Ein bayerischer Bub verfolgt die Wahlen: Und hinterher granteln alle

Der kleine Beppi erzählt, warum er Wahlen skeptisch sieht. Außerdem sind sie vorher langweilig und nachher auch.

Ein Mann in bayerischer Tracht gibt seine Stimme für die Bundestagswahl ab

Bei einer Wahl ist es so, dass vorher alles total langweilig ist und hinterher auch wieder Foto: Angelika Warmuth/dpa

Ich weiß ja nicht, kennen S’ des: dass man einen blöden Traum hat und erinnert sich dann eher an so Kleinigkeiten. Also, neili hat ma so was dramd (es hat mir neulich geträumt, für den Fall, dass Sie nur ein preußisches Deutsch verstehen), da war jemand g’storben und ich hab irgendwas Falsches angehabt oder so, jedenfalls haben s’ alle mit Fingern gezeigt und g’lacht ham s’. Aber statt dass ich jetzt weiß, wieso, erinner ich mich bloß an das Knacks, da wo ich in die Schokoladenseiten von einem Domino-Eis gebissen hab. Klar, auf einer Beerdigung isst man kein Domino-Eis, aber im Traum war mir das halt wurscht. Und genau so ist es auch mit einer Wahl. Also nicht ganz genau so, aber irgendwie schon.

Wie neulich Wahl war, hat es bei uns nur einen Kaiserschmarren am Abend gegeben, weil die Mama hat gesagt, sie macht doch keine Schnitzel und Kartoffelsalat und alles, wenn sowieso alle in den Fernseh hineinstieren. Das war so wie Fußball oder Olympia oder „Wetten, dass“. Bloß, dass hinterher nicht einer gewonnen hat, sondern es ist erst richtig losgegangen und es geht immer noch weiter, weil man jetzt eine Sondierung braucht oder eine Koalition oder was.

Wie die Wahl vorbei war, hat die Mama g’sagt, dass sie vielleicht überhaupt nicht mehr zur Wahl gehen täte, wenn immer so ein Scheißdreck dabei herauskommen täte. Wo sie sonst immer sagt, Scheißdreck sagt man nicht. Und der Opa, der hat g’lacht und g’sagt: Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten. Der Opa ist ein „Alt-68er“, der darf so was sag’n. Aber auch die Vreni, meine ältere Schwester, hat g’sagt, sie dada si a so schama (es täte sie so schämen, für die Preuß’n), weil die Leut in ihrem Alter bloß „geldgeile Schnösel oder Ökospießer“ haben hätten wollen. Wia da Bappa sie g’fragt hat, was sie gewählt hätt, da hat die Vreni g’meint, das ist ein Wahlgeheimnis. Weil sie darf jetzt wählen, und jetzt ist sie erwachsen und da hat sie ein Wahlgeheimnis.

Ein Wahlgeheimnis ist wahrscheinlich so was wie ein Beichtgeheimnis. Die Mama schreibt mir immer auf, was ich beichten soll, weil sie kennt den Pfarrer, und sie weiß, was ihm eine rechte Freud macht. Mir sind ja eigentlich nicht religiös. Aber mei, es is’ halt wegen der Oma (also der anderen, nicht dass Sie die jetzt mit den Alt-68ern verwechseln) und wegen den Leut’. Wahrscheinlich ist es also mit der Wahl auch so, dass man es halt macht, und deswegen muss man noch lange nicht an alles glauben.

Bei einer Wahl ist es so, dass vorher alles total langweilig ist und hinterher auch wieder. Aber zwischendrin!

Bei einer Wahl ist es so, dass vorher alles total langweilig ist und hinterher auch wieder. Aber zwischendrin regen sich alle furchtbar auf. Dann wird gezählt, und man sieht „Wählerwanderungen“, und da wollen ein paar nach Jamaika, was schon komisch ist, weil Jamaika liegt ja im Meer und man macht da den ganzen Tag Musik. Die wer’n sich schön bedanken in Jamaika, wenn da aus Deutschland so Wählerinnen und Wähler dahergewandert kommen und sagen, jetzt brauch’ ma Sondierung und Koalition und alles.

