ihm genug. "Dabei bleibt es, obwohl wir locker Arbeit für mehr Leute hätten." Der 48-jährige Rossol beschränkt sich - und damit auch seine Gewinnaussichten.

Ein solcher Standpunkt bei einem Unternehmer ist ungewöhnlich. Würden die Vorstände von Daimler, Siemens oder auch Solarworld Ähnliches sagen, könnten sie sich einen neuen Job suchen. Die Aktien würden ins Bodenlose fallen, die Firmen würde von Konkurrenten geschluckt. Ein Konzern, die Wirtschaft, die ganze Gesellschaft kann ohne Wachstum nicht leben - das ist die Beschwörungsformel, die kaum jemand in Zweifel zieht.

Harald Rossol jedoch behauptet das Gegenteil. "Unser Umsatz wächst nicht, er bleibt stabil, und trotzdem geht es uns gut." Seit 1991 versorgt sein Bremer Betrieb b.r.m. vor allem mittelständische Firmen mit Computern und dem Know-how drum herum. Rossol bietet seinen Kunden auch an, den Energieverbrauch des Serverraums zu reduzieren, und er kümmert sich um die Entsorgung alter Bauteile. Die Berater sitzen in einem modernen Büro im alten Bremer Hafen. Ein Erfolgsmodell - mit einer Spur Lässigkeit. Damit wäre es vorbei, würde er die Zahl seiner Mitarbeiter verdoppeln oder verdreifachen, befürchtet Rossol. Dann hätte er jede Menge Managementaufgaben zu erledigen und könnte sich nicht mehr persönlich um die Kunden kümmern.

Die Zunahme der Wirtschaftsleistung ist eines der zentralen Prinzipien der Marktwirtschaft. Alljährlich soll der Wert der produzierten Güter und Dienstleistungen steigen. In den meisten Industrieländern gilt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als wichtigster Maßstab des Wachstums. Das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen gibt einfach den Gesamtwert der aus inländischer Herstellung stammenden Endprodukte an (abzüglich der Vorleistungsimporte). 2010 betrug es in Deutschland 2,5 Billionen Euro.

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Im BIP wird alles erfasst, die schönen Dinge ebenso wie die Kosten von Autounfällen und Krankheiten, alles steigert die Wirtschaftsleistung. Würde man die Schadens- und Reparaturkosten herausrechnen, fiele die Summe der Wirtschaftsleistung sehr viel geringer aus.

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In Deutschland hat Wachstum Gesetzesrang. 1967 wurde in der ersten großen Koalition das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft beschlossen. Demnach ist die Regierung verpflichtet, für die angemessene und stetige Zunahme der Wirtschaftsleistung zu sorgen.

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Seit ungefähr der gleichen Zeit wird aber auch darüber diskutiert, dass das permanente Mengenwachstum die Aufnahmefähigkeit der Menschen, der Märkte und der Natur übersteigt. Als Beispiel dafür, dass das Wachstum destruktiv geworden ist, gilt der Klimawandel, verursacht durch die immer noch zunehmende Belastung der Atmosphäre mit Kohlendioxid aus der Verbrennung von Holz, Kohle, Gas und Öl.

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Im Auftrag des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy haben die Ökonomen Joseph Stiglitz, Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi deshalb Ansätze für einen neuen Wohlstandsindikator entwickelt - das Nettoinlandsprodukt. Dieses geht über den Mengenaspekt hinaus und schließt andere soziale und ökologische Entwicklungen ein.

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Einen Beitrag zu dieser Debatte sollen auch die Wissenschaftler der Enquetekommission des Bundestages leisten. Ihr Auftrag lautet, einen "ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator zu entwickeln", der auch "die subjektiv von den Menschen erfahrene Lebensqualität und Zufriedenheit" einschließt.

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Die Vereinten Nationen verwenden seit Jahrzehnten bereits den "Index der menschlichen Entwicklung" (Human Development Index, HDI). Dieser bezieht auch soziale Größen ein wie Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung. Deutschland stand darin 2010 auf dem zehnten Rang weltweit, während es beim BIP auf dem vierten Platz rangierte.

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Der Himalajastaat Bhutan misst inzwischen das "Bruttosozialglück" seiner Einwohner. Relevant sind unter anderem das persönliche Wohlbefinden, Gesundheit, Bildung, die Zufriedenheit mit der Staatsführung, der Lebensstandard und die ökologische Vielfalt. (taz)

Rossols Skepsis gegenüber betriebswirtschaftlichem Wachstum findet Reinhard Loske super. Vor einem Jahr hat der Bremer Umweltsenator von Bündnis90/Grüne die Enquetekommission des Bundestags mit initiiert, die am Montag ihre Arbeit aufnimmt. "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" steht als Überschrift über dem Vorhaben, das 17 Abgeordnete aller Bundestagsparteien und 17 Wissenschaftler von alternativ bis konservativ nun bereits seit einigen Jahren beschäftigt.

