Ehrenamt mit 94 Jahren : Nicht organisiert. Aber verlässlich.
Rena Krebs ist 94 Jahre alt und leitet in ihrer Wohnung in Köln-Niehl den „Trakehner Gesprächskreis“ – ein engagiertes „Wohnzimmer der Gesellschaft“. Zeit für einen Besuch.
taz FUTURZWEI | Die Trakehner Straße in Köln-Niehl ist eine ruhige Straße mit Einfamilienhäusern. Eines davon wurde 1974 von dem Architekten Herbert Tabeling entworfen, der alle Einheiten und Räume bewusst auf Wandel hin geplant hat: Es ist ein Haus, das mit den Lebensphasen seiner Bewohner:innen mitgehen kann. Es legt nicht fest, sondern hält Möglichkeiten offen. Nach dem Eintritt durch Diele und Esszimmer geht es drei Stufen hinab ins Wohnzimmer. Ein hoher Raum öffnet sich zum Garten: große Fenster, Bücherregale, eine Klinkerwand, Kunstwerke und Fotografien aus vielen Jahrzehnten. In der Mitte stehen zwei Sofas und ein niedriger Tisch.
Hier lebt Rena Krebs. Sie ist 94 Jahre alt.
An diesem Abend sitzt Krebs in ihrem Schaukelstuhl am Rand des Raums. „Das ist meine Lebensecke“, sagt sie. Neben ihr liegen Strickzeug, Telefon und iPad.
Dana Giesecke ist die wissenschaftliche Leiterin der Stiftung FUTURZWEI. Sie studierte Soziologie mit kultursoziologischem Schwerpunkt, Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Dresden und Wissenschaftskommunikation und -marketing an der Technischen Universität Berlin. Regelmäßig begleitet sie für taz FUTURZWEI "Changemaker" in der gleichnamigen Rubrik.
Ihr Bewegungsradius sei kleiner geworden, erzählt sie. Doch ihre Aufmerksamkeit, ihre geistige Wachheit und ihre Haltung sind es nicht. Konzentriert verfolgt sie, wie nach und nach Menschen eintreten, Jacken ablegen, Schüsseln und Teller in die Küche tragen: zwei Quiches, ein Schichtsalat, Leberkäse mit Kartoffelsalat, ein Käsebrett, später Obstsalat. Rena Krebs kennt den Ablauf. Er ist eingespielt, über Jahrzehnte erprobt. Alle kennen ihn.
Rena Krebs war 69 Jahre verheiratet. Vor sieben Jahren starb ihr Mann Peter. Sie heirateten 1955. Peter Krebs war Mediziner, zuletzt 23 Jahre lang Chefarzt der Inneren Abteilung am St.-Agatha-Krankenhaus in Köln-Niehl. Sie zogen vier gemeinsame Töchter groß; heute gibt es sieben Enkel und sieben Urenkel.
Engagement gehörte für das Ehepaar ganz selbstverständlich zum Leben. Peter Krebs engagierte sich 16 Jahre in der Kommunalpolitik in Frankfurt und Eschweiler, später in der Seniorenvertretung der Stadt Köln. Bis zu seinem Tod blieb er erster Vorsitzender des Vereins Gesundheit für Wohnungslose e. V.
Als die Töchter erwachsen waren, begann Rena Krebs, sich neu zu orientieren. Sie fand die Themenzentrierte Interaktion (TZI), eine von Ruth Cohn entwickelte Methode der Gruppenarbeit. Mit 42 Jahren begann Krebs bei ihr eine Ausbildung bis hin zur Lehrbefähigung, bildete anschließend selbst Menschen aus und arbeitete über Jahrzehnte mit Gruppen und Paaren, in Coaching, Supervision und Krisenintervention.
Der Wohnzimmer-Gesprächskreis
Seit 27 Jahren trifft sich in ihrem privaten Wohnzimmer der Trakehner Gesprächskreis. Menschen aus der Nachbarschaft, Freundschaften aus früheren Lebensphasen, Hinzugekommene. Eine Familienanwältin, ein Therapeut, ein Paar aus einer Kölner Wohngemeinschaft, ein Politologe und Journalist, ein Schulleiter, zwei Lehrerinnen. Die Jüngste der Runde ist rund vierzig Jahre jünger als Krebs. „Plötzlich ist man überall die Älteste“, sagt Rena Krebs trocken.
Entstanden ist der Kreis 1999 aus einer bewussten Abgrenzung heraus. „Es sollte weder Debattierclub noch Selbsterfahrungskurs sein“, sagt Rena Krebs. „Wichtig war: Hier darf nicht nur gekommen und konsumiert werden; Mitglied konnte nur werden, wer auch bereit war, einen Themenabend anzubieten.“ Und es brauchte jemanden, der darauf achtet, dass nicht Einzelne dominieren. Das war Krebs selbst.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°36: Die AfD interessiert uns nicht
Statt Rechtspopulisten politisch hinterherzurennen, plädieren wir für politische und gesellschaftliche Reformen zum Erhalt der großen demokratischen Mehrheit. Welche sind das? Das diskutieren wir in diesem Heft.
Mit: Aladin El Mafaalani, Beate Küpper, Johannes Heimrath, Maxim Keller, Ruth Fuentes, Wolf Lotter, Arno Frank, Vivika Lemke, Carla Hinrichs, Kevin Kühnert, Harald Welzer u. v. m..
Zunächst wird stets gemeinsam gegessen. Früher bereiteten Rena und Peter Krebs das Buffet selbst vor. Heute bringen die Gäste das Essen mit. Nach der Verköstigung werden weitere Stühle aus dem Keller geholt und ein Stuhlkreis im Wohnzimmer aufgebaut. An diesem Abend sind es die falschen.
