: Einbruch in die Männerdomäne
■ Gesichter der Großstadt: Die vierundzwanzigjährige Tanja Grunwald ist die erste Feuerwehrfrau / Mit Hartnäckigkeit hat sie die Vorurteile niedergerissen
Ein bißchen erinnert sie an Pippi Langstrumpf: feuerrote, wuschelige Haare, Sommersprossen, immer ein breites Grinsen im Gesicht. Und genau wie die Heldin von Astrid Lindgren ist sie schlagfertig und hat immer die passende Antwort parat: kein Satz aus ihrem Mund, der nicht einen ironischen oder manchmal sogar bissigen Unterton hat.
Ihr Selbstbewußtsein und ein bißchen Sturheit haben Tanja Grunwald schon oft weitergeholfen, besonders dann, wenn in ihrer Lebensplanung scheinbar unüberbrückbare Hürden auftauchten. Beispielsweise als sie sich im vergangenen Jahr bei der Berliner Feuerwehr bewarb. Nicht als Sanitäterin oder Verwaltungsangestellte, sondern als Feuerwehrfrau, genauer gesagt als „Brandmeisterin im mittleren Dienst“. Kein leichtes Unterfangen, denn die Berufsfeuerwehr war bisher eine absolute Männerdomäne. Und mit einem knappen „hier gibt's keene Frauen“ wurde sie dann auch sofort von der Ausbildungsabteilung der Feuerwehr abserviert, obwohl Frauen formal die gleichen Möglichkeiten wie Männer haben, sich zu bewerben. Doch Tanja Grunwald dachte sich im stillen nur „dann wird es aber Zeit“, blieb hartnäckig und hatte Erfolg: Sie kann den Einstellungstest mitmachen, besteht auch die Fitnessprüfung mit Bravour, an der die anderen wenigen Frauen, die sich trotz der abschreckenden Sprüche der Ausbilder bisher beworben hatten, immer scheiterten.
Mit der Parole im Kopf: „Ich habe es verdient“, trat die 24jährige in der Reinickendorfer Feuerwehrschule an, als einzige Frau in blauer Uniform. Ihre Kollegen starrten sie am Anfang an, manche tuschelten hinter ihrem Rücken, und einige sagten ganz direkt, daß Frauen in diesem Beruf fehl am Platz sind. Doch das habe sich mit der Zeit gelegt, resümiert Tanja Grunwald, „ich werde ganz normal behandelt“. Sie sieht sich nicht als „etwas Besonderes“, sondern als Auszubildende wie alle anderen. Doch wenn es um Leistung geht, so schränkt sie ein, dann müsse sie besser sein als die Männer. Auch nach der Ausbildung, wenn sie im März nächsten Jahres auf einer Wache Dienst schiebt, „werden alle auf mich genauer gucken, wenn ich mal einen Fehler mache, als bei anderen“.
Ihre Bekannten haben sich mittlerweile an Tanjas neuen Beruf gewöhnt: „Erst haben sie gesagt, ich bin verrückt, jetzt finden sie es geil“, erzählt sie grinsend. „Ich rutsche eben von einem Extrem ins andere.“ Nach der Wende hat sich die gebürtige Neuköllnerin in einem kleinen Kaff bei Potsdam ein Haus gebaut und dort 200 „Schickimicki-Hühner“ für Zuchtausstellungen gehalten. Doch weil die Behörden ihr eine falsche Genehmigung für den Hausbau erteilten, mußte sie ihre Traumhütte abreißen.
Die gelernte Bautischlerin strotzt vor Energie: Ein Schreibtischjob käme niemals in Frage, sie muß sich immer bewegen. Und sie treibt Kraftsport, kein „Bodybuilding“, wie sie extra betont, denn „das hört sich dumm an und zieht eine negative Spur hinter sich“. Seit sie acht Jahre alt ist, spielt Tanja Grunwald Fußball, war sogar ein paar Monate in der Frauen- Bundesliga als Mittelfeldspielerin. Doch da habe sie schnell wieder aufgehört, weil sie da im Gegensatz zu den Männern „nur Leistung bringen muß und kein Geld verdient“.
Doch wie sich die zukünftige Feuerwehrfrau statt im Trikot im Löschanzug fühlen wird, wenn sie zum ersten Mal vor einem brennden Mietshaus steht, weiß sie noch nicht, „außer daß ich bestimmt Angst habe und es heiß sein wird“. Doch sie ist sich ganz sicher, daß sie jetzt den Traumberuf gewählt hat. Denn als Feuerwehrfrau müsse sie rein nach dem Verstand handeln. Der ist ihr wichtig, und deshalb wollte sie auch nie Polizistin werden, wie ihr immer wieder nahegelegt wurde. Da sei es nämlich, so sagt sie mit Abscheu in der Stimme, genau andersrum: erst kommt das Gesetz, dann der Verstand. Als Polizistin würde sie wegen aufmüpfigem Benehmen alle 14 Tage suspendiert werden, außerdem könne sie nicht mit einer Waffe herumlaufen. Ihr Fazit: „Bei der Polizei bist du der Anscheißer, bei der Feuerwehr kannst du wenigstens Menschenleben retten.“ Und das am liebsten mit dem Motorrad, denn Tanja Grunwald fährt leidenschaftlich gerne „100-PS- Riesenschiffe“, „doch die gibt's ja leider nicht bei der Feuerwehr“. Julia Naumann
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