Diskussion um Absage der Prüfungen: Abi hin, Abi her

Die rot-rot-grüne Koalition diskutiert über die Absage der Prüfungen. Die Linke will sie ausfallen lassen, die SPD nicht, die Grünen sind irritiert.

Ein schild hängt vor einer Tafel mit der Aufschrift Abitur bitte ruhe

Von Ruhezone kann derzeit keine Rede sein... Foto: dpa

BERLIN taz | Die Monate vor dem schriftlichen Abitur – das weiß jeder, der sie durchleben musste – gehören nicht zu den entspanntesten. Zu groß ist der Druck, auf diese vermeintlich wichtigste Prüfung im (noch jungen) Leben umfassend vorbereitet zu sein. Die AbiturientInnen dieses Frühjahres sind angesichts des ganzen Coronaaufruhrs noch weniger zu beneiden. Kein Wunder, dass viele die Absage der in Berlin ab kommenden Montag startenden Prüfungen fordern und stattdessen eine Bewertung aufgrund der Noten der vergangenen beiden Jahre vorziehen würden.

Sie erhalten nun Unterstützung aus der Regierungskoalition. Die Prüfungen sollten dieses Jahr ausgesetzt werden, erklärte die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Regina Kittler, am Mittwochmorgen. Sie forderte die Kultusministerkonferenz auf, einen entsprechenden Beschluss zu fassen. Die Kultusminister der Länder wollen am heutigen Mittwochabend in einer Schaltkonferenz über das weitere Vorgehen an den Schulen in der Coronakrise beraten.

Kittler provoziert mit ihrer Position Streit in der Koalition: Denn Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte sich mit Nachdruck dafür eingesetzt, die Prüfungen stattfinden zu lassen. Am Dienstagabend erhielt sie Unterstützung von Regierungschef Michael Müller, der sich auch für die Durchführung der Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss (MSA) aussprach. „Das muss man jetzt auch wirklich umsetzen“, sagte der SPD-Politiker in der RBB-Abendschau. „Die, die sich in einem Übergang befinden von der Grund- in die Oberschule, die den MSA schreiben wollen, die das Abitur schreiben wollen, die müssen die Chance dazu haben.“

Kittler hingegen betonte in einer Mitteilung, dass gerechte Prüfungen in der derzeitige Situation eine Illusion seien. „Die Krise verwischt soziale Unterschiede nicht, sie lässt sie noch viel stärker zutage treten.“ Nicht alle der rund 30.000 AbiturientInnen verfügten über häusliche Rückzugsorte oder die technischen Bedingungen und Hilfsmittel wie Wlan und Computer zum Lernen, Lesen und Entspannen.

Vielmehr müssten die SchülerInnen, die seit Mitte März keinen Unterricht mehr haben, zu Hause unter zum Teil belastenden Lebenssituationen lernen. „Die Wohnzimmer der Elternhäuser sind keine idealen Lernorte“, so Kittler.

Regina Kittler, Linksfraktion

„Die Krise verwischt soziale Unterschiede nicht, sie lässt sie noch viel stärker zutage treten.“

Der Berliner Landesschülerausschuss hatte zuvor einen Brief an die im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien – bis auf die AfD – verschickt. Darin bitten die SchülervertreterInnen die Politiker um Hilfe. „Es melden sich täglich weinende, wütende und enttäuschte Schüler*Innen bei uns, die erhebliche Nachteile bei ihrem Abschluss befürchten“, heißt es in dem Schreiben. „Wir empfangen Anrufe von Schüler*Innen in Risikogruppen, welche zum Beispiel Krebs, Asthma oder andere Vorerkrankungen hatten und nun Angst um ihr Leben haben.“ Die Schüler seien stark belastet durch den Druck der Ausgangsbeschränkungen. „Prüfungen werden dieses Jahr niemals die gleichen wie zuvor oder danach für uns sein.“

Kittlers Kritik wird auch von der Berliner Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie vom Landeselternausschuss (LEA) geteilt. Sollte die Kultusministerkonferenz dennoch an den Abiturprüfungen festhalten, müsse es laut LEA bundeseinheitliche Regelungen sowie „eine Gefährdungsbeurteilung und Machbarkeitsanalyse aus Sicht des Infektionsschutzes geben“ und besondere Vorkehrungen für SchülerInnen aus der Risikogruppe beziehungsweise mit Familienangehörigen, die zu diesen gehören.

Grüne: Vorstoß ist „wenig hilfreich“

Bei den Grünen sorgt Kittlers nicht mit dem Koalitionspartner abgestimmtes Vorpreschen hingegen für Irritationen. „Das ist wenig hilfreich“, sagte Marianne Burkert-Eulitz, Sprecherin der Grünenfraktion für Bildung und Familie, der taz. Eine eventuelle Absage der Abiturprüfungen in Berlin werfe viele Fragen auf: Würden auf dem Notdurchschnitt basierende Abschlüsse von anderen Ländern anerkannt? Müsste für die Absage das Schulgesetz geändert werden?

Burkert-Eulitz erinnerte zudem daran, dass der Alleingang von Schleswig-Holstein, die Abiturprüfungen abzusagen, nur von kurzer Dauer war. Es gehe jetzt darum, dass die Kultusministerkonferenz eine Entscheidung treffe, die für alle gelte.

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