„Oh nein, nicht diese hässlichen“, ruft Rena Krebs und lacht. Dann wird der Kreis gebildet. Nicht irgendwie. „Der Couchtisch muss weg! Und das ist kein Kreis! Bitte macht einen ordentlichen Kreis.“ Alle folgen. Krebs eröffnet. Sie leitet, wie immer, den Abend.
Jedes Mal bereitet eine Person ein Thema vor. Zuerst wird einzeln referiert, dann gemeinsam gesprochen und diskutiert. Nach festen Regeln. Keine Zwischenrufe, keine Abschweifungen, nichts Privates. Erst wenn der Kreis beendet ist, darf das Gespräch frei werden. Wer hier mitsprechen will, muss bleiben, zuhören, sich einlassen. Beteiligung braucht Zeit und die Bereitschaft zur gemeinsamen Arbeit.
Dann wird noch lange in der Küche, im Garten oder im Wohnzimmer gestanden. Früher oft bis nach Mitternacht. Heute bittet Rena Krebs die Leute liebevoll zum Aufbruch, damit sie selbst rechtzeitig ins Bett kommt.
Handlungsfähigkeit statt Konsens
Was hier eingeübt wird, ist kein Konsens. Es ist etwas anderes: Handlungsfähigkeit. Rena Krebs unterscheidet da klar: „Ich bin weder ohnmächtig noch allmächtig, sondern partiell mächtig.“ Ohnmacht heißt für sie, sich zurückzuziehen und nichts mehr zu versuchen. Allmacht ist das andere Extrem: Selbstüberschätzung. Partielle Macht dagegen bedeutet, die eigenen Handlungsspielräume zu erkennen und Verantwortung für genau diese zu übernehmen. Dieses Wohnzimmer ist ein Modell für partielle Machtergreifung.
Als 2015 in Köln-Niehl zwei Turnhallen mit jeweils rund 85 Geflüchteten belegt waren, gingen Rena und Peter Krebs los, holten dort Kinder ab und organisierten Kinoabende. Später kamen sie mit ihnen in ihr Wohnzimmer und veranstalteten noch monatelang einen Trommelkurs.
Es braucht mehr analoge Orte für das Gemeinsame. Harald Welzer präsentiert eine neue Folge von „Wohnzimmer tv“ am 17. März um 20 Uhr live in der taz Kantine & im kostenlosen Stream. Weitere Informationen und kostenlose Tickets gibt es hier.
Dann wurde Peter krank. Nach einem Oberschenkelhalsbruch, einer Operation und einem Krankenhausaufenthalt kamen Panikattacken hinzu. Das sei bei vielen der Kriegskinder und Flakhelfer in der Nähe des Todes zu beobachten, sagt Rena Krebs. Peter konnte nicht mehr allein sein. War er allein, schrie er seine Angst heraus. Rena Krebs schrieb eine Mail an den Gesprächskreis. Und dann geschah etwas, das sie bis heute bewegt: Bis zu seinem Tod war Peter keine Nacht allein. Menschen aus dem Gesprächskreis kamen und hielten Wache an seinem Bett. „Das war ein Wunder der Menschlichkeit“, sagt Rena Krebs. Sie sagt das ohne Pathos, aber mit einer Klarheit, die keinen Zweifel lässt: „Du bekommst etwas zurück, wenn du etwas aufmachst.“
Intentionslose Beziehungen
Dieses Wohnzimmer hatte über Jahre Beziehungen entwickelt, ohne es darauf anzulegen. Jetzt trugen diese Beziehungen. Manche Menschen, die den Gesprächskreis besuchen, kennen sich nur von diesem Ort. Für einen Journalisten, erzählt Rena Krebs, sei der Kreis über Jahrzehnte eine Art Wahlfamilie gewesen; nur zwei Mal habe er gefehlt. Andere halfen einander beruflich, menschlich, praktisch. Nicht organisiert. Nicht eingefordert. Aber verlässlich. Seit 27 Jahren. An diesem Abend ist es die 182. Veranstaltung. „15 Personen sind mittlerweile schon gestorben“, sagt Rena Krebs.
Neben dem Gesprächskreis engagiert sich Krebs gegen Einsamkeit bei Silbernetz e. V. Von zu Hause aus. Über eine Hotline des Vereins, über die bisher hunderttausende Gespräche mit einsamen alten Menschen geführt wurden. „Man kann mit 94 in der Ecke sitzend noch ehrenamtlich tätig sein“, sagt sie. Engagement wird hier nicht kleiner, sondern präziser: Im Fall von Silbernetz e. V. heißt das, einmal pro Woche etwa eine Stunde lang mit einem einsamen Menschen zu telefonieren.
Rena Krebs spricht über ihren Wohnzimmer-Gesprächskreis nicht nur mit Stolz, sondern auch mit Ernst. Sie findet es wichtig, dass er für andere als Modell verstanden wird. Nicht um zu kopieren, sondern als Einladung. Man müsse kein großes Haus besitzen, keine Methode studiert haben, nicht 94 Jahre alt sein. Man müsse nur bereit sein, die eigene Tür zu öffnen und Verantwortung für das Gespräch zu übernehmen.
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Natürlich ist allen Anwesenden dieses Abends klar, dass das Wohnzimmer an Rena Krebs gebunden ist, diese besondere Gastgeberin. Was wird sein, wenn sie eines Tages nicht mehr einladen kann? „Wenn der Raum nicht mehr da ist und wenn ich nicht mehr da bin, dann ist Ende.“ Ob die Menschen, die jetzt hier im Wohnzimmer sind, dann miteinander verbunden bleiben? Rena Krebs zögert. „Das weiß ich nicht.“
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema „Die AfD interessiert uns nicht“. Jetzt bestellen im taz Shop.