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Dr. Motte zur Zukunft der Technokultur„Wollt ihr eine neue Loveparade?“

Loveparade-Gründer Dr. Motte will mit „Rave The Planet“ die elektronische Tanzkultur fördern. Eine neue Parade soll via Fundraising finanziert werden.

Aus Berlin

Laura Binder

Zwei Frauen mit Blazer und Stoffhosen stoßen mit Sekt an, aus den Boxen tönen im Hintergrund sanfte Beats. Der Raum ist voll von Leuten, an den unverputzten Wänden kleben gelbe Plakate. Was sich nach einer Pre-Work-Party mit Shabby-Chic-Flair anfühlt, ist eigentlich eine Pressekonferenz vom Loveparade-Gründer Dr. Motte und seinem neuen gemeinnützigen Projekt Rave The Planet.

„Wollt ihr eine neue Loveparade?“ Dr. Motte blickt erwartungsvoll ins stumme Publikum. Am Montagmorgen stellte er diese Frage und damit die mögliche Wiedergeburt einer Loveparade im ehemaligen Tresor-Garten vor – dort, wo er und sein Team früher im Kellerclub Tresor arbeiteten und die Parade ihre Wurzeln hat, steht heute ein massives Einkaufszentrum, die Mall of Berlin (Mall of Shame). Genau hier könnten 1,5 Millionen UnterstützerInnen seine Frage noch in diesem Jahr mit einem „Ja“ beantworten.

„Techno gehört zu Berlin wie Currywurst“, sagte Kultursenator Klaus Lederer im Vorfeld zum Projekt. Diesem Leitspruch will das Team um Dr. Motte folgen. Drei große Ziele haben sie sich deshalb auf die Agenda geschrieben. Erstens soll die elektronische Tanzmusik-Kultur in jeder Form gefördert werden, dem Clubsterben entgegengewirkt werden.

Zweitens wollen sie die Technokultur als „immaterielles Weltkulturerbe“ bei der Unesco dieses Jahr anmelden. Und drittens (Achtung!) soll es einen offiziellen Feiertag der elektronischen Tanzmusikkultur geben, verbunden mit einer neuen Parade, die an die Ursprünge zurückgehe.

Auf Crowdfunding bauen

Finanziert wird das Projekt durch Fundraising. Auf einem 50 Meter langen Miniaturmodell vor der Mall of Berlin kann jeder Unterstützer dank 3-D-Druck eine Figur von sich aufstellen lassen. Mit einer Spende von fünf Euro finanzieren sie so das Projekt Rave The Planet. 1,5 Millionen Leute müssen mitmachen, damit das Ziel erreicht wird. Auf öffentliche Mittel würden sie nicht zugreifen, sondern rein auf die finanzielle Unterstützung aus dem Crowdfunding vertrauen.

Dr. Motte, im gelben Pulli mit der Aufschrift „Make Love Great Again“ und bunter Cap, wird im Sommer 60 Jahre alt und ist optisch nur minimal gealtert. Obwohl er politikermäßig seine Rede vom Zettel abliest, ist deutliche Euphorie in seiner Stimme zu spüren. Er verhaspelt sich ein paar Mal und klingt mit appellartigen Schlusssätzen wie „We are one family“ oder „Raven für eine bessere Welt“ ein wenig nach einem Prediger im Freudenrausch.

Fast zehn Jahre nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg, wo bei einer Massenpanik 21 Menschen im Gedränge starben, sind VertreterInnen des Hinterbliebenenverbands zur Pressekonferenz nach Berlin angereist. „Wir stehen mit den VertreterInnen eng in Kontakt, sie sprechen sich für eine neue Parade aus“, sagt Matthias Kaminsky, Kreativdirektor von Rave The Planet. „Sie wollen nicht, dass der Spirit der Loveparade stirbt.“ Kaminsky kritisiert, dass es nach dem Verkauf des Loveparade-Konzepts 2006 eh nicht mehr um Dr. Mottes ursprüngliche Idee einer friedlichen Demonstration gegangen sei, sondern um eine kommerzielle Großveranstaltung.

Es soll eine Parade geboren werden, die wieder als öffentliche Demo gilt. Das Anmelden zum Weltkulturerbe vereinfache die Technokultur für Clubs und damit auch die verbundenen Denkmal-, Schall- und Brandschutzbestimmungen. „Wer Musik auch als soziale Verantwortung einer Kultur versteht, ist und bleibt progressiv“, sagt Dr. Motte und auch, dass die Techno-Tanzkultur zum positiven Imagewandel der Stadt beigetragen habe. Das müssten Politik und Behörden begreifen. Falls das Projekt scheitert, so Kreativdirektor Kaminsky, würde das gesammelte Geld zum Erhalt der Clubkultur eingesetzt werden.

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