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Eine Tour durch den Abgrund

Unsere Autorin hat eine Psychose durchlebt. Sie fühlte sich verfolgt, verschenkte ihr Handy, entwickelte einen religiösen Wahn. Wie kommt es zu so etwas? Und wie kommt man da wieder raus?

Von Mila Mehnert*

Der Papst ist tot. Die Worte fliegen über den Bildschirm, vervielfachen sich und fangen an zu flattern. Wie aufgescheuchte Hühner. Es ist das Einzige, was ich noch wahrnehme. Um mich herum ist die Luft dünner geworden. Ich versuche dem Nachrichten­ticker etwas thematisch Brauchbares zu entnehmen, aber da ist immer nur die eine Nachricht: Der Papst ist tot.

Die Momente danach erinnere ich kaum mehr. Ich weiß noch, dass ich meiner Kollegin gegenüber Handzeichen machte, wie ich nur noch flüsterte – vermutlich zusammenhanglos. Sie legte ihre warmen Finger auf meinen Unterarm und sagte leise, ich solle beim Krisendienst anrufen. Weiterarbeiten konnte ich nicht mehr. Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht; nur, dass ich irgendwann auf meinem Sofa lag, zusammengerollt wie ein Tier. Später im Bett. Schlaflos, wie schon die Nächte zuvor.

In meinem Tagebuch steht: Ich scrol­le durchs Adressbuch meines Handys. Es ist 2:36 Uhr. Die Namen verschwimmen. Wer sind all diese Menschen? Ich erkenne sie nicht. Die Buchstaben wirken wie zufällig zusammengewürfelt, fremd, unbrauchbar. Irgendetwas stimmt nicht. Es hört sich an, als würde jemand die Tür öffnen. Ein kaum hörbares Klicken. Ich traue mich nicht nachzusehen. Wie war noch mal der Notruf? War es 112?

Ob ich an diesem 21. April 2025 den Notruf noch gewählt habe oder mir nur eingebildet habe, ihn gewählt zu haben, weiß ich heute nicht mehr. Ich kann es auch nicht nachschauen, denn in den kommenden Tagen verschenke ich mein Handy. Ja, richtig gelesen: verschenke. Die Vorstellung, dass dieses Gerät klingeln könnte, dass jemand mich erreichen könnte, wird mir plötzlich unerträglich. Ich drücke es einer Fremden in die Hand, kommentarlos, als würde ich einen glühenden Stein loswerden wollen.

Was danach kommt und sich im Weiteren steigert, nenne ich heute mein Wegrutschen. Es gibt einen anderen Begriff dafür: eine psychotische Episode. Aber dieser Begriff klingt nach etwas, das man in einem Lehrbuch findet, nicht nach etwas, das man erlebt. Wegrutschen trifft es besser. Das Gefühl, dass der Boden, auf dem man eben noch stand, sich still und ohne Vorwarnung verschiebt, und dass man greift und greift und nichts findet, woran man sich festhalten kann.

In dieser Zeit bin ich mir sicher, verfolgt zu werden – mit Waffen, in Autos. Ich glaube, ein Kind geboren zu haben, das mir weggenommen worden ist. Einen Tag nach all diesen Ereignissen bringt mich meine Mutter in die Klinik; dort angekommen, bin ich überzeugt, vergast und vergewaltigt zu werden. Ich weiß, wie das klingt. Ich weiß auch, wie real es sich angefühlt hat.

Psychosen zeichnen sich dadurch aus, dass die Grenze zwischen innerem Erleben und äußerer Realität porös wird. Gedanken, Ängste und Assoziationen werden nicht mehr als subjektiv wahrgenommen, sondern als objektive Wirklichkeit. Anders ist es beispielsweise bei einer Angsterkrankung, wo auch Ängste im Vordergrund stehen, aber noch als subjektiv wahrgenommen werden können.

