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Eisschnelllaufgold über 3.000 MeterDie Goldmutter

Francesca Lollobrigida trotzt den Umständen und holt das erste Gold für Italien – im Eisschnelllauf. Im Anschluss feiert sie mit ihrem zweijährigen Sohn.

Italienische Goldmutter: Francesca Lollobrigida mit Sohn Foto: Christophe Ena/dpa

„Du hast heute Geburtstag, echt? Happy Birthday!“ Die schier unfassbare Geschichte von Francesca Lollobrigida, die am Samstag, an ihrem 35. Geburtstag Eisschnelllaufgold über 3.000 Meter gewonnen hat, war längst in der Welt, als Valerie Maltais, die Bronzemedaillengewinnerin aus Kanada, anderthalb Stunden nach dem Wettbewerb auf der Pressekonferenz vom Ehrentag der Olympiasiegerin erfuhr.

Sie saß ebenso wie Silbermedaillengewinnerin Ragne Wiklund staunend auf dem Podium und hörte interessiert zu, wie die erste italienischen Olympiasiegerin dieser Spiele ihre Botschaft unter die Leute brachte, ihre Geschichte als Leistungssportlerin und Mutter.

In aller Ausführlichkeit schilderte sie die Vorgeschichte jener rührenden Bilder, die zeigten, wie sie nach ihrem Lauf in 3:54,28 Minuten zu einem neuen olympischen Rekord ihren zweijährigen Sohn in den Arm nahm. Davon, dass sie sich nicht zwischen Karriere und Kind entscheiden wollte und wie schwierig der Weg zu Gold auch deshalb war.

Die Strukturen seien einfach nicht ausgelegt auf Mütter, die den ganzen Tag trainieren müssen. „Und ich bin immer die erste beim Training und die letzte, die geht“, sagte sie und erzählte davon, wie sie angepampt wurde, wenn sie ihr Kind in den Kraftraum mitgenommen hat. Einmal im norwegischen Hamar, wo sie zu einem Trainingsaufenthalt war, da habe sie ein Gym gesehen, das Kinderbetreuung anbiete. Sie schwärmte: „Eine Stunde trainieren und dann das Kind abholen, es könnte so einfach sein“.

Ihr Mann, der als Inlineskater zu den besten Italiens gehört und wie Francesca Lollobridgida, ihre Schwester, die auch auf Rollen sehr erfolgreich war, selbst studierter Sporttrainer ist, überhaupt ihre ganze Familie habe alles getan, um sie immer zu unterstützen. Mit ihrem Verband, ihrem Trainer habe sie einen Plan entwickelt, wie es nach der Geburt ihres Sohnes im Mai 2023 weitergehen könnte.

Das weiße Blatt Papier

Niemand war auf einen Fall wie ihren vorbereitet. „Wir haben mit einem unbeschriebenen Blatt Papier angefangen“, sagte sie. Bei den Spielen von Peking 2022 hatte Lollobrigida Silber über 3.000 Meter und Bronze im Massenstart gewonnen. In den Verhandlungen über den Wiedereingliederungsplan in den Leistungssport war das gewiss hilfreich.

Ein gutes halbes Jahr nach Tommasos Geburt lief sie schon wieder ihre ersten Wettbewerbe. Nicht nur, weil sie ihren Kleinen bis zum 18. Monat gestillt hat, war das eine logistische Herausforderung.

Schon bevor sie Mutter wurde, war es für sie gewiss nicht einfach, ihr Leben zu strukturieren. Als sie sich als junge Frau für eine Wintersportkarriere entschieden hat, wusste sie, dass sie viel unterwegs sein würde. Nach den Olympischen Spielen 2006 von Turin habe sie ihr Vater zum Schlittschuhsport gebracht.

Das bedeutete, 250 Tage im Jahr unterwegs zu sein. Als Schülerin schon war sie den Winter über in Baselga di Piné in den Dolomiten, dem italienischen Eisschnelllaufzentrum. Doch da gibt es wie in ganz Italien keinen überdachten Eislaufring. Deshalb ist sie oft in den Niederlanden oder in Inzell, um zu trainieren. Nach Tommasos Geburt musste sie sich ganz von neuem für den Weltcup qualifizieren, obwohl sie nur eine Saison ausgelassen hatte. Für Mütter, die wieder in den Weltcup einsteigen wollen, gibt es keine speziellen Regeln, die eine Wiedereingliederung erleichtern würden.

Sie wollte noch eine Medaille

Doch sie hat es geschafft. Sie wollte noch einmal eine Medaille bei Olympia, bei den Spielen in ihrem Heimatland. Um Bronze wollte sie in Mailand kämpfen. An Gold hat sie gar nicht gedacht, als sie die Schinderei wieder auf sich genommen hat.

Und als sie sich im November einen fiesen Virus eingefangen hat, den ihr Sohn wahrscheinlich aus dem Kindergarten mitgebracht habe („Jede Mutter kennt das“), wollte sie fast schon hinschmeißen. „Es sollte die beste Saison meiner Karriere werden, und es wurde die schlechteste.“ Erst vor einer Woche, als sie zum ersten Mal den olympischen Eisring in den Messehallen im Norden der Stadt betreten hat, wusste sie, dass sie gar nicht so schlecht in Form war. Jetzt ist sie Olympiasiegerin.

In Italien wird sie nun gefeiert, und alle wissen spätestens jetzt, dass die Filmdiva Gina Lollobrigida ihre Großtante war. In der Halle nach dem Rennen war der Jubel nicht ganz so groß. Die Halle war gut gefüllt mit Fans aus den Niederlanden. Es war offensichtlich, das Italien kein Eissportland ist.

Umso erstaunlicher ist die Geschichte von Francesca Lollobrigida. Der Applaus der niederländischen Fans war dementsprechend mehr als höflich, auch wenn die gewiss entsetzt darüber waren, dass es keine ihrer Landsfrauen auf das Podium geschafft hatte.

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