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Ein Tatort zum Thema SterbehilfeMukoviszidose im TV

Bernd Pickert
Kommentar von Bernd Pickert

Im SWR-Tatort "Der glückliche Tod" will ein Mädchen sterben - unser Sohn will leben. Eine persönlich gehaltene Empfehlung. (So., 20.15 Uhr, ARD)

Können Eltern dem Sterben ihrer Kinder zusehen? Filmmutter Frege kann es nicht und sieht die Sterbehilfe als Ausweg. Bild: SWR/Krause-Burberg

Die Filmfigur Julia Frege (Stella Kunkat) ist neun, hat Mukoviszidose, sitzt im Rollstuhl, kann kaum noch atmen und will nicht mehr leben. Unser Sohn ist auch neun, hat auch Mukoviszidose, spielt im Fußballverein und denkt nicht an den Tod. "Manche haben Glück und werden damit 30. Julia hat kein Glück", sagt Filmmutter Katja Frege, beeindruckend gespielt von Susanne Lothar. Unser Sohn hat Glück, denken wir. Filmmutter Frege setzt alles in Bewegung, um Tochter Julia vom Leben zu erlösen. Wir versuchen alles, um unserem Sohn Leben zu ermöglichen.

"Tatort"-Debütantin Aelrun Goette ist ein bewegender Film gelungen. Es geht um Sterbehilfe und schmutzige Geschäfte damit. Der kriminalistische Plot des SWR-"Tatort" ist schlüssig, aber austauschbar. Die emotionale Spannung bezieht der Film aus der Begegnung von Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) mit Katja und Julia Frege. Also mit Leuten wie meinem Sohn, meiner Frau und mir? Wie immer, wenn wir Mukos sehen, denen es richtig schlecht geht und deren Eltern verzweifeln, fragen wir uns, ob wir in unsere eigene Zukunft sehen. Und verdrängen das sofort wieder. Jetzt kommt die Frage im "Tatort" wieder auf uns zu.

Es stimmt alles. Mukoviszidose bringt Kinder um, mitunter auch neunjährige. Und wenn bei Freges immer eine Flasche Sterilium zum Händedesinfizieren neben der Küchenspüle steht, dann sieht das aus wie bei uns zu Hause. Und bei rund 8.000 anderen Familien in Deutschland.

Mit unserem Sohn würde ich den Film nicht gemeinsam anschauen. Er würde ihm Angst machen. Ich hingegen bin froh, dass Muko im Fernsehen ist - das hilft Familien wie uns vielleicht, nicht mehr als irgendwie nervig und überkandidelt angesehen zu werden, wenn wir in Schulen und Kindergärten um ein paar Vorsichtsmaßnahmen bitten.

Für den "Tatort" ist Julia Freges Krankheit, die genetisch bedingte unheilbare Mukoviszidose, allerdings nicht wirklich wichtig. Es könnte auch Leukämie sein oder eine andere Krankheit. "Wie halten Sie das aus?", fragt die Kommissarin. "Gar nicht", antwortet die Mutter. Darum geht es. Können Eltern dem Sterben ihrer Kinder zusehen? Filmmutter Frege kann es nicht und sieht die Sterbehilfe als Ausweg. Der getrennt lebende Filmvater Frege (Stephan Schad) will es nicht, verdrängt und flüchtet. Am Schluss sind beide im entscheidenden Moment nicht da. Das ist, wie dieser ganze "Tatort", ziemlich traurig.

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Bernd Pickert
Auslandsredakteur
Jahrgang 1965, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft, seit Juli 2023 im Moderationsteam des taz-Podcasts Bundestalk. Bluesky: @berndpickert.bsky.social In seiner Freizeit aktiv bei www.geschichte-hat-zukunft.org

1 Kommentar

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  • R
    Robby

    Es gibt hier keinen "Tatort". Hier, in Montevideo. Urs und Clarita sind gerade schlafen gegangen, Ire ist bei Tino oben. Lese den Artikel von Dir. Denke an Esmaralda und Ihre Eltern aus Buenos Aires, die den Tot ihrer Tochter hier an der Küste Uruguays betrauern. Denke an den Fussballspieler. Denke an sein Lachen und seine verschwitzen blonden Haare. Denke an sein Fluchen. Denke an seinen Bruder. Denke an Euch, seine Eltern. Sehe sein Leben. Das Leben. Und denke er wird einmal in dem Moment auf den es ankommen wird sagen: gracias a la vida.