Psychosebetroffene haben eine erhöhte Dopaminausschüttung, was Wahnvorstellungen, Hören von Stimmen und Störungen im Denken verursachen kann. Diese Wahrnehmungsverzerrung könne sich auf verschiedene Sinne beziehen, sagt Stefan Borgwardt, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie von der Universität Lübeck, der auf das Thema Psychosen spezialisiert ist.

Bei mir ist in dieser Zeit vor allem das Sehen geschärft, aber auch mein Gehör. Während meines Wegrutschens schreibe ich etwa: Alles um mich herum ist extrem laut und unglaublich nah. Jedes Geräusch potenziert sich. Ich höre Vögel, das Radio und Käfer zu mir sprechen. Sie sagen mir, was ich zu tun, wohin ich zu gehen habe.

Es war so, wie Tove Ditlevsen es in ihrem Psychose-Roman „Gesichter“ beschreibt: „Das Rauschen erschwerte es jedoch, die Stimmen auseinanderzuhalten, als wäre sie plötzlich ein kleines bisschen taub geworden.“

Im Radio sind es vor allem die Auslassungen, Satzpausen, die ich mit Bedeutung fülle. So nehme ich durch Sendungen am 8. Mai – dem Tag der Befreiung von den Nazis – an, meine Teilnahme an einer Gedenkfeier sei elementar. Hingefunden habe ich allerdings nicht, meine Wege beschränken sich zu dem Zeitpunkt auf die Straßenzüge in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Alles, was weiter weg ist, erreiche ich nicht, auch weil ich viel zu schnell abgelenkt werde, von meinem Inneren und von äußeren Faktoren.

An einem Punkt bin ich sicher, dass ich sterben würde, sobald ich einschlafe, sediert und umgebracht. In einer Nacht gehe ich bereits auf ein Licht zu, überzeugt, die Lebenden hinter mir gelassen zu haben. Und dann, mittendrin: ein unglaublicher Frieden. Liebe für alles und jeden. Die Gewissheit, dass es so, wie es kommt, richtig ist. Davor rauche ich eine letzte Zigarette im Hof des Krankenhauses und gebe dem Hausmeister – den ich für den Fährmann halte – meinen Charonspfennig für die letzte Überfahrt.

Wie kommt es zu so etwas? Und vor allem, wie kommt man da wieder raus?

Diese Frage stelle ich mir seither täglich.

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Psychotische Episoden können viele Ursachen haben: genetische Veranlagung, neurologische Faktoren, aber auch soziale. Substanzen wie Cannabis, Kokain oder Amphetamine können psychotische Episoden auslösen oder verstärken. In meinem Fall scheidet das aus. Ich habe vor Jahren mit dem Trinken aufgehört und auch das Kiffen schon länger aufgegeben. Allerdings habe ich an einer Angsterkrankung sowie phasenweise an Depres­sio­nen gelitten. Auch ADHS ist mir im Nachhinein diagnostiziert worden, etwas, das im Zusammenhang stehen kann, aber nicht muss.

Psychiater Stefan Borgwardt sagt, entscheidend sei oft nicht ein einzelner Auslöser, sondern das Zusammenkommen mehrerer Belastungen über längere Zeit: anhaltender Stress, emotionale Überforderung, Schlafmangel, ungelöste innere Konflikte – und eine seelische oder biologische Vulnerabilität, die vielleicht schon lange angelegt war. Was bleibt, ist etwas Unscharfes: eine psychische Ausnahmesituation, die irgendwann einen Kipppunkt erreicht. Ein Organismus, der zu lange unter zu großem Druck stand und deshalb irgendwann aufhört, zwischen innen und außen zu unterscheiden. Zwar gibt es Menschen – wie mich – die prädestinierter dafür sind, aber im Grunde kann eine Psychose jeden treffen.

