Einen Monat nach dem Ertrinken dreier Flüchtlinge: „Die haben einfach nur Angst“

In Hamburg gibt es viel zu wenig Schwimmkurse – auch weil die städtischen Schwimmbäder keine Wasserflächen dafür freiräumen.

Trauriges Geschäft: Feuerwehr birgt Ertrunkenen. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

HAMBURG taz | Ahmad Soliman lässt den Blick über die Alster schweifen. Langsam geht er den regennassen Holzsteg entlang, er will ganz nah ans Wasser heran. Dann bleibt der 22-Jährige stehen, stemmt beide Arme in die Hüften und lächelt. „Hier am Ufer sitze ich gerne. Ganz allein, das ist so beruhigend“, sagt er. Vor allem abends in der Dämmerung lässt Ahmad hier am Jungfernstieg die Beine baumeln und hört Musik. Mit Kopfhörern, damit der Straßenlärm verstummt.

Seit zwei Jahren lebt der junge Syrer in Deutschland. Wenn Ahmad heute gefragt wird, wie ihm die neue Heimat gefalle, verzieht sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Hamburg ist wunderschön. Alles ist grün, es gibt so viel Natur“, sagt er. Zu Hause, in seiner syrischen Heimatstadt Aleppo, sei das anders gewesen. Der größte Unterschied zwischen beiden Metropolen: das Wasser. Elbe und Alster, die vielen Kanäle, die umliegenden Seen: „Das hat mich nach meiner Ankunft total überrascht, so viel Wasser mitten in der Stadt war mir fremd.“

Zuhause war die fehlende Nähe zum Wasser für Ahmed Normalität. Kein spontaner Ausflug an den Badesee, Urlaube am Meer waren selten. Schwimm­unterricht in der Schule gab es nicht. Also hat Ahmad sich selbst das Schwimmen beigebracht, im Meer vor der syrischen Hafenstadt Latakia. „Einen Lehrer brauchte ich nicht, das war gar nicht schwer“, sagt Ahmad. Der junge Mann zuckt mit den Schultern, lächelt entschuldigend. „Es gab zwar Vereine, die Schwimmkurse außerhalb der Schule angeboten haben, die kosteten aber Geld. Und weil es sowieso wenig Bademöglichkeiten gab, nehmen eben nicht alle Familien so ein Angebot in Anspruch.“

An einem warmen Wochenende Anfang Juni kam es zu tragischen Badeunfällen in Hamburg: Ein 27-Jähriger aus Eritrea wurde auf der Elbe von einem Sportboot überfahren, zwei Flüchtlinge ertranken im Allermöher See. Beide waren 17 Jahre alt, sie kamen unbegleitet nach Deutschland und waren in Flüchtlingsunterkünften untergebracht. Die Fälle sorgten für Aufregung und werfen immer noch Fragen auf: Können viele Flüchtlinge wirklich nicht schwimmen? Und: Wie können solche tödlichen Unfälle in Zukunft vermieden werden?

Der Versuch, die Anzahl der Nichtschwimmer unter den Flüchtlingen statistisch zu belegen, läuft ins Leere: Seepferdchen oder ähnliche Schwimmabzeichen wurden bei der Registrierung der Flüchtlinge eben nicht abgefragt. „Im Herbst ging es nur darum, die vielen Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. An den nächsten Sommer hat doch niemand gedacht“, sagt Monika Tetzlaff, Sprecherin von „Sicheres Wasser“. Der Verein übernimmt die Badeaufsicht am Allermöher See.

Zur Rettung der jungen Flüchtlinge kamen die ehrenamtlicher Helfer zu spät, jetzt setzen sie auf Prävention: Seit Anfang Juni organisiert „Sicheres Wasser“ Rundgänge mit Flüchtlingen am Badesee, Freiwillige erklären Baderegeln („nicht mit vollem Magen schwimmen!“) und weisen auf die Eigenheiten des Gewässers hin. „Wir zeigen, wo der Nichtschwimmerbereich endet und wo das Wasser plötzlich tiefer wird“, sagt Tetzlaff. Den beiden ertrunkenen Flüchtlingen sei vermutlich eine scharfe Abbruchkante im See zum Verhängnis geworden. Dahinter falle der Boden des Sees stark ab.

Die Rundgänge am See stießen bei Geflüchteten auf großes Interesse, sagt Tetzlaff. Doch ob eine einfach Schulung in Sachen Baderegeln ausreiche, sei fraglich. Auf Nachfrage erkläre ein Großteil der Teilnehmer stets, nicht schwimmen zu können – doch klassischen Schwimmunterricht bietet der Verein gar nicht an. „Das können wir mit unserem Personal nicht leisten“, sagt die Vereinssprecherin. Immerhin soll bald ein erster Schwimmkurs für Kinder starten, der auch geflüchteten Kindern offensteht.

