: Ein Freund,ein falscher Freund
In den Stationen der Pariser Metro verfolgt unsere Autorin Werbung für einen KI-Anhänger. Er soll dank durchgängig aktiviertem Mikrofon ein Begleiter in allen Lebenslagen sein. Über das Geschäft mit der Einsamkeit
Aus Paris Gina Arzdorf
Schon beim Betreten der U-Bahn-Station am Ende meiner Straße denke ich: Nicht schon wieder! Während ich die Stufen hinabsteige, wird mit ein paar geübten Handgriffen ein mehrere Meter langes Werbeplakat im Gang zu den Gleisen angebracht. „Je n’annule jamais un brunch!“, steht in schlichten schwarzen Lettern auf weißem Grund: Ich sage nie einen Brunch ab. Daneben abgebildet ein rundes, glänzend weißes Objekt, befestigt an einer ebenfalls weißen Kordel.
Wer wissen will, worum es sich bei dem mysteriösen Objekt handelt, muss die auf dem Plakat angegebene Webseite mit der Domain friend.com aufrufen. Als ich die U-Bahn wenige Minuten später auf der anderen Seite der Seine verlasse, werde ich direkt vom nächsten fast ausschließlich in Weiß gehaltenen Plakat geblendet: „Un petit croissant à deux“. Ein kleines Croissant zu zweit.
Es ist die zweite Welle dieser mysteriösen Werbeplakate, die seit Jahresbeginn einen Großteil der gut 300 Pariser Metrostationen fluten. Bei der ersten dauerte es noch ein bisschen, bis die Bevölkerung reagierte, die Plakate beschmierte oder direkt abriss. Diesmal geht es schneller. Der Kleister ist kaum getrocknet, schon zieren die Plakate Schriftzüge wie „Fuck AI“ oder „L’IA n’est pas ton amie“ – KI ist nicht deine Freundin –, was das Mysterium zumindest teilweise löst. Es handelt sich nicht um eine neue Plattform zum Freundefinden, sondern um ein KI-Tool.
Die Provokation funktioniert
Der abgebildete Anhänger ist in den USA seit vergangenem Jahr im Handel und soll, um den Hals getragen, ein Begleiter in allen Lebenslagen sein. Unter der Plastikhülle verbirgt sich ein durchgängig aktiviertes Mikrofon, das die Kommunikation mit dem KI-Freund ermöglicht. Während man selbst in das Mikro spricht, kommt die Antwort per Textnachricht aufs iPhone.
Von den zuhauf existierenden kostenlosen Chatbots unterscheidet sich der „Freund“ dadurch, dass er nicht nur auf konkrete Fragen antwortet, sondern auch spontane Kommentare zu den durchgängig verarbeiteten Umgebungsgeräuschen abgibt. Für das Gefühl, nicht allein zu sein, zahlt man umgerechnet 116 Euro.
Bei der Einrichtung des Anhängers gibt man dem KI-Kompagnon einen Namen. Das soll wohl so etwas wie eine Beziehung auf Augenhöhe suggerieren, doch das Gerät ist meilenweit davon entfernt, eine echte zwischenmenschliche Beziehung ersetzen zu können. Das weiß auch sein Entwickler Avi Schiffmann. Er glaube nicht, dass die Welt zum jetzigen Zeitpunkt bereit für sein Produkt sei, sagt der 23-jährige US-Amerikaner in einem Interview mit dem US-amerikanischen Fernsehsender NBC. Ziel sei erst einmal, Sichtbarkeit zu erlangen. Und das ist ihm mithilfe einer smarten Marketingstrategie gelungen.
Als er gerade mal über ein Budget von 2,5 Millionen Euro verfügte, gab Schiffmann 1,8 Millionen davon für die Domaine friend.com aus. Die erste große Werbekampagne in der New Yorker Subway kostete ihn später eine weitere Million. Und das, obwohl Schiffmann bewusst gewesen sei, dass man künstliche Intelligenz in New York hasse. Die Plakate, wie sie nun auch in Paris zu sehen sind, lösten in kürzester Zeit große Empörung aus und die auffällig großen weißen Flächen luden Passant*innen geradezu ein, diese kundzutun.