Bei mir kommt damals einiges zusammen: eine Beziehung, die geprägt ist von einem Hin und Her, die mich aufwühlt und aus der ich doch nicht herauskomme. Dazu Loyalitätskonflikte bei der Arbeit, eine ständige Herausforderung meines eigenen Standpunkts und das Hinterfragen, ob die Welt nicht doch ganz anders sei. All das belastet mich zunehmend, so sehr, dass mein Hirn mit all den Graubereichen, die es nun mal in dieser Welt gibt, nicht mehr zurechtkommt. „Die Welt breitete ihre wahnsinnigen Flügel aus und flog einer Wirklichkeit entgegen, die nicht ihre eigene war“, schreibt Tove Ditlevsen.

Wenn die reale Welt zu schmerzhaft, innere Konflikte unlösbar werden, reagiert die Psyche nicht bei allen Menschen gleich. Manche verfallen in eine Art inneren Panzermodus: Sie funk­tio­nieren weiter, wirken nach außen gefasst, sogar kalt – während in ihnen längst nichts mehr fühlbar ist. Emo­tio­na­le Abstumpfung nennt man das in der Forschung, ein Schutzmechanismus, der verhindert, von der Wucht des Erlebten überrollt zu werden. Andere reagieren mit Erstarrung, einem Zustand, in dem der Körper sich buch­stäblich stillstellt, wenn weder Kampf noch Flucht möglich scheinen. Und wieder andere – zu ihnen gehörte ich – flüchten sich in eine alternative Realität.

Zwar gibt es Menschen, die aus genetischen Gründen prädestinierter für eine Psychose sind, aber im Grunde kann sie jeden treffen

Durch Halluzinationen und Wahnvorstellungen deute das Gehirn Gegebenheiten um, so Borgwardt. Was diese Reaktion von den anderen unterscheidet, ist nicht ihre Intensität, sondern ihre Richtung: Während der Panzermodus die Welt draußen hält, indem er sie kälter macht, hält die Psychose sie draußen, indem sie eine neue Welt erschafft.

In Deutschland leiden schätzungsweise 400.000 bis 800.000 Menschen an psychotischen Störungen. Die Erkrankung tritt meist zwischen dem 12. und 35. Lebensjahr auf. Man müsse aber bedenken, dass nicht je­de:r sich in so einer Phase Hilfe suche, die Dunkelziffer könne dementsprechend höher ausfallen, sagt Psychiater Borgwardt. Interessant auch, dass Psychosen ein kulturunabhängiges Phänomen sind, also überall auf der Welt auftreten. Je nach Kulturkreis unterscheiden sich dann die Wahnvorstellungen, sind mal religiöser geprägt, mal weniger. Großstädte können durch ihre vielen Reize eine Psychose begünstigen. Ob es dabei allein die Reizdichte ist, die krank macht, oder ob sich darin auch soziale Isolation, Armut und Diskriminierung verdichten, ist unter Forschenden nicht abschließend geklärt.

Ich schreibe in mein Tagebuch:

Mein Zustand macht mich einsam, ich fühle mich isoliert von meiner Umwelt. Die anderen in der Klinik machen mich nervös. Sie beobachten mich beim Essen, das ich nicht anrühre, weil es mir im Hals steckenbleibt. Eine Frau scheint mich geradezu zu hassen. Sie ist alt und brüllt rum, ich ekel mich vor ihrer Spucke, die bei jedem Wort aus ihrem Mund kommt. Überhaupt scheint ständig jemand zu schreien, einfach so oder um Streit zu suchen. Am Schlimmsten ist es auf den Balkonen, wo geraucht und laut Musik abgespielt wird. Auf der Station sind es aber die einzigen Orte, an denen man Frischluft bekommt. Ich darf zwar auch rausgehen, traue mich aber alleine nicht. Ich warte auf Besuch oder dass mich jemand vom Klinikteam abholt und in den Entspannungsraum mitnimmt.

