: Ein Krieg in Serbien
■ Babylon dramatisiert Tismas "Der Gebrauch des Menschen"
dramatisiert Tismas Der Gebrauch des Menschen
Alexsandar Tisma schildert in dem Roman Der Gebrauch des Menschen den Einbruch des Zweiten Weltkriegs in das serbische Provinzstädtchen Novi Sad. Fasziniert hat Barabara Neureiter, Chefin der Theatergruppe Babylon, daran die Atmosphäre der Genauigkeit, der leise Ton und die Ernsthaftigkeit, mit der Tisma sich auf seine Figuren einläßt. Diese unsentimentale und unpathetische Form, „innere Zustände nach außen zu tragen“, wie Neureiter im Gespräch formuliert, möchte sie auch auf der Bühne erreichen.
Tisma ist Serbe. Vor dem Krieg in seiner Heimat floh er ins Exil nach Paris. Parallelen zu den aktuellen Ereignissen strebt Neureiter allerdings nicht vorschnell an: „Das muß in den Köpfen der Zuschauer passieren.“ Exaktheit in den Details war ihr wichtiger als die Herstellung eines großen Zusammenhangs. Der genaue Blick auf die einzelnen Figuren wichtiger als die Formulierung von Stellungnahmen.
Die Babylon-Bearbeitung konzentriert sich auf acht Figuren. Um sie herum erstellte Neureiter ein Szenengerüst. Auf dieser Grundlage improvisierte die Gruppe sechs Wochen lang. Die Autorin Heike Nikolaus brachte schließlich die Dialoge in die endgültige Fassung.
So entstand ein Gewebe von Geschichten, das Schicksale vor dem Ausbruch eines Kriegs erzählt. Wer die Produktionen der Gruppe Babylon seit ihrer Gründung im Jahre 1984 verfolgt hat, wird zwar nicht das Thema, wohl aber die Art und Weise der Darstellung überraschen. Unter Führung von Barbara Bilabel stand Babylon in den achtziger Jahren an der Spitze der Hamburger Theateravantgarde. Und auch die Inszenierungen von Brechts Baal und Werner Schwabs Präsidentinnen, beide unter der Regie von Barbara Neureiter, hoben sich in ihrer Lust an der grotesken Überzeichnung vom üblichen Theaterbetrieb ab. Der Gebrauch des Menschen bedient sich nun wieder bekannter Mittel des narrativen Theaters.
„Man kann das Experimentelle den Zuschauern nicht mehr vor den Kopf knallen“, meint Neureiter. Zudem sind die starren Fronten zwischen freien Gruppen und
1dem Staatstheater längst aufgebrochen. Allerdings zeigt gerade der Umgang mit der Romanvorlage einen Willen zum, wenn auch im fertigen Produkt kaum mehr sichtbaren Experiment.
Statt sich zu wandeln, erweitert so die Gruppe Babylon ihren Formenfundus. Nach den sprachzentrierten Präsidentinnen bewegt sich Barbara Neureiter diesmal „zurück auf den Menschen“. Eine Herausforderung an die Regisseurin ist dies allemal, denn der psychologische Realismus der Szenen fordert ein äußerst konzentriertes Ensemblespiel. Dirk Knipphals
Ab 15. 4., 19.30 Uhr, Kampnagel, Halle 2
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