: Eine letzte Nach-Geschichte
■ Zum Tode von Vilèm Flusser ein Nachruf von Hubertus von Amelunxen
Nun ist er an das Ende jener existentiellen Geschichte gelangt, die er zeitlebens ganz im Gegensatz zur großen Geschichte, zur Historie, emphatisch und im Gefolge der Kierkegaardschen Melancholie — der „Einsamkeit zum Tod“ — zu halten und zu verteidigen wußte. Dieses nun, dieser Augenblick, ein Einbruch und Einschnitt in die Zeit, keine Begegnung, sondern ein Innehalten, kein Zugehen, aber ein Entfernen, diese Zäsur, die ein Leben von seinem Fortgang, eine Bewegung von seiner Vollendung trennt und den Gedanken in seinem Wurf einzig als ein Echo bewahrt, dieses Zutrauen in die Bedeutung des Widerrufs hat den Menschen Vilèm Flusser, sein Werk und schließlich uns als sein Lesepublikum geprägt. Mit den Migranten sah er sich, ortlos, wie „Wesen, die vom Schwindel ergriffen sind“, geschlagen von der Geschichte, die hinterlassen ist, und geblendet von dem, was als flimmernde Geschichte in Form von photographischen, filmischen oder digitalen Bildern als eine niemals zu erreichende, immer schon vergangene Zukunft dargeboten wird.
Der Linearität, in der wir uns durch Schrift und Geschichte gebettet sahen, die jedem Buchstaben eine sinnhafte Artikulation folgen ließ, diesem Stammeln und Hinken nach Sinn, sind wir, so Flusser, entsprungen und nun entglitten. Bilder haben die Welt in ihrer Be-Deutung verschlungen, die Fluten der Bilder haben den Fluß der Geschichte angehalten, zum Stillstand gebracht (wie im englischen das Still den angehaltenen Film, den photogrammatischen Ausschnitt bedeutet). Flussers eloquentes Denken, philosophisch unnachahmbar an den Vorsokratikern und Platon gebildet, widmet sich dem Nachhallen von Geschichte, den Gebilden, die wir uns von der Historie als der sinnhaften Begründung unserer eigenen Existenz machen.
Im Angesicht der digitalen Zertrümmerung der phänomenalen Welt — die emsigen Akademiker werden nun sein Werk beäugen und vielleicht seine enge Verbundenheit mit Husserl „befußnoten“ — sieht der Mensch als Zuschauer sich vom Geschehen ausgeschlossen und von jedweder Verantwortung — im Sinne auch der Antwort, des Dialogs mit dem Anderen — entbunden. Flussers Schreiben aber, mehr ein Gestus der Bewegung denn eine Festsetzung von analphabetischem Sinn, sein Schreiben galt dem Dialog — oder vielmehr dem Polylog, der Vielheit von Blicken und Perspektiven auf unsere Umgebung und die Begründung unserer Existenz. „Gesten“, so eine seiner jüngsten Titelsammlungen, sind Versuche, den realen Raum zu bedeuten, zeichenhafte Schwingungen, die sich nicht in einem System anhalten lassen und verstummen, sondern eine Fortführung im Raum des Anderen suchen. „Die Fotogeste ist die des ,phänomenologischen Zweifels‘, insofern sie versucht, sich den Phänomen von zahlreichen Standpunkten zu nähern.“ Bei Einladungen und diesen mehr oder minder akademischen Kongressen pflegte er sein Manuskript unberührt zu lassen und vom Podium hinabzusteigen, um das Denken als eine Begegnung zu vollziehen.
Vilèm Flusser, 1920 in Prag geboren, aus dem Getto des 5. Bezirks 1939 nach London emigriert, rettete in Sao Paolo sein Leben, seine Familie wurde in Buchenwald und Auschwitz ermordet. Seit 1963 Professor für Kommunikationsphilosophie in Sao Paulo, verließ er Brasilien 1972, kehrte nach Europa wieder, erst nach Italien, schließlich in ein kleines provenzalisches Dorf. Er starb auf dem Weg von Prag Zurück.
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