Mein Zimmer ist mit einem Gitter versehen, irgendwer – war ich es? – hat Butter zwischen die Streben geschmiert. Ich passe immer haargenau auf, meinen Schrank zu verschließen, denn hier wird geklaut, wird mir zu Beginn versichert. Im Nachhinein betrachtet ist die Zeit in der Klinik vielleicht die schlimmste in meinem Leben. Die Lebensrealitäten von Menschen, die in ähnlichen, viel schlimmeren oder einfach ganz anderen Situationen sind wie ich, prallen dort aufeinander. Meine Zimmernachbarin ist depressiv und des Lebens überdrüssig. Ich versuche sie zu trösten, male und spiele mit ihr. Es gibt kaum Rückzug, kaum Möglichkeit zu genesen. Die Therapieangebote sind rar. Morgens gibt es eine Runde, in der wir in einer Gruppe von unseren Befindlichkeiten erzählen ­sollen.

Ich kann kaum folgen, rutsche unruhig hin und her. Immer unterbricht irgendwer irgendwen. Die zuständigen Therapeuten haben nur bedingt Geduld. Wir sind ein komischer Haufen, wie wir da sitzen. Ich bekomme Medikamente, die antipsychotisch wirken sollen, außerdem Antidepressiva, die ich schon jahrelang nehme. Manchmal kann ich singen oder malen, auch mit Ton arbeite ich einmal. Meine Therapeutin ist kurzerhand krankgeschrieben, der zuständige Psychiater fehlt auch immer wieder. Er trägt Alltagskleidung, was mich verwirrt. Irgendwie erinnert er mich an eine Figur aus Dürrenmatts „Die Physiker“. Ich fange an meinen Aufenthalt als Theaterstück wahrzunehmen, was mich noch weiter von der Realität entfernt.

Tagsüber ist es laut, weil diejenigen, die auf der Station bleiben müssen, nichts mit sich anzufangen wissen. Nachts ist es laut, weil das rauskommt, was tagsüber unter Verschluss bleibt. Ich kann kaum schlafen, weil ich ebenso getrieben bin wie der Rest dort.

Bei Tage suche ich nach mir selbst. Inzwischen gehe ich wieder raus.

Ich komme ständig zu spät, wie das weiße Kaninchen bei Alice – aber wozu? Ich muss nirgends hin, trotzdem renne ich durch die Straßen. Folge Kränen, Farben, Mustern und der Sonne. Ich versuche ein Rätsel zu lösen, das mir niemand gestellt hat.

Nachts werde ich ruhiger, schlafen kann ich trotzdem nicht. Ich fange Bücher an, um in ihren Geschichten zu leben, beende aber nie eines. Im Aufenthaltsraum kommen nachts diejenigen zusammen, die es auf ihren Zimmern nicht aushalten. Nicht nur einmal tritt mir ein Patient näher, möchte etwas, das ich nicht zu geben bereit bin. Andere sehnen sich nach Nähe, ich will möglichst viel Abstand.

Während meines Klinikaufenthalts entwickele ich einen religiösen Fimmel, etwas, das viele in einer psychotischen Episode erleben. Durch den gesteigerten Dopaminhaushalt wird auch das Erleben intensiver, alltägliche Dinge bekommen schnell einen tieferen, ja kosmischen Sinn für Betroffene. Sie klammern sich an etwas Größeres, ein übergeordnetes System. Bei mir hat dies zur Folge, dass ich denke Buße tun zu müssen. Ich putze nackt das Badezimmer der Klinik, sammele mit bloßen Händen Müll von der Straße und bete in der Kapelle, etwas, was ich seit meiner Kindheit nicht mehr getan habe.

Erstaunlicherweise bin ich in manchen Momenten geradezu abgeklärt, scheine genau zu wissen, was ich habe. So erkläre ich etwa dem leitenden Stationsarzt, dass ich an einem religiösen Wahn leide, ausgelöst durch den Tod des Papstes. Auch meine Vordiagnosen diskutiere ich munter mit ihm. Gleichzeitig bin ich überzeugt, mir habe jemand etwas in den Drink gemischt, ein paar Tage bevor alles wegrutschte, bin mir unsicher, ob mein Partner nicht etwas damit zu tun hatte (Spoiler: hatte er nicht).

