: Ein Wagner, ein Faust, ein Monument
■ Michael Kurtz‘ Stockhausen-Biographie
Im Klappentext ragt S. „in unsere Kulturlandschaft wie ein Monument“. In der Vorbemerkung wird er dezent, jedoch unüberlesbar mit Wagner und Schönberg verglichen und als „Faust des 20. Jahrhunderts“ tituliert. Am Schluß des Buchs bezeichnet S. sich selbst als göttlich Berührten und stellt sich in eine Reihe mit Beethoven, Brahms, Wagner, Schönberg und Messiaen. Der Dank des Biographen gilt jedoch zunächst mehr als 100 Personen, von Marc Chagall (+) über Tante Agnes (Jülich) und Onkel Wilhelm (+) bis zu David Tudor und Allen Ginsberg (New York).
Dann wird Kurtz genau: „Am 22. August 1928 um drei Uhr früh wurde Karlheinz Stockhausen mit dem stattlichen Geburtsgewicht von 12 Pfund in Mödrath, einem Dörfchen des Braunkohlereviers, geboren.“ Was für ein Brocken! Schon früh zeigt sich seine musikalische Begabung: das dreijährige Kerlchen hatte einen Holzhammer umhängen und klopfte auf alles, „was am Wege stand“. Und daß den Komponisten Ende der 60er Jahre Visionen vom Vogeldasein heimsuchen, liegt daran, daß Kleinkarlheinz auf der Wiese vorm Dorf einen Bruchpiloten notlanden sah.
1932 „fiel ein Schatten“. Die Mutter wird „schwermütig“ und kommt in die Heilanstalt. Danach wird sie nur noch einmal erwähnt: 1941 wird sie „Opfer der 'Euthanasiemaßnahmen'“. Kein Wort über sie in der Zeit dazwischen. Der Vater war derweil Blockleiter geworden und hatte 1938 wieder geheiratet.
Natürlich gibt es trotzdem schöne Anekdoten, die von den pferdeschwanztragenden New Yorker Stockhausen-Fans von 1971 zum Beispiel: Der Meister trug das Haar in dieser Zeit nämlich gebündelt. Oder die Geschichte mit dem Hungerstreik. Als Mary Bauermeister, seine zweite Lebensgefährtin, sich von ihm trennen will, verweigert der Velassene die Nahrungsaufnahme. Schon am vierten Tage hört er unerhörte Töne und verfaßt Textkompositionen: „Aus den sieben Tagen“. Es ist Mai 68.
Die Malerin Mary Bauermeister hatte Anfang der 60er Jahre übrigens ein Atelier in Köln, in dem sich nicht nur die Kunstszene der Stadt traf, sondern auch die ganze frischeingereiste Cage-Schule hausierte. Heinz-Klaus Metzger schlief in der Badewanne.
Die schönste Geschichte ist die mit Goeyvaerts und Adorno. Der junge Stockhausen war begeistert von den seriellen Kompositionen des Belgiers und verteidigte die Methode des Freundes 1951 bei den Darmstädter Ferienkursen. Adorno blieb skeptisch und fragte nach Motiv, Vordersatz und Nachsatz. Worauf Stockhausen konterte: „Herr Professor, Sie suchen ein Huhn auf einem abstrakten Bild.“ Goeyvaerts wurde wenig später Trauzeuge bei Stockhausens erster Heirat.
1985 bat die taz den Meister, eine Erwiderung auf einen Text zu Goeyvaerts‘ Thesen zu schreiben (Goeyvaerts war mittlerweile zur „Ästhetik der Neuen Einfachheit“ übergelaufen). Stockhausen antwortete: „Was den belgischen Komponisten Goeyvaerts betrifft, so tun Sie ihm zuviel Ehre an, wenn Sie bzw. der Autor des Textes verbreiten, Goeyvaerts habe jemals als Komponist eine Rolle gespielt. Die Musik von Goeyvaerts war zeitlebens stinklangweilig und uninspiriert. Deshalb braucht er all diese billige Propaganda. Blamieren Sie sich nicht noch weiter! Freundliche Grüße ...“
chp
Michael Kurtz: Stockhausen, Eine Biographie, Bärenreiter, Kassel 1988, 336 Seiten, zahlreiche Fotos, Werkliste und Literaturhinweise, 42 DM.
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