Eisregen in Berlin: „Alles ein bisschen durcheinander“
Die Notaufnahmen sind voll, die Straßenbahnen fahren nicht mehr und auch der Müll wird nicht abgeholt. Der Eisregen hat Berlin voll im Griff.
Sonderfahrt – Special Train steht an der U-Bahn, die am Potsdamer Platz im Bahnhof wartet. Als sich der Zug in Bewegung setzt, ertönt die Stimme des Fahrers durch den Lautsprecher: „Liebe Fahrgäste, was Ihnen wahrscheinlich schon aufgefallen ist: Heute ist alles ein bisschen durcheinander.“ Auch dieser Zug hier fahre nicht so, wie er eigentlich solle. „Es tut mir leid, dass ich Ihnen nichts Schöneres sagen kann. Aber wir sagen es lieber rechtzeitig, damit Sie sich anders orientieren können.“ Wenn das kein Service ist!
Der Eisregen hat am Montagmorgen ganze Arbeit geleistet. Die Bürgersteige sind spiegelglatt. Mit Trippelschrittchen, die Blicke starr auf den Boden gerichtet, tasten sich die Fußgänger von einer gestreuten Insel zur nächsten. Es hatte sich angekündigt, der Deutsche Wetterdienst hatte gewarnt. Aber dass es so heftig werden würde, war für viele dann doch eine Überraschung.
Die U-Bahn, auf die eigentlich fast immer Verlass ist, hat ihren Betrieb auf den oberirdischen Strecken teilweise eingestellt. Auf der U3 zwischen Breitenbachplatz und Krumme Lanke etwa geht nichts mehr. Auch auf der U2 gibt es erhebliche Einschränkungen. Zwischen Rosa-Luxemburg-Platz und Pankow ist der Verkehr unterbrochen.
Personal wacht in den Trams
Ungleich viel härter trifft es die Fahrgäste der Straßenbahnen und mehr noch das Personal. Seit 4 Uhr morgens ist der Tram-Betrieb wegen vereister Oberleitungen vollständig eingestellt.Viele Bahnen waren schon unterwegs, als sie der Eisregen traf. Rund 40 Trams schafften es nicht mehr ins Depot, mussten auf freier Stelle stehen bleiben, wie die BVG mitteilte. Mancherorts harrten die Fahrerinnen und Fahrer stundenlang in den Fahrzeugen aus, um sie zu bewachen. Einige hätten dafür auch ihre Schichten verlängert. Wenn das kein Einsatz ist!
Nicht nur der Wetterdienst, auch die BSR spricht von einem „außergewöhnlich starken“ Eisregen. Unmittelbar zu spüren bekommen das die Rettungskräfte. Im Netz live mitverfolgen lässt sich der Andrang in den Notaufnahmen. Zumindest der in den Krankenhäusern von Vivantes. Die durchschnittliche Wartezeit der letzten sechs Stunden, von der Anmeldung bis zum ersten Arztkontakt, sind auf deren Website im Internet abrufbar, und das auch, wenn kein Eisregen ist.
Aber der macht sich an diesem Tag deutlich bemerkbar an einer Zunahme von Knochenbrüchen. „Bei Glatteis ist immer mehr los“, sagt Vivantes Sprecher Christoph Lang. Mehr Personal werde deshalb nicht eingesetzt. Die Schichten würden lange vorher festgelegt.
Die auf der Website angegebenen Wartezeiten schwanken am Montagnachmittag in den Innenstadt-Krankenhäusern zwischen 112 Minuten (Klinikum Friedrichshain), 78 Minuten (Klinikum am Urban) und 67 Minuten (Klinikum Neukölln). Deutlich kürzer wartet man in den Außenbezirken im Klinikum Kaulsdorf (16 Minuten) und im Humboldt-Klinikum (20 Minuten).
Längere Wartezeiten
Auch, wie viele Patienten mit Notarztwagen in die Rettungsstelle kommen, kann man auf der Seite sehen, und auch, wie viele lebensbedrohliche Notfälle es waren. Längst nicht alles habe mit dem Wetter zu tun, betont der Pressesprecher. Bei Vivantes gebe es das Credo: „Alle Patienten, die sich krank fühlen und zu uns kommen, haben das Recht, einem Arzt vorgestellt zu werden.“ Wer aber schon seit zwei Wochen Halsschmerzen habe, müsse damit rechnen, dass dringlichere Fälle vorgezogen werden.
Die BSR teilt mit, dass es ihren Winterdienstkräften gelungen sei, die Hauptverkehrsstraßen schon beim Einsetzen des morgendlichen Berufsverkehrs weitestgehend befahrbar zu machen. Der Müll werde wegen der extremen Glätte auf Nebenstraßen, Gehwegen und Privatgrundstücken am Montag aber nicht abgeholt. Man werde das am Dienstag aber nachholen.
„Achtung, seien Sie vorsichtig auf den Bahnsteigen und Plattformen“, immer wieder hallt die Durchsage durch die U-Bahnhöfe. Die Wetteraussicht für die nächsten Tage spricht dafür, dass die Rutschparty noch ein bisschen weitergehen dürfte. Nachts Minusgarde, tags um die null.
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