Darüber hinaus fehlt mir nichts außer die Freiheit. So zumindest kommt es mir vor. Freiheit versuche ich zu kreie­ren, indem ich mich selbst entlasse. Ich bin mir ja sicher, verstanden zu haben, was mit mir los ist. Viel mehr, als es das medizinische Personal getan hat. Anosognosie nennt sich die fehlende Krankheitseinsicht, die in solchen Fällen auftreten kann.

Meine Entlassung erfolgt auf eigenen Wunsch. Für mein Umfeld ist die Tatsache, dass ich mich selbst entlasse, mit Stress verbunden. Kurzzeitig bin ich nicht auffindbar, erreichen kann mich niemand, ich hatte schließlich mein Handy verschenkt. Kommunikation findet meist über das Krankenhaus, später über meine Mutter statt. Als ich wieder alleine lebe, habe ich zunächst ein Festnetztelefon. Ein Smartphone zu bedienen überfordert mich schlicht.

Während ich durch die Straßen Berlins strawanze, ruft meine Mutter die Polizei, um mich suchen zu lassen. Irgendwann findet meine Mutter mich, arglos auf einem Spielplatz sitzend. Ohne Verständnis dafür, welche Strapazen sie meinetwegen durchgemacht hat.

Ich fühle mich wie ein Versuchs­kaninchen, wie eine Ansammlung aus Diagnosen, unter denen mein Menschsein nach und nach verschwindet

Wenn ich sie heute frage, was sie damals empfunden hat, sagt sie, sie habe Angst um mich gehabt. Angst, dass mir etwas passiert. Und ja, so wie ich in den Wochen meiner Psychose durch die Welt ging, hätte mir durchaus etwas passieren können. Ich hätte angefahren werden können, da ich nicht mehr auf den Verkehr achtete, hätte mit Fremden aneinandergeraten können, die ich allesamt für neue Freunde hielt. Das Komische aber war, dass ich mich nach meiner Entlassung irgendwie unsterblich fühlte, als hätte ich all das Grauen zuvor mit dem Krankenhaus hinter mir gelassen.

Endgültige Epikrise, steht im Entlassungsbrief, des Krankenhauses. Was nur die Schlussbetrachtung des behandelnden Arztes überschreibt, klingt für mich, wie es sich anfühlt: Ich stecke in einer Krise – einer epischen, monumentalen. Endgültig heißt für mich: Es gibt kein Zurück.

Zwar verunsichert mich mein Zustand, ich bin aber nach dem Krankenhaus auch nicht gewillt, wieder zurückzugehen. In dieser Phase sehne ich mich nach Zeit und Ruhe. Letztere suche ich ausgerechnet bei dem Menschen, den ich zuvor meiden wollte: meinem Ex. Es scheint mir absolut logisch, dass wir einen Neuanfang hinbekommen könnten, wenn wir nur wollten.

Ich verschwinde in der Vorstellung von uns beiden als Paar, suche nach Orten, wo wir gemeinsam leben könnten, und verpasse den Trugschluss dahinter. Er aber, der ja in der normalen Rea­li­tät lebt, nicht in meiner erdachten, sieht die Täuschung und verschließt mir die Tür. Er würde mir nicht guttun, so seine Worte, auf denen ich sitzenbleibe wie eine Schiffbrüchige.

Wieder zu Hause kaufe ich Lebensmittel, die ich nicht esse, und verschenke sie wieder. Überhaupt esse ich kaum. Weil ich nicht in der Lage bin, die Notwendigkeit von Nahrung zu verstehen, empfinde ich Essen als Zeitverschwendung. Mein Körper nimmt ab, verliert Fett und Energie, doch ich werde nicht müde. Im Gegenteil: Ich bin ständig wach und ruhelos. Den Menschen im Spiegel erkenne ich nicht mehr – ich sehe nur noch entfernt aus wie jemand, der ich mal war. Jeder Tag ist anders – und doch ganz gleich. Ich bin viel zu Hause, sortiere Dinge, räume aus und nicht wieder ein. Die Welt um mich herum nehme ich weiterhin als zu viel, zu laut, zu chaotisch wahr. Trotzdem gehe ich raus, verliere mich an Straßenecken und auf Spielplätzen.