Es geht um zwei Punkte. Erstens: "Ist eine stabile Entwicklung Deutschlands auch ohne oder mit nur geringem Wachstum möglich?" Außerdem will man einen neuen Wohlstandsindikator entwickeln, der - anders als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) - nicht nur den Geldwert der produzierten Güter und Dienstleistungen misst, sondern vielleicht auch die Zufriedenheit der Bürger.

"In unserer hoch effektiven Wirtschaft leiden immer mehr Menschen an Erschöpfung", beschreibt Loske ein Motiv der Enquetekommission. "Sie wünschen sich mehr Zeit statt mehr Arbeit oder Geld. Sie bezweifeln, dass der Zwang zum ewigen Mehr noch einen Sinn hat." Und es geht Loske um die Schäden, die unsere Ökonomie verursacht. Er glaubt nicht, dass wir Klimawandel und Umweltzerstörung stoppen könnten, wenn wir einfach Kohlekraftwerke durch Solaranlagen ersetzen: "Wir brauchen auch eine Veränderung der Kultur und der Lebensstile."

Diese Sicht ist sogar bei Bündnis90/Grünen umstritten - erst recht bei SPD, Union und FDP. Doch auch diese Parteien tragen die Enquetekommission mit. Warum? Sie haben festgestellt, dass sich die Stimmung in der Bevölkerung ändert. Das mag auch mit der Finanzkrise zu tun haben, in der die Wachstumsökonomie eine historische Niederlage erlitten hat. Ein Indikator der Akzeptanz wachstumskritischer Gedanken in breiten Bevölkerungskreisen ist der Erfolg des Buchs "Exit - Wohlstand ohne Wachstum" des eher konservativen Wissenschaftlers Meinhard Miegel.

Aber haben wir überhaupt eine Chance, auf Wachstum zu verzichten? Würde dann nicht unser ganzer Wohlstand verloren gehen? Der technische Fortschritt in Deutschland macht jedes Jahr 1 bis 2 Prozent der Beschäftigten überflüssig - weil mit besseren Maschinen und Computern weniger Leute die gleiche Menge herstellen können. Also muss die Wirtschaft wachsen, damit die zusätzliche Produktion auch zusätzliche Arbeitsplätze für das an anderer Stelle wegrationalisierte Personal schafft.

Ein anderes Beispiel für den vermeintlichen Wachstumszwang: Unternehmen müssen jedes Jahr mehr Geld erwirtschaften, weil ihre Kosten für Vorprodukte, für Treibstoff und Löhne steigen. Täten sie es nicht, würde ihr Gewinn dahinschmelzen, und sie würden bald von der Konkurrenz übernommen.

Diesen Druck spürt natürlich auch der Bremer Unternehmer Harald Rossol. Er reagiert aber nicht, indem er mehr Beschäftigte einstellt und seinen Umsatz in die Höhe treibt. "Wir tun alles, um unsere Arbeitsprozesse besser und effektiver zu machen", erklärt Rossol. So werden Rechnungen bei b.r.m. nicht mehr individuell verfasst, sondern das System spuckt sie am ersten Werktag jedes Monats automatisch aus. Dem Kostendruck von außen begegnet die Firma mit Kostensenkung im Innern. Sogar der Gewinn steigt dabei. Das muss nicht ewig so bleiben, aber zurzeit klappt es. Das zeigt: Auch in Unternehmen gibt es Möglichkeiten, anders mit dem Druck umzugehen - der behauptete Zwang zu Umsatz- und Mengenwachstum existiert nicht.

Wenn man also das Prinzip des ewigen Mehr gesamtgesellschaftlich infrage stellen wollte, was müsste man dann tun? Der Vorschlag Reinhard Loskes: zumindest den Zwang zum Wachstum reduzieren. "Wir sollten beispielsweise die Sozialbeiträge der Beschäftigten und Unternehmen verringern", sagt der Grüne. Das würde die Kosten der menschlichen Arbeit senken, und die Firmen hätten weniger Grund, Arbeitsplätze wegzurationalisieren. Damit nähme auch die Notwendigkeit ab, durch hohes Wachstum Ersatzjobs zu schaffen. Das Minus an Staatseinnahmen ließe sich dadurch ausgleichen, dass man statt der Arbeit den Energieverbrauch höher besteuert und damit die Verschwendung eindämmt.

Bleibt die Frage, ob Wachstum heute wirklich so wichtig ist, wie viele stets behaupten. Vielleicht ist Harald Rossols Bremer IT-Firma gar keine Ausnahme. Was ist mit den hunderttausenden Kleinfirmen, den Handwerksbetrieben, Friseurläden und Gemüsehändlern, die einen Großteil der Arbeitsplätze in diesem Land stellen? Die meisten wachsen nicht - und sie überleben doch. Wie sagte ein türkischer Gemüsehändler in Berlin-Kreuzberg, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte? "Mein Umsatz stagniert, mein Gewinn geht zurück." Trotzdem verkauft er zusammen mit seiner Frau seit Jahrzehnten die schmackhaftesten Pasten und Köfte - und er wird es wohl noch zwanzig Jahre tun. Wirtschaften ohne Wachstum ist vielleicht schon längst die Regel.

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