Dopingvorwürfe bei Olympia: Der Verdacht schwimmt mit

Am Beckenrand findet ein amerikanisch-russisches Scharmützel statt. In Russland werden derweil Geschütze gegen US-Sportler aufgefahren.

Erst- und Zweitplatzierter des Rennens über 200 Meter Rücken zeigen einen nach ober gerichteten Daumen

Gratulation mit Hinter­gedanken: Ryan Murphy muss aner­kennen, dass Jewgenij Rylow schneller war Foto: David Goldman/ap

Ryan Murphy war einer der Stars der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Natürlich stand der US-Amerikaner seinerzeit im Schatten von Michael Phelps, der damals seine olympischen Goldmedaillen Nummer 19 bis 23 gewonnen hatte. Und so hat kaum einer so recht registriert, dass Murphy im Rückenschwimmen nicht zu schlagen war.

Fünf Jahre später ist das anders. Sowohl über 100 Meter als auch über 200 Meter hat der Russe Jewgenij Rylow als Erster angeschlagen. Murphy kann sich das nicht so recht erklären: „Ich habe etwa 15 Gedanken dazu, bei 13 davon würde ich Ärger bekommen, wenn ich sie aussprechen würde“, sagt er. Und: „Es ist das ganze Jahr über schon eine gewaltige Belastung für mich, in ein Rennen zu gehen, das wahrscheinlich nicht sauber ist.“

Bang! Das Thema Staatsdoping in Russland ist endlich auf der großen Bühne der Spiele von Tokio angekommen. Murphy sagt zwar, er wolle niemandem etwas unterstellen, doch sein Satz hätte eindeutiger nicht sein können. Der US-Sportler ist mit seiner Vermutung in den sportmoralischen Ring gestiegen. In russischen Sportmedien wurde der Satz dankbar aufgenommen. Für das Fachportal sports.ru war klar: Murphy ist ein schlechter Verlierer.

Und während Rylow sagte, was man eben sagt, wenn einem gerade jemand zumindest indirekt Doping unterstellt hat: „Ich war immer für saubere Wettbewerbe, ich werde dauernd getestet, ich erfülle immer alle Regularien. Sauberer Sport ist meine Herzensangelegenheit.“ Die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria fragte beim Chef der Antidopingagentur Rusada nach: „Wir haben den Sportler 2021 dreimal getestet“, sagte Michail Buchanow. Außerdem sei Rylow im Testpool des internationalen Schwimmverbands Fina.

Das Thema Staatsdoping in Russland ist auf der großen Bühne von Tokio angekommen

Die Rusada als Entlastungszeugen zu benennen, ist zumindest gewagt. Während die nationalen Antidopingagenturen eigentlich die Aufgabe haben, Athletinnen zu überführen, die gegen die geltenden Antidopingregeln verstoßen haben, war die Rusada selbst lange Teil des Dopingsystems in Russland. Noch immer wird sie von der Weltantidopingagentur Wada als nicht koscher bewertet, auch weil ihr die Unabhängigkeit vom Staat fehlt. Die langjährige Verweigerung der russischen Sportautoritäten, bei der Aufklärung des großen Betrugssystems mitzuwirken, sowie die mangelnde Bereitschaft, eine funktionierende Dopingkontroll- und Sanktionsstruktur aufzubauen, haben dazu geführt, dass russische Sportler in Tokio nicht unter ihrer Landesflagge antreten dürfen.

Kaum sichtbare Strafe

Es sollte eine Strafe sein, ein für alle sichtbares Zeichen, dass Russland eine Dopingnation war. Doch so richtig merkt das niemand, der die Spiele verfolgt. Die Sportler laufen in Klamotten, die in den Landesfarben gehalten sind, durch die Arenen. Das Länderkürzel RUS ist durch ROC ersetzt worden, was für Russisches Olympisches Komitee steht. 32 Medaillen hatten russische Sportlerinnen und Sportler bis Freitagnachmittag gewonnen. Sie werden in der Heimat, wie das eben so üblich ist, gefeiert. Über Rylow ist besonders laut in Russland gejubelt worden. Er holte das erste Schwimmgold für sein Land seit 25 Jahren. Sportminister Oleg Matyzin bezeichnete Rylow als „wahren olympischen Helden“.

Umso deutlicher fallen die Worte aus, die die russische Sportprominenz für den geschlagenen Ryan Murphy übrig hat. „Amerikaner können nicht verlieren“, meinte die in Sportpropagandafragen in Russland immer gerne zitierte Eiskunstlauftrainerin Tatjana Tarasowa. Man solle doch bitte darüber nachdenken, derartige Einlassungen zu bestrafen.

Das wird als harmlosen Beitrag im russisch-amerikanischen Sportkrieg bezeichnen, wer am Mittwoch im russischen Staatsfernsehen die Infotalkshow „60 Minuten“ verfolgt hat. Dort wurde vor allem von der Moderatorin Olga Skabejewa munter gegen die US-Turnerin Simone Biles gehetzt.

Im Vergleich zu den russischen Turnerinnen, die weiblich seien und aussähen wie normale Leute, sehe Simone Biles, „diese schwarze Frau“, wie „der Teufel weiß was“ aus. Natürlich sei jedenfalls nichts an Biles. Als olympischen Frieden wird man das kaum bezeichnen können.

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