Simone Will, „Refugees Welcome Karoviertel“

„Kostenpflichtige Schwimmkurse in den öffentlichen Schwimmhallen kosten mehr als das monatliche Taschengeld eines Flüchtlings“

Als zusätzliche Präventionsmaßnahme hat das Bezirks­amt Bergedorf inzwischen vier Warn-Schilder am Ufer des Allermöher Sees aufgestellt. Mit Piktogrammen wird dort erklärt, wo das Wasser tief wird. Zu Rettungseinsätzen hätten die Helfer von „Sicheres Wasser“ seit den Todesfällen nicht mehr ausrücken müssen, sagt Tetzlaff. Allerdings: „Das lag wohl eher am schlechten Wetter, es waren ja kaum Badegäste da.“

Der Bedarf nach speziellen Schwimmkursen für Geflüchtete ist groß, berichten Hamburger Flüchtlingsinitiativen. Das Problem sei, dass es nicht genug Angebote für Geflüchtete gebe, die auch finanzierbar seien, sagt Simone Will von „Refugees Welcome Karoviertel“: „Kostenpflichtige Schwimmkurse in den öffentlichen Schwimmhallen kosten mehr als das monatliche Taschengeld eines Flüchtlings, für eine Familie mit mehreren Kindern ist das unbezahlbar.

Selbst für Hartz-IV-Bezieher mit Bildungsgutschein wären die Preise noch zu hoch, sagt Will. 160 Euro kostet ein Schwimmkurs für Erwachsene bei „Bäderland“, dem Betreiber der öffentlichen Schwimmbäder in Hamburg, Kinder-Kurse kosten 45 Euro.

Julia Rauner von der Initiative „Welcome to Barmbek“ sagt, sie habe versucht, einen Schwimmkurs für einen syrischen Freund zu organisieren. Der Versuch sei gescheitert. Rauner: „Schwimmen zu lernen ist sein großer Traum, doch abgesehen von den Kosten finden Erwachsenen-Schwimmkurse oft abends statt. Und da muss er zum Deutschkurs.“

Dass viele Flüchtlinge nicht schwimmen können – und damit weitere Todesfälle wie jene in Allermöhe nicht auszuschließen sind – ist nicht nur den Initiativen bekannt. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) ist längst aktiv geworden, doch wenn es darum geht, Gratiskurse für Geflüchtete einzurichten, stoßen die Lebensretter auf Widerstände.

„Wir werden von Initiativen und Flüchtlingsunterkünften mit Anfragen überflutet. Doch wir haben nicht genug Ausbilder“, sagt Heiko Mählmann, Präsident der DLRG Hamburg. Und es gebe ein noch größeres Problem: „Es gibt viel zu wenig freie Wasserflächen in Hamburg, um den hohen Bedarf auf die Schnelle zu decken.“ In den Bäderland-Bädern seien die Wasserzeiten in der Regel bereits durch Vereine oder eigene Schwimmkurse der Bäderland-Gruppe geblockt, wofür er dem Unternehmen keinen Vorwurf mache, so Mählmann: „Das ist eben ein Unternehmen, die müssen sich um den allgemeinen Badebetrieb kümmern.“

Genau so sieht Bäderland das auch. „Schwimmkurse sind Dienstleistungen, die bezahlt werden müssen. Wir werden in Zukunft keine kostenlosen Kurse für Flüchtlinge anbieten“, sagt Michael Dietel, Sprecher der Bäderland-Gruppe.

Die anstehenden Sommerferien kommen für die DLRG gelegen. Weil viele Schwimmvereine in den nächsten Wochen Pause machen, werden Wasserzeiten frei. Trotzdem bietet die Organisation in dieser Zeit nur zwei Ferienkurse an, in denen speziell Flüchtlinge Schwimmen lernen können – im Bille-Bad in Bergedorf und im Bäderland Wandsbek. Beide Kurse sind bereits voll belegt. „Wir müssten schneller Kurse organisieren“, räumt Heiko Mählmann ein. Die Zusammenarbeit mit Bäderland verlaufe jedoch „eher schleppend“.

Die Finanzierung der Schwimmkurse stelle dagegen kein Problem dar, sagt der DLRG-Präsident. Sie würden vom Sportamt gefördert: „Die Zusammenarbeit mit der Stadt ist gut, die Behörden zeigen sich gerade sehr spendabel, wenn es um Flüchtlinge geht.“ Laut Senat erhalten Kinder, die bei ihrer Einschulung auf eine weiterführende Schule kein bronzenes Schwimmabzeichen haben, außerdem einen Gutschein für Schwimmunterricht – auch Flüchtlingskinder, die in den internationalen Vorbereitungs- und Basisklassen beschult werden, haben Anspruch darauf. Im letzten Schuljahr wurden allerdings nur 20 Prozent der Gutscheine eingelöst. Auch einer der im Allermöher See ertrunkenen Flüchtlinge soll den Schwimm-Gutschein nicht eingelöst haben.

Der junge Syrer Ahmad Soliman war noch nicht in Hamburg schwimmen. „Würde ich aber gerne, wenn das Wetter endlich besser wird. Ich liebe das Wasser!“, sagt er und beobachtet ein Segelboot, das langsam auf der Alster vorbeizieht. Viele seiner syrischen Freunde würden gern schwimmen lernen, sagt er. Aber nicht alle. „Diejenigen, die über das Mittelmeer fliehen mussten, verbinden Wasser erst mal nicht mit Spaß. Die haben einfach nur Angst.“

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