: Ein Genickschuss Humor
Wahlkampf im Land des Lachens: Sachsen-Anhalt am komischen Abgrund der Demokratie. Eine Visite
Von Christian Kreis
In Sachsen-Anhalt, dem lustigsten Bundesland der Welt, bekannt für den ersten Stand-up-Comedian, der mit seinem Soloprogramm „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ und einem Potpourri von Judenwitzen sich eine größere Fangemeinde zwischen Eisleben und Wittenberg erworben hatte, bestreiten die beiden führenden Parteien AfD und CDU, die etwas weniger führt, ihren Wahlkampf mit einem gehörigen Genickschuss Humor und mit zum Verwechseln ähnlichen Personen auf der Bühne.
Uwe Steimle, der frohfaschistische Sachse, singt und scherzt an der Seite von Ulrich Siegmund für Frieden und Nationalismus. Didi „Palim Putin“ Hallervorden blödelt an der Seite von Sven Schulze – aber wer ist eigentlich nochmal Sven Schulze? … egal – für Frieden und Antisemitismus. Ein Duell der Lachgiganten bahnt sich an im Kulturpalast Leuna-Ost, wo die beiden Spitzenspaßkandidaten flankiert von ihren Humorsekundanten in den Ring steigen werden.
Wenn man nichts zu lachen hat, sorgt man selbst für die Lacher, dürfte man sich vormals schon gedacht haben, als das Landesmarketing von S.A. den Slogan „Wir stehen früher auf“ erfunden und für viele gutmütige Schmunzler in den anderen Bundesländern gesorgt hat. Funfact: Das Anagramm von „Wir stehen früher auf“ lautet nicht von ungefähr „Wir stehen auf Führer“.
Ulrich Siegmund, der auf einer braunen Schwalbe herangebraust kommt, lächelt verschmitzt. Der akademisch gebildete Moped-Führer, der seinen „Bachelor of Farts“ an der Fernfachhochschule Humbug über die Duftmanipulation von Endverbrauchern geschrieben hat, erkannte bereits im Studium, wie wichtig indirekte Botschaften sind, die auf das unterste Bewusstsein des Sachsen-Anhalters zu wirken vermögen.
Über den Parkplatz kämpfen wir uns durch die Abgaswolken der vor sich hin knatternden Simsonsturmabteilung in den Wahlkampfsaal, wo uns die ersten Lacher wie Schrapnelle um die Ohren fliegen, während der subtile Benzingestank die Erinnerung in uns wachruft, dass zu DDR-Zeiten die größten Armleuchter der Klasse mit fünfzehn ihre Simsonfahrerlaubnis machen durften, um die schönsten Schnallen aus der 9b abzuschleppen. Kein Wunder, dass wir linksgrünen Fahrradloser das sich darbietende fröhliche Treiben der motorisierten Ostdeutschländer mit Argwohn betrachten. Und so miesepetrig, wie wir nun dreinschauen, erkennt man uns gleich als Vertreter der Systemmedien. Aber die Anwesenden nehmen es mit Humor und versichern, dass wir nur die Fresse poliert kriegen, wenn wir uns nicht umgehend verpissen.
Uwe Steimle singt derweil „Auferstanden aus Ruinen“, was ausnahmsweise mal kein Witz ist, als ihm auch schon Didi Hallervorden ins Friedenslied fällt mit einer satirisch gemeinten Aufzählung aller ihm bekannten N- und Z-Wörter. Sven Schulze, durch und durch tolerant, wie man es von einem CDU-Politiker gewohnt ist, hebt gequält die Mundwinkel über die gelungene Darbietung. Wir spüren es an der immer bedrohlicher werdenden Stimmung im Raum, dass in diesem Bundesland noch gelacht werden darf über Wessis, Frauen und andere Minderheiten.
Opa Siegmund, der sich seit Kurzem über seinen Nebenjob als Parteihumorist bei der AfD freuen darf, betritt die Bühne mit ein paar gut vergammelten Gags von Fips Asmussen, womit er schon den kleinen Uli zum Lachen gebracht hat. Ein inniger Familienmoment, der nicht nur Lachtränen in die Augen der Anwesenden zaubert. Familie hat hier immer noch ihren nepotistischen Wert.
Foto: Reuters
Dass Didi Hallervorden die Dissonanzen fast besser trifft als Uwe Steimle, beweist er im Anschluss mit dem Chanson „Gaza Gaza Genozid“. Wir fragen Sven Schulze, wie er inhaltlich zu dem Lied steht, weil darin doch eine etwas andere Haltung zum Ausdruck kommt als sonst in seiner Partei üblich: „Ja. Äh, da mir in den Umfragen das Wasser derzeit bis zum Hals steht, kann ich auch mit Leuten zusammenarbeiten, deren Meinungen ich eigentlich komplett ablehnen müsste, wenn ich noch Charakter hätte. Und so will ich auch in Zukunft das Land Sachsen-Anhalt zum Erfolg führen.“
Langsam wird es uns sehr komisch zumute, was an einem Trupp Spaßvögel liegen könnte, die uns mit Folklorebaseballschlägern umringen, in Erinnerung an ihre Jugend in den Neunzigern. Sven Schulze rät, die Sache nicht allzu ernst zu nehmen, und zeigt uns freundlicherweise den Weg zum Hinterausgang, den wir mit kleineren Blessuren problemlos erreichen.
Auf unserer fluchtartigen Weiterreise durch das an Sehenswürdigkeiten so reiche Bundesland halten wir kurz im Örtchen Querfurt. Wie es bei alten Elefanten üblich ist, hat sich vor Jahren Fips Asmussen einen passenden Ort zum Sterben gesucht und den Tod in Querfurt gefunden. Wo, wenn nicht in Sachsen-Anhalt, können Humoristen den letzten Scherz lassen. Didi Hallervorden darf sich schon jetzt über ein Ehrengrab in Dessau-Roßlau-Nord vorfreuen.
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