Schnell wurde die Werbung zum Internetphänomen. Was in New York gut funktioniert hat, wird in Paris auf die Spitze getrieben. In der französischen Version erhalten einige Plakate Rechtschreibfehler. Mal fehlt nur ein Accent, mal ein ganzer Buchstabe. Übersetzungsprogrammen unterlaufen solche Fehler nicht, und so liegt die Vermutung nahe, dass es sich nicht um ein Versehen handelt. Unter Social-Media-Posts mit Fotos von den Plakaten reihen sich Hinweise auf die falsche Orthografie – und die vielen Interaktionen sorgen dafür, dass der Post vom Algorithmus noch mehr Menschen angezeigt wird.
Avi Schiffmanns Strategie, eine Debatte zu entfachen, geht also auf. Dass sich das erfolgreiche Marketing in den Verkaufszahlen widerspiegeln wird, ist damit allerdings noch nicht gesagt. Wer das Gadget nutze, erkläre sich mit der passiven Aufnahme von Umgebungsgeräuschen einverstanden, einschließlich personenbezogener Daten, „deren Erfassung unangemessen, illegal oder unethisch“ ist, heißt es in einer Erklärung des Unternehmens. Wenngleich die Verarbeitung von Audiodaten ohne vorherige Einwilligung aller Beteiligten mit der Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union und Paragraf 201 des deutschen Strafgesetzbuchs kollidiert, liefert Friend seinen Anhänger auch in die EU.
Das Unternehmen könne im Falle einer Persönlichkeitsrechtsverletzung nicht haftbar gemacht werden, wird auf der Produktwebseite erklärt. Es liege in der Verantwortung der User*innen, geltendes Recht zu respektieren. Dass einer der Plakatslogans „Je garde ton secret“ – Ich wahre dein Geheimnis – lautet, ist im Hinblick auf den Datenschutz fast schon witzig.
Einiges spricht also gegen einen Verkaufserfolg in Europa, doch eines muss man Avi Schiffmann lassen: Mit seinem KI-Freund, den er nach eigenen Angaben entwickelt hat, um Einsamkeit zu bekämpfen, trifft er den Zeitgeist. Einsamkeit gilt als Massenphänomen, das in Deutschland von der Bundesregierung mit einem Maßnahmenkatalog samt Einsamkeitsbarometer adressiert wird. Während der Pandemiejahre 2020 und 2021 schoss die Zahl der Menschen, die sich einsam fühlen, in die Höhe. Heute liegt sie immer noch über dem Vor-Corona-Niveau.
Nichts als ein Selbstgespräch
In einer 2024 veröffentlichten Studie des familiendemografischen Panels FReDA gab etwa ein Drittel der befragten Erwachsenen zwischen 18 und 53 Jahren an, zumindest teilweise einsam zu sein, 17 Prozent fühlten sich sehr einsam. Genau in diese Kerbe schlägt auch friend.com mit seinem Plakatslogan „Je suis là pour toi“. Ich bin für dich da.
Besonders betroffen sind neuerdings junge Menschen zwischen 19 und 29 Jahren – eine Altersgruppe, die soziale Interaktionen häufig in den digitalen Raum verlegt. Und nicht nur das: Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene wenden sich auch in persönlichen Belangen an Chatbots. Ratschläge kommen auf Knopfdruck, sind rund um die Uhr verfügbar und kostenlos, außerdem verurteilen die Bots nicht, erklärt Laurence Devillers, Professorin für künstliche Intelligenz an der Universität Sorbonne.
Zudem begegnen Chatbots ihren Nutzer*innen in der Regel wohlwollend und verständnisvoll. Widerspruch oder Kritik am eigenen Handeln erhält nur, wer explizit danach fragt. Das kann laut Laurence Devillers dazu führen, dass echte Freundschaften als unbequem wahrgenommen werden, „weil Freund*innen auch mal Nein sagen und anderer Meinung sind“. Chatbots hingegen passen sich ihren Nutzenden so weit an, „dass man letztendlich das Gefühl hat, mit sich selbst zu sprechen“.
So dystopisch all das auch klingt, ganz so weit sind wir als Gesellschaft noch nicht, das zeigen die vielfältigen Protestnoten auf den Plakaten. Und auch, dass andere Firmen sich etwas davon versprechen, die Friend-Werbung mit eigenen Botschaften zu kontern. In Paris wirbt der Pocket-Verlag damit, dass Bücher die besseren Begleiter für den Alltag seien. Und in New York plakatiert Heineken mit dem Slogan „The best way to make a friend is over a beer“.
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