piwik no script img

Berliner LuftEin lehrreiches Schauspiel

Die Berlin-Parlamentskolumne

von Pascal Beucker

Am Schiffbauerdamm, unweit des von Bertolt Brecht begründeten Berliner Ensembles, befindet sich das Haus der Bundespressekonferenz. Dort findet in der Regel dreimal die Woche eine interessante Aufführung statt. Zur Mittagszeit steht montags, mittwochs und freitags die Regierungspressekonferenz auf dem Spielplan. Für jeweils etwa eine Stunde haben sich die Sprecherinnen und Sprecher der Bundesregierung auf der Bühne im großen Saal versammelt. Jedes Ministerium ist vertreten. Im Auditorium sitzt die Hauptstadtpresse.

Das Publikum hat keine passive Rolle: Es handelt sich um ein interaktives Stück. Genau das macht den Reiz dieses Improvisationstheaters aus. Die Journalistinnen und Journalisten können und sollen Fragen zu Gott und der Welt stellen. Wobei sie allerdings zu beidem nicht unbedingt immer aussagekräftige Antworten erhalten. Die Herausforderung ist, die Damen und Herren auf dem Podium dazu zu bringen, etwas zu verraten, was sie eigentlich nicht verraten möchten. Denn die Befragten befinden sich in dem Dilemma, nicht immer die Wahrheit sagen zu wollen, aber eben auch nicht lügen zu dürfen.

Da ist die Kunst der diplomatischen Formulierung gefragt: höflich, aber nichtssagend. Ein Beispiel dafür lieferte am vergangenen Mittwoch Regierungssprecher Steffen Seibert. Nach dem vorzeitigen Abgang von Rüdiger Grube als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn wollte das Publikum von ihm wissen: „Herr Seibert, wird sich die Kanzlerin für Herrn Pofalla, also ihren alten ‚buddy‘, als neuen Bahn-Chef einsetzen?“ Seiberts sibyllinische Antwort: „Über die Neubesetzung der Position des Vorstandsvorsitzenden entscheidet gemäß Aktienrecht der Aufsichtsrat.“

Formal ist das völlig korrekt. Allerdings gibt es einen klitzekleinen Haken: Die Bahn ist zu hundert Prozent ein Unternehmen des Bundes. Im Aufsichtsrat sitzen VertreterInnen des Finanz-, des Wirtschafts- und des Verkehrsministeriums. Da rückt nur an die Spitze, wer den Vorstellungen der Regierung entspricht.

Aber wer wird’s denn jetzt? Es sei „Aufgabe des Personalausschusses des Aufsichtsrats, einen neuen Vorstandsvorsitzenden zu finden“, antwortete der Sprecher des Verkehrsministeriums, Sebastian Hille. Ebenfalls formal völlig korrekt. Aber eben doch nur die halbe Wahrheit. „Wenn es etwas zu verkünden gibt, werden wir das tun“, versprach Hille.

Na dann: Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen