Doping: "Die Pharmaindustrie verweigert sich"

Dopingtests wären viel effektiver, wenn die Hersteller der verwendeten Medikamente die Kontrolleure unterstützen würden, sagt Dopingexperte Wilhelm Schänzer.

Buntes Treiben, schlechter Ruf - der Radsport wird seinen schlechten Ruf wohl nicht so schnell loswerden. Bild: dpa

taz: Herr Schänzer, verfolgen Sie die Tour de France?

Wilhelm Schänzer: Ich habe keine Zeit und ehrlich gesagt auch gar keine Lust dazu.

WILHELM SCHÄNZER, 55, leitet das Institut für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Das Institut gehört zu den führenden Einrichtungen der Dopinganalytik und hat viele der heute weltweit üblichen Kontrollmethoden entwickelt. Das Labor kontrolliert die größte Anzahl an Dopingproben aus internationalen Veranstaltungen, seit es 1972 in München erstmals bei Olympia Dopingkontrollen durchführte.

taz: Weil Sie sonst die Leistungen von Fahrern bestaunen müssten, die nur mit illegalen pharmakologischen Mitteln möglich sind?

Das ist in der Tat das Problem, wenn man sich die Äußerungen der geständigen Fahrer vergegenwärtigt. Blutdoping belastet den Radsport schon in extremen Ausmaßen. Diese Manipulationen sind leider schwer nachweisbar, eigentlich nur mit kontinuierlichen Messungen des Blutprofils.

Vor der Tour gab es eine regelrechte Geständnis-Lawine deutscher Fahrer, zuletzt hat Jörg Jaksche ausgepackt. Welche Erkenntnisse konnten Sie daraus gewinnen?

Wir haben noch einmal bestätigt bekommen, was wir befürchtet haben. Seit dem Festina-Skandal von 1998 wussten wir, dass das Blutdopingmittel Epo zur Erhöhung der roten Blutkörperchen massiv als Dopingpräparat benutzt wird. Lange waren sich die Fahrer ziemlich sicher, nicht erwischt zu werden, weil sie aufgrund der schweren Nachweisbarkeit nichts befürchten mussten. Die Nachuntersuchungen der französischen Kollegen von Blutproben aus dem Fahrerfeld von 1998 und 1999 haben uns die Tragweite dieses Missbrauchs deutlich gezeigt: Von 70 Proben, die nachuntersucht werden konnten, waren 40 positiv. Das beweist den enormen Missbrauch.

Bei den Dopingtechniken und -mitteln gibt es für Sie aber wenig Neuigkeiten?

Die "Operation Puerto" der spanischen Ermittler gegen Herrn Fuentes hat uns hier wertvolle Hinweise geliefert. Wir wissen: Wachstumshormone, Insulin, Wachstumsfaktoren wie IGF 1, dazu Testosteron und Eigenblut - das sind die kritischen, schwer nachweisbaren Substanzen, und hier konzentriert sich im Radsport auch das Doping.

Wie lange können sich die Fahrer noch sicher sein, nicht oder nur selten als Dopingsünder enttarnt zu werden?

Wir entwickeln gerade für einige dieser Mittel Nachweisverfahren. Die Welt-Anti-Dopingagentur finanziert - leider erst seit 2004 - mehrere Projekte zur Verbesserung der Analytik. Einige dieser Substanzen werden schon bald viel besser getestet werden können, vor allem Wachstumshormone und Insulin.

Und das Eigenblutdoping?

Wir fordern kontinuierliche Blutkontrollen, um Veränderungen im Blutprofil zu erkennen.

Wie gut ist die Zusammenarbeit mit den Herstellern der als Dopingmittel eingesetzten Medikamente? Bekommen Sie die Muster neuer Medikamente rechtzeitig ausgehändigt, helfen die Pharmaunternehmen bei der Analytik?

Das ist ein sehr kritischer Punkt. Wir sind nicht zufrieden. Die Pharmafirmen weigern sich, uns Referenzmaterial zur Verfügung zu stellen, solange die Stoffe noch nicht auf dem Markt sind. Da wird mit Patentschutz und dem Risiko der Weitergabe an Konkurrenzfirmen argumentiert. So verlieren wir wertvolle Zeit.

Welche Mittel sind denn gegenwärtig in der Entwicklung?

Es gibt neue Epo-Präparate, einige Mittel, die wie anabole Steroide wirken, es sind eine Vielzahl von relevanten Präparaten, über die ich in der Öffentlichkeit aber lieber nicht reden will. Diejenigen, die diese Stoffe missbrauchen wollen, bekommen das nämlich auch mit.

Werden die modernsten analytischen Verfahren, um Doping aufzudecken, bei der Tour de France eingesetzt?

Im Vorfeld der Tour ist diesmal sicher mehr und systematischer kontrolliert worden als in den Vorjahren. Jetzt müsste die Tour-Direktion den Fahrern ausdrücklich klarmachen, dass die entnommenen Blut- und Urinproben eingefroren und gelagert werden, und zwar nötigenfalls über Jahre. Damit in ein oder zwei Jahren, wenn wir analytisch einen Schritt weiter sind, Nachuntersuchungen gemacht werden können, mit allen Konsequenzen für die Fahrer. Diesen Abschreckungseffekt brauchen wir. Substanzen, die heute noch nicht nachweisbar sind, werden es in ein oder zwei Jahren sein. Richard Pound, der Leiter der Welt-Anti-Dopingagentur hat diese Praxis des Einlagerns mehrfach gefordert, und wir brauchen jetzt die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür.

Sie fordern nicht nur mehr, sondern vor allem intelligentere Kontrollen. Was heißt das?

Intelligent kontrollieren, das bedeutet zunächst, dass man sich die Wettkampfpläne der Athleten genau ansieht und überlegt, in welchem Zeitfenster die Substanzen vor den großen Wettkämpfen am sinnvollsten eingesetzt werden. In dieser Zeit muss dann verschärft kontrolliert werden, auch wenn dies ein großer logistischer Aufwand ist. Natürlich wird auch im Winter in der Aufbauphase gedopt, aber entscheidend ist die Vorbereitungszeit auf die großen Wettkämpfe. Und man muss mehr Blutentnahmen machen, weil viele Mittel, wie etwa Wachstumshormone, im Urin nicht nachgewiesen werden können.

Wenn Sie morgen zum Tour-Direktor befördert würden, was würden Sie ändern?

Ich würde die Zahl der Fahrer, die nach dem Rennen kontrolliert werden, deutlich auf mindestens 20 erhöhen. Dann müssten mehr Blutentnahmen gemacht werden. Und wie gesagt: Wir müssen alle Proben langzeitlagern, damit wir Dopingmissbrauch auch im Nachhinein noch aufdecken können. Jetzt warten wir mal ab, wie sich das Rennen weiter entwickelt. Wir hoffen natürlich, dass die Rennleitung sich unseren Positionen annähert.

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