Einsamkeit als Phänomen: Bloß ein Gefühl

Braucht man wirklich ein Einsamkeitsministerium? Jakob Simmank hat einen wunderbaren Essay über die Fallstricke eines Gegenwartsdiskurses geschrieben.

Gentrifizierung in London. Harte Ökonomie, die Armut erzeugt, und dann von Gefühlen sprechen? Foto: P. Wolmuth/Report Digital-Rea/laif

Einsamkeit, so hört man immer öfter, sei eine Krankheit. Neuro­wissen­schaftler wie John Ca­ciop­po und Manfred Spitzer vertreten prominent diese These. Sie stützen sich auf Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und vorzeitigem Sterben behaupten. In der reißerischen Diktion Spitzers wird daraus ein „Killer“, „Todesursache Nummer eins“ und die „Epidemie Einsamkeit“.

Dagegen wendet sich in einem neu erschienenen Buch der Wissenschaftsjournalist Jakob Simmank. „Einsamkeit. Warum wir aus einem Gefühl keine Krankheit machen sollten“ ist ein knapp einhundert Seiten umfassender Essay, der in seiner Argumentation ausgesprochen prägnant ist. Und der sich gegen die Tendenz wehrt, Verwerfungen und Ambivalenzen des Sozialen rein medizinisch zu erklären, was zwingend die Frage dem passenden Medikament nach sich zieht.

Dass dieser Prozess hingegen bereits in vollem Gange ist, zeigt unter anderem das in Großbritannien 2018 geschaffene Einsamkeitsministerium, das erste seiner Art weltweit, oder Veranstaltungen wie die „Loneliness Awareness Week“, mit denen das Ausmaß und die Gefährlichkeit der vermeintlichen Krankheit bekannt gemacht werden soll.

Immerhin gelten bis zu 9 Millionen Briten als betroffen, ist zu lesen. Nun wendet Simmank ein, dass solche Strategien gegen Einsamkeit zwar nicht zu verdammen seien, aber angesichts der Verwüstungen durch die Austeritätspolitik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte eher eine PR-Kampagne als tatsächliches Handeln sei – zudem das Ministerium nur ein Budget im niedrigen zweistelligen Millionenbereich hat. Das dürfte ungefähr so sinnvoll sein wie das Bild eines Rettungsrings für einen Ertrinkenden.

Zerrissene soziale Beziehungen

Wenn die sozialen Beziehungen der Menschen zerrissen werden, weil sie aus den Städten verdrängt werden, in denen sie sich ein Leben nicht mehr leisten können und sich mit drei Niedriglohnjobs durchkämpfen müssen oder in die Arbeitslosigkeit gedrängt werden, wenn der öffentliche Nahverkehr kaputt gespart und soziale Einrichtungen geschlossen werden, dann wird einem eine „Awareness Week“ kaum helfen.

Jakob Simmank: „Einsamkeit. Warum wir aus einem Gefühl keine Krankheit machen sollten“. Atrium Verlag, Zürch 2020, 110 Seiten, 9 Euro

Das sieht dann auch die Forschung so, die bereits eine Pille gegen Einsamkeit entwickelt. Das Steroidhormon Pregnenolon soll der Wirkstoff des Wundermittels sein, geforscht wird daran unter anderem von Stephanie Cacioppo, der Witwe von John Cacioppo. Anzuwenden immer dann, wenn man sich einsam fühlt. Doch Simmank hat einen grundsätzlichen Einwand.

Man dürfe Einsamkeit nicht wie ein zu beseitigendes Übel behandeln, sondern müsse es als ein ambivalentes Gefühl betrachten. Auf Distanz zu gehen, kann durchaus wohltuend sein, in der im Englischen gebräuchlichen Unterscheidung zwischen loneliness und solitude klingt das noch an. Es komme mehr auf Einsamkeitsfähigkeit an, so Sim­mank, also die Fähigkeit, solche Ambivalenzen aushalten zu können.

Statt über Einsamkeit als Krankheit müsse man über so­zia­le Isolation sprechen, schreibt Sim­mank. Es sei bezeichnend, dass der emotional aufgeladene Einsamkeitsdiskurs mit all seinen medizinisch-pharmakologischen Implikationen die gesellschaftlichen Voraussetzungen verdeckt. Arme Menschen sterben früher als reiche, aber das habe keine Kampagnen zur Folge. Armut lässt sich dann doch schlecht als Schicksal und Krankheit verkaufen. Das ist bei Einsamkeit schon einfacher, obwohl ebenfalls unzutreffend.

It's the economy, stupid!

Mit einer abstrakten Kulturkritik, die alles auf die Flüchtigkeit und Hektik unserer Zeit zu schieben versucht, kann Sim­mank allerdings auch nichts anfangen. Er beharrt darauf, dass es um die ökonomischen und politischen Bedingungen geht, die letztlich den entscheidenden Unterschied zwischen unfreiwilliger und freiwilliger Einsamkeit machen. „Wir haben ein gesellschaftliches Problem“, heißt es gegen Ende des Buchs.

Simmank schlägt sozialpolitische Maßnahmen vor, die weitaus grundsätzlicher ansetzen – wie eine bessere Verteilung von Arbeit, die Wertschätzung von Sorgearbeit, die Schaffung von Begegnungsorten und die Bekämpfung der Altersarmut.

Wer also künftig nicht nur in seiner Wohn- und Arbeitszelle ein paar Pillen schlucken möchte, um das Elend noch aushalten zu können, sollte nicht nur zur Kenntnis, sondern auch ernst nehmen, was Simmank an dem herrschenden Diskurs über Einsamkeit kritisiert.

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