: Dir soll niemals ein Kind sterben
Die südsudanesische Autorin Stella Gaitano macht in „Eddos goldenes Lächeln“ die Geschichte eines Kriegs erfahrbar, der den Sudan zweiteilen sollte
Foto: Martin Steffen
Von Carola Ebeling
Den Bürgerkrieg, der seit April 2023 im Sudan wütet, verfolgt die südsudanesische Schriftstellerin Stella Gaitano im deutschen Exil. Die im Sudan bekannte Autorin und Menschenrechtsaktivistin, die 1979 in Khartum geboren wurde, kam 2022 mit einem Stipendium des Writers-in-Exile-Programm des PEN International hierher. Ihr Engagement und ihre Kritik an der Regierung in Khartum brachten sie und ihre Kinder in Gefahr.
Und so fand die Buchpremiere ihres jetzt auf Deutsch erschienenen Romans „Eddos goldenes Lächeln“ im nordrhein-westfälischen Kamen statt, wo Gaitano derzeit lebt. Es ist ihr Debütroman, der im Original 2018 erschien. Damals gingen die Menschen in vielen Städten Sudans auf die Straße, in der Folge stürzte 2019 der Langzeitdiktator Umar al-Baschir. Ein Moment der Hoffnung auf einen demokratischen Wandel, der längst brutal zerschlagen ist.
In ihrem Buch, das mit dem PEN Translates Award ausgezeichnet wurde und auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises stand, erzählt Gaitano von den schon Jahrzehnte währenden Konflikten und Kriegen im seit 2011 zweigeteilten Land. Sie nähert sich literarisch der Zerrissenheit zwischen dem Süden und dem Norden, indem sie die persönlichen Schicksale ihrer Figuren mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der 1960er bis 1980er Jahre verknüpft.
Ausgangspunkt ist ein kleines Dorf im Süden, wo Eddo lebt, verfolgt vom Fluch des Todes, der ihre zahlreichen Kinder vor Erreichen des ersten Lebensjahres trifft. In einer lebendigen, sinnlichen Sprache vermischt Gaitano reales Geschehen mit den wahrgenommenen Wirkungen von Aberglaube und Ritualen. Als eine Tochter das erste Jahr überlebt, verweigert ihr Eddo aus Selbstschutz vor möglicher neuer Trauer lange ihre Zuwendung, sodass alle Frauen ihre Mütter werden, alle Kinder ihre Geschwister. Schließlich belegt Eddo ihre Tochter Lucy mit einer Art Gegenfluch: „Dir soll niemals ein Kind sterben, du wirst unter keinen Schmerzen der Mutterschaft leiden, und du wirst so viele Kinder bekommen, dass sie die ganze Welt bevölkern.“
So wird es geschehen: Lucy wird tatsächlich sehr viele Kinder bekommen. Doch zuvor entfaltet Gaitano das Dorfleben vor den Augen der Leser*innen. Dazu gehört auch die Gewalt, der Frauen oft durch ihre Männer ausgesetzt sind.
Eddo erweist sich hier als aufrührerische Ratgeberin ihrer Freundin Martha Isai: „ ‚Das gefällt dir wohl, oder?‘, spottete sie. ‚Weißt du eigentlich nicht, über welche Kräfte du verfügst? Du liegst hier rum wie ein Einhorn, das in die Falle getappt ist und sich im Dreck wälzt. Schau deinen Körper an! Wie kannst du dieser Ratte erlauben, dich so zu behandeln, dir täglich die Knochen zu brechen und dich grün und blau zu schlagen?‘ ‚Was soll ich deiner Meinung nach tun?‘ Eddo nahm den dicken Stock […] dann sagte sie bestimmt: ‚Schlag ihn!‘ “
Wie hier nutzt Gaitano oft direkte Rede. Ihre Erzählweise wirkt in der Übersetzung Larissa Benders aus dem Arabischen unmittelbar und knüpft, wie die Autorin selbst in einem Interview sagte, stark an die mündliche Erzähltradition aus dem Südsudan an.
Stella Gaitano: „Eddos goldenes Lächeln“. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 284 Seiten, 23 Euro
Gaitano erzählt von Gegensätzen. Vom Gegensatz zwischen dem ländlichen Süden und dem urbanen Norden. Von dem zwischen Frauen und Männern, von der weitverbreiteten Ungleichheit zwischen ihnen, von patriarchaler Gewalt. Vom Gegensatz der Religionen, denn im Süden sind traditionelle lokale