Auf mein Umfeld kann ich kaum reagieren, so sehr bin ich mit mir selbst beschäftigt. Erst im Nachhinein finde ich eine Beschreibung, die trifft, was ich selbst nicht in Worte fassen konnte. „Jeder Mensch birgt wohl einen Abgrund in sich, in welchen er bisweilen einen Blick gewährt; eine Manie aber ist eine ganze Tour durch diesen Abgrund“, schreibt der Schriftsteller Thomas Melle in seinem Roman „Die Welt im Rücken“, in dem er psychotische Episoden verarbeitet.

Während meines Wegrutschens bin ich krankgeschrieben, mehrere Monate. Wobei ich es ohne meine Mutter nicht zum Arzt geschafft hätte. Termine selbstständig wahrzunehmen, ist in den ersten Wochen nach meiner Entlassung undenkbar für mich. Bis auf wenige Tage kann ich auch nicht alleine wohnen, ziehe mit 34 Jahren wieder bei meiner Mutter ein. Auch weil meine Katze inzwischen dort ist, ich alleine nicht für sie sorgen kann.

Bis mein Körper seine natürlichen Grenzen wieder wahrnimmt, dauert es Wochen. Sie sind zäh und anstrengend, aber irgendwann fange ich wieder an, mich selbst zu spüren. Ausschlaggebend sind vor allem Treffen mit Freun­d*in­nen und Bekannten, die mir so viel Normalität wie möglich vorleben. Sie feiern mit mir Geburtstag, laden mich in ihren Garten oder auf ihre Couch ein. Sie versuchen meine Realität zu verstehen und bieten mir ihre an, ohne aufdringlich zu sein. Anfangs fühle ich mich noch wie ein Alien unter ihnen, irgendwann wird auch dieses Gefühl weniger. Ich schreibe:

Wie von einem Trip komme ich nur langsam runter. Statt dem Erdboden tut sich ein riesiges Loch auf. Keine Leiter, kein Seil. Ich möchte mich zusammenrollen und bleibe liegen, darf aber genau das nicht. Nur langsam lerne ich klettern. Bis zur Realität sind es Meter, die ich nicht zu messen weiß. Wie ein Kind stelle ich Fragen zu allem – wer, wie, was? – und setzte die Antworten wie Puzzleteile zusammen.

Ich lerne wieder, die Uhr zu lesen und die Tage mit Daten zu versehen. Irgendwann kommt auch der Hunger wieder – mit dem Essen, wie es heißt. Selbstgekocht schmeckt’s am besten, also lerne ich auch das wieder. Für mich, für andere. Lerne, ein Buch von Anfang bis Ende zu lesen und Musik zu hören, mein Fahrrad zu fahren und nein zu sagen.

Was mir außerdem hilft, ist das Schrei­ben. Schrei­ben bedeutet, das unaufhörlich Gleichzeitige in eine Folge zu bringen. Ein Satz nach dem anderen. Ein Gedanke, der sich aus dem Lärm löst und für einen Moment Dauer gewinnt. Was als diffuses Gefühl von Überforderung beginnt, erhält im Schrei­ben Kontur.

Meine Tante kommt nach Berlin, fast weine ich, als ich sie sehe. Sie strahlt eine Ruhe aus, die ich verloren habe. Gemeinsam räumen wir das Chaos auf, das ich in meiner Wohnung veranstaltet habe, sortieren aus, schmeißen weg. Plötzlich habe ich das Verlangen, loszuwerden, was mir wie Ballast vorkommt.

Was ich dabei weggeschmissen oder verschenkt habe, schmerzt mich teils heute noch. Ähnlich beschreibt es auch Melle: „Plötzlich waren mir […] die vorher geliebten Bücher ein Ballast, den ich so schnell wie möglich loswerden wollte. [Später] betrauerte ich diesen Verlust dann sehr.“

Dieses unbedingte Ausmisten ist Teil der eher manisch geprägten Psychose, während die darauf unweigerlich folgende Depression einen erst realisieren lässt, was man getan hat. Teilweise empfinde ich Leichtigkeit nach der Klinik, schwebe so vor mich hin. Mit dem Abklingen der psychotischen Symptome setzt eine Schwere ein, die diametral zu dem steht, was ich vorher empfunden habe.

Sie hindert mich daran rauszugehen, zu groß ist meine Scheu, der Welt ungefiltert entgegenzutreten. Habe ich nach der Klinik noch Liebe für alles und Jeden empfunden, erscheint mir jetzt jede Interaktion zu viel. Ich bewege mich in gewohnten Bahnen.


M. kommt und bringt mir Essen, wir sitzen auf dem Balkon und sprechen kaum. Schweigen und Gespräche über Belangloses sind mir ein Trost: Kein „Das wird schon wieder“ oder „Alles wird gut“, stattdessen Banales, sei es das Wetter.

Mit A. gehe ich gemeinsam einkaufen, viel zu viel, denn ich kenne kein Maß.

B. geht mit mir an den Plötzensee, wo ich baden kann. Das Wasser fühlt sich gut an auf meiner Haut, ich traue mich aber nicht unterzutauchen, zu groß ist die Angst, den Weg an die Oberfläche nicht mehr zu finden. Danach gehen wir zu mir.

Einen erneuten Platz in einer Klinik in Berlin bekomme ich nicht. Dass ich zumindest jemanden brauche, der mir Medikamente verschreibt, vielleicht auch eine weiterführende Maßnahme, wird mir in dieser Zeit aber klar. Für eine sogenannte Reha-Maßnahme, für die ich ansuche, liegt meine psychotische Episode noch nicht lange genug zurück, mit jemandem wie mir könne man noch nicht arbeiten, heißt es, und ich werde auf Monate vertröstet.

Ich fahre nach Brandenburg, wo man mich aufnehmen möchte, doch das Terrain wirkt so trostlos, die Oberärztin so unprofessionell, dass ich mich dagegen entscheide. Das pseudopsychologische Sissi-Syndrom (eine an Kaiserin Sissi angelehnte Depression, bei der man vor allem durch Hyperaktivität und innerer Unruhe auffällt), das mir die Ärztin zu Beginn unterstellt, ohne auch nur meinen Namen zu kennen, macht mich unsicher. Auch eine Aussage, nach der ich eine wirklich interessante Patientin für die dortigen The­ra­peu­t:in­nen sei, wirkte auf mich eher abschreckend.

Danach schreibe ich:

Ich fühle mich wie ein Versuchskaninchen, wie eine Ansammlung aus Diagno­sen, unter denen mein Menschsein nach und nach verschwindet.

Die Bilder auf diesen Seiten

Die Sammlung Prinzhorn

Ergänzend zur Schilderung einer psychotischen Erkrankung zeigen wir auf den folgenden Seiten Kunstwerke und Artefakte aus der Sammlung Prinzhorn. In dem Heidelberger Museum wird Kunst von Psychiatriepatient*innen gesammelt. Ein Anliegen der Sammlung ist es, zur Ent­stigmatisierung von Menschen mit Psychiatrie­erfahrung beizutragen.

Das Jubiläum

Zum 25-jährigen Bestehen zeigt das Museum die Jubiläumsausstellung „Alles Kunst?“ (bis 31. Januar 2027). Auf sammlung-prinzhorn.de finden sich weitere Informationen.