Jetzt stell’n Sie sich des amal vor, dass lauter Jamaikanerinnen und Jamaikaner zu uns kämen, weil sie eine Deutschlandkoalition haben wollen, und Sondierungen, dann heißt es wieder die Ausländer. Die nehmen uns die Arbeitsplätze und das Geld weg, dass wir nicht mal mehr eigene Regierung und Minister haben. Wie ich das der Vreni g’sagt hab, hat sie g’lacht und g’sagt, dass sie den Bob Marley schon gern als Kanzler gehabt hätt, bloß dass der leider schon tot ist. Und der Bappa hat g’meint, dass es schon so was gibt wie eine Deutschlandkoalition, aber das wär überhaupt nicht zum Lachen, weil das auch keine Demokratie ist, wenn alle alten Deppen beieinander sind. Dep­p*IN­NEN hat die Vreni g’sagt. Es gibt auch alte Deppinnen. Ich persönlich hätt auch lieber Bob Marley g’habt, den hör ich gern, aber mei, wenn er halt tot ist. Kann ma nix machen.

Auf jeden Fall haben seit der Wahl alle eine mordssschlechte Laune. Weil es nämlich egal ist, wie jetzt eine Koalition aussieht, ein langweiliger Scheißdreck ist es in jedem Fall. Und wie ich g’fragt hab, warum man dann überhaupt so eine Wahl macht, da hat der Opa g’lacht, aber das gilt nicht, weil er ist ja ein Alt-68er, und die haben keine Ahnung. Es ist nicht egal, hat der Bappa g’sagt, weil es um das Klima geht und um die Renten und um die Wirtschaft. „Wenn die da oben nicht mehr können und wir da unten nicht mehr wollen“, hat der Opa g’sagt, „dann gibt’s sowieso eine Revolution.“ „Nein“, hat die Mama g’sagt, „dann kommen die Nazis.“

Seit der Wahl haben alle einen echten Grant. Und dann ist in Österreich auch noch ein Kanzler zurück getreten. „Kurz“ hat der geheißen, das hab ich lustig gefunden, aber es war niemandem zum Lachen. Am schlimmsten hat es den Bappa erwischt. Wie der nämlich den Abfallkübel in den Hof getragen hat, da ist er dem Nachbarn begegnet, der wo immer vom Volk redet und von den Fremden. Und der fragt den Bappa, was er denn jetzt zu der Wahl sagen tät, weil man doch wenigstens die rote Gefahr verhindert hätt, und der Bappa hat g’sagt: „Nix.“ Nix dad er sag’n zur Wahl, schon gar nicht zu so einem … Ich sag’s lieber nicht. Dann sind die zwei doch ins Streiten gekommen, und der Bappa hat doch noch gesagt, was er lieber nicht hat sag’n wollen, und jetzt haben wir ein Gerichtsverfahren am Hals. Wo wir sowieso nicht so viel Geld hab’n, und die Miete ist auch g’rad gestiegen.

So eine Wahl tut uns nicht gut. Wenn man nicht zur Burschwasie g’hört, kommt einem eine Wahl teuer. Wenn das eine Demokratie ist, hat die Vreni g’sagt, wo man eine Zukunft mitgestalten soll, und dann freuen sich doch wieder bloß die Nazis, dann weiß sie auch nicht. Wenn „mitgestalten“ heißt, dass alle in den Fernseh stieren und es gibt kein Schnitzel und keinen Kartoffelsalat und noch Streitereien, wo man vielleicht noch Strafe zahlen muss, wenn man einen Nazi einen Nazi nennt, dann fang ich lieber mit dem Mitgestalten gar nicht erst an. Das sag ich Ihnen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de