Eingeschränkte Reisemöglichkeiten: Ostsee statt Karibik

Noch hat die Corona-Pandemie die Tourismuswirtschaft im Griff. Vor allem vor den Fernreisezielen wird weiterhin gewarnt.

Sand, Meer, Strandgras und eine weiße Parkbank

Am Strand von Graal Müritz, Mecklenburg Vorpommern Foto: Christoph Worsch/imago

Reisen und Corona sind untrennbar miteinander verwoben. Diese schlichte Wahrheit ist unerträglich für die Menschen, die vom Tourismus leben müssen, und belastet auch die, die sich nach Lockdown und Homeschooling einfach einen schönen Urlaub wünschen. Kaum ein Sektor leidet unter der Pandemie so stark wie der internationale Tourismus – 100 Millionen Arbeitsplätze könnten weltweit 2020 verloren gehen.

Gleichzeit trägt das Reisen zweifellos zur Verbreitung des Virus bei. Mittlerweile wird in Europa wieder fast alles hochgefahren – doch die Ambivalenz bleibt: Volle Ferienflieger nach Mallorca lösen bei den einen Urlaubslust und bei den anderen Gesundheitssorgen aus.

Die Gefahr, sich als Reisender in Entwicklungsländern mit Corona zu infizieren, hängt vom jeweiligen Infektionsgeschehen ab und ist nicht grundsätzlich größer als in anderen Ländern. Gleichzeitig ist die Verletzlichkeit der Länder und seiner Bevölkerungen gegenüber dem Virus aber deutlich höher, weil die medizinische Basisversorgung schwach ist und Testkapazitäten sowie Intensivbetten kaum existieren. Reisende mit unbekanntem Infektionsstatus bergen die Gefahr, das Virus ins Land zu bringen.

StrandverkäuferInnen oder StraßenhändlerInnen, werden besonders lange und hart von der Krise betroffen sein

Wäre die Lösung deshalb, einfach im Hotel unter sich zu bleiben und möglichst wenige Kontakte zu haben? Die Mainstream-Reisewirtschaft mit ihren All-inclusive-Hotelanlagen liebäugelt mit diesem Modell. Kreuzfahrtkonzepte ohne Landgänge, wie sie jetzt die Reedereien planen, werden zur deprimierenden Realität. Generell verschärft sich damit ein unguter Trend, bei dem sich ein abgeschotteter Resort-Tourismus weiter durchsetzt: Alle Ausgaben bleiben beim Hotel oder Reiseveranstalter; die RestaurantbesitzerInnen, Taxifahrer- und MarktstandbetreiberInnen in den Urlaubsorten gehen leer aus.

Die Menschen, die in Entwicklungsländern im Tourismus arbeiten – vom Reiseführer über das Reinigungs- und Restaurantpersonal bis zum Hotelier, ganz besonders aber diejenigen im informellen Sektor, wie etwa Strandverkäufer- oder StraßenhändlerInnen, werden besonders lange und extrem hart von der Krise betroffen sein.

Es zeigt sich auf der anderen Seite, dass die Widerstandsfähigkeit gerade in Entwicklungsländern zum Teil höher ist als hierzulande. Die Tourismuswirtschaft im Iran etwa erlebt mit Corona nicht die erste Krise, sondern war schon vorher geübt darin, Wirtschaftssanktionen, Klimawandel und Erdbeben als Teil ihrer Realität mit einzuplanen.

Überleben in der Krise

Dort, wo der Tourismus eine Einkommensquelle neben anderen ist, sind die Familien besser gewappnet: Ernteausfälle durch Dürren oder Überschwemmungen können durch touristische Einnahmen ausgeglichen werden; der Verkauf landwirtschaftlicher Produkte rettet das (wirtschaftliche) Überleben in den aktuellen Zeiten, wo der Tourismus einbricht, wie gemeindebasierte Tourismusinitiativen z.B. aus Indien zeigen.

Gemessen daran scheinen der Tourismusstandort Deutschland und die Tourismuswirtschaft die letzten zehn Boomjahre nicht genutzt zu haben für die Entwicklung nachhaltiger und krisenfester Geschäftsmodelle. So muss der Steuerzahler für Milliardenkredite bei TUI und Lufthansa geradestehen, denen es nach der Ausschüttung hoher Dividenden an Rücklagen fehlt.

Dramatisch ist, dass den großen Playern mit den milliardenschweren Konjunkturprogrammen der Druck genommen wird, wirklich umzusteuern und krisenresiliente Geschäfts­modelle zu entwickeln. Gleichzeitig kämpfen Nachhaltigkeitspioniere und die kleinen Fernreisespezialisten, wirtschaftlich um ihr Überleben und sehen wegen der globalen Reisewarnungen weiterhin kein Licht am Ende des Tunnels. Im Tourismus können die Konjunkturprogramme deshalb ihr Potential zur Gestaltung der längst überfälligen Veränderungen nicht entfalten.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

So schwer es fällt: Solange internationale Reisende eine potenzielle Gesundheitsgefahr für die lokale Bevölkerung darstellen und der Tourismus wenn überhaupt nur hinter hohen Hotelmauern stattfindet, ist es sinnvoller, weiter von Fernreisen zu träumen und sie lieber zu einem späteren Zeitpunkt umzusetzen. In der Zwischenzeit können virtuelle Reisen eine Möglichkeit sein, sowohl vor Ort Tourguides finanziell zu unterstützen, als auch Informationen über das Reiseland aus erster Hand zu erfahren.

Restaurantbesuche in Wohnortnähe können einen kulinarischen Vorgeschmack auf die erst mal verschobene Reise bieten, und einen digitalen Sprachkurs kann man auch diesen Sommer in den Alpen beginnen, um 2021 die Gastgeber in Uganda, Kambodscha oder Guatemala mit ein paar Brocken Swahili, Khmer oder Cakchiquel zu überraschen.

Wer dieses Jahr eine Reise in ein Land des Globalen Südens geplant hat, sollte den Reisewunsch nicht ad acta legen, sondern das Reisebudget später nutzen, die Reise besser vorbereiten und wenn möglich verlängert nachholen. Vielleicht bietet die Krise 2020 so die Chance, die dringend notwendige Transformation des Reisens endlich praktisch zu erproben: weniger häufig reisen, dafür länger vor Ort bleiben und durch gute Vorbereitung noch intensivere Erfahrungen und Eindrücke sammeln.

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