Ob meine Entscheidung, diese einzige Klinik im Raum Berlin-Brandenburg abzulehnen, die mich genommen hätte, richtig gewesen ist, kann ich im Nachhinein nicht sagen. Sie steht entgegen einer Logik, in der die Patientin so schnell wie möglich wieder funk­tions­fähig werden soll. Ich nehme mir stattdessen Zeit, verbringe sie im Schrebergarten eines Bekannten und alleine – ein Riesenschritt! – im Wochenendhaus von Freunden. Ein Luxus, den bei Weitem nicht je­de:r hat. Vielen sind Ressourcen wie diese nicht vergönnt, sie fallen durchs Raster, bleiben auf der Strecke, bis ihre Symptome chronisch werden. Besonders Substanzmissbrauch – nach einer Psychose ist Abstinenz elementar – kann zu einer Chronifizierung führen. Diejenigen, die sich keine Hilfe suchen, landen nicht selten auf der Straße. Oft begegne ich dort inzwischen Menschen, denen ich ihre Psychose ansehe.

Glücklicherweise finde ich durch einen engagierten Klinikarzt, der mir zwar nicht direkt helfen kann, mich aber weitervermittelt, ambulante psychiatrische Hilfe. Der Psychiater und die Sozialarbeiterin dort hören mir zu, ohne zu werten. Gemeinsam überlegen wir, welche Faktoren für meine Psychose verantwortlich gewesen sind und welche Veränderungen ich anstreben könnte, um meine Situation zu verbessern. Zudem kann ich zu meinem langjährigen Therapeuten zurückkehren, was vor allem meinem Bedürfnis nach Sicherheit zugutekommt.

„Das größte Hindernis ist, dass man den Zeitpunkt verpasst, oder dass die Menschen, die eine Behandlung brauchen, sie ablehnen oder keine Be­hand­le­r:in finden“, sagt Stefan Borgwardt. Dann werde die Prognose schlechter und die Erkrankung im schlimmsten Fall nicht mehr heilbar. Es gäbe Fälle, wo die Beeinträchtigungen nach einer psychotischen Episode stark seien. Bei richtiger therapeutischer Behandlung kämen aber viele Menschen unbeschadet aus so einer Episode. Manche erlebten in ihrem Leben erneut Episoden, lebten sonst aber ein herkömmliches Leben, andere sind nie mehr betroffen.

Viele Monate verbringe ich bei meiner Tante und meinem Onkel in einer anderen Stadt. Dort lerne ich, wieder regelmäßig zu essen und mich anderen anzuvertrauen. Die Voraussicht, bald wieder Alleinleben zu können, mit meiner Katze in meinen eigenen vier Wänden, wieder für meine Freun­d:in­nen da sein zu können – das ist mein eigentlicher Antrieb. Heute führe ich wieder ein recht normales Leben, gehe einer geregelten Tätigkeit nach. Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe, allein und durch Unterstützung anderer. Die Angst, wieder in so einen Zustand zu verfallen, bleibt dennoch.

An meinem 35. Geburtstag im Mai 2026 sitzen wir beisammen, meine Freun­d:in­nen und ich. Es ist das erste Mal seit meinem Wegrutschen, dass so viele zusammengekommen sind. Ich habe gekocht und viel zu viel gebacken, habe neben denen, die für mich da waren, auch Leute eingeladen, die ich nach meinem Wegrutschen gar nicht mehr gesehen habe. Es wird getratscht und diskutiert, und ich merke, wie ich still werde. Nicht aus Angst, eher aus einem Glücksempfinden heraus. Ich kann den Gesprächen folgen, ja bin froh über die nicht immer einfachen Themen, die aufkommen. Dass wir hier gemeinsam sitzen, ist mein großes Glück.

* Den Artikel veröffentlichen wir auf Wunsch der Autorin unter Pseudonym.

Quelle: psychenet.de

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

Quelle:­ Studie des Fachmagazins „The Lancet“

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

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