Eine Irritation im Normalbetrieb: Sonntags am Ende der Welt
Manche Störung erwartet man doch eher in der Stadt und nicht auf dem Land. Und da muss man auch erstmal damit umgehen können, weiß unser Kolumnist.
E r springt im Kreis, boxt in die Luft und knurrt in schwer verständlichem Englisch ungezielte Bedrohungen: „Don’t make me angry“, sagt er gerade, und: „Ich warne euch! You!“ Diese Zufallsbegegnung am frühen Sonntagmorgen ist schwer einzuschätzen. Der Typ ist klein, aber auf drahtige Weise kräftig. Seine abgetragene Stoffhose wirkt szenig urban, eine noch leicht blutige Wunde über dem Auge verweist mindestens auf passive Kampferfahrung.
Und zappelig ist er: Selbst wenn er – wie nun für die nächsten 20 Sekunden – im Lotussitz zu Boden geht, rast sein Blick suchend durch die Gegend. Dann springt er wieder auf, rennt auf die Kreuzung und vollführt ein paar schnelle Faustschläge in die Luft. „Der hat sich wohl verlaufen“, sagt eine Frau im Flüsterton. Und ich weiß genau, was sie meint.
Wirklich irritierend ist nämlich nicht der Druffi selbst, sondern die Umgebung. Hier gibt es weit und breit weder Club noch Späti, keine finstere Dealecke – und nicht mal mehr eine richtige Kneipe. Wir stehen vorm Bäcker einer niedersächsischen Kleinstadt. Auf der anderen Seite der rot gepflasterten Straße ist ein Optiker, schräg gegenüber ein Schreibwarengeschäft und eine kleine Bärenstatue, die wohl die Sparkasse gesponsert hat.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Weil Sonntag ist, hat alles zu. Die Straßen rauf und runter ist nichts und niemand zu sehen – nur hier vor der Bäckereitür zieht sich eine kleine Schlange durch die morgendliche Kälte. „I can see them, yes, yes! I see ’em all“, ruft der Typ in ein imaginäres Handy und marschiert mit prüfendem Starren die Augen der Wartenden an der Schlange entlang. Alle weichen seinem Blick aus und versuchen, ihn zu ignorieren. So richtig weg kann man nicht, wegen der Schlange eben.
Im ersten Moment empfinde ich noch eine kleine unangemessene Freude an der Störung des ländlichen Normalbetriebs, aber die hält nicht lange vor. Als er auf der Türschwelle einen Vater mit Kleinkind an der Hand auffordert, „vor dem König“ niederzuknien, mache ich zwei Schritte in seine Richtung, aber irgendwie scheint er die atmosphärischen Störungen auch ohne Gefährderansprache zu realisieren.
Er flitzt wieder auf die andere Straßenseite. In der Stadt hätte ich ihn längst vergessen, wäre wohl intuitiv ausgewichen – und hätte mich umgekehrt auch darauf verlassen können, dass er seinerseits bald das Interesse verliert und sich mit irgendwas anderem beschäftigt. Aber hier gibt es ja nichts, außer eben dieser Bäckerei.
Ich ärgere mich über mich selbst, weil die ländliche Schockstarre mich genauso packt, wie alle anderen hier. Ich hätte mir mehr Nonchalance zugetraut und irgendwie auch den Anspruch gehabt, eine sinnvolle Lösung aus dem Ärmel zu schütteln – natürlich eine, die auch die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen dieses Ausrasters reflektiert und so weiter. Ich ärgere mich über das Land und über die Stadt, die in solchen Angelegenheiten ja auch nichts besser macht, sondern nur entspannter aussieht. Ich hatte den Typen übers Brötchenbestellen kurz aus dem Blick verloren und zucke zusammen, als er mir plötzlich durch die Schlange hindurch wieder vor die Füße springt: „Schönen Sonntag, mein Freund“, sagt er und wedelt mir mit der Faust vorm Gesicht herum, er riecht massiv nach Alkohol. Und das wäre meine Chance für kluges Handeln gewesen und irgendwas Vermittelndes. Aber mir fällt nichts ein außer: „Verpiss dich, Mann.“
Das tut er dann auch und sieht dabei so erschrocken aus, dass er mir schon wieder leid tut. Ich will mich noch mal umdrehen und was sagen, als ich ihn schon wieder „telefonieren“ höre. „Ich hab das Schwein im Auge“, sagt er, „ja, alles unter Kontrolle. Ja ja, Zugriff jetzt.“ Und er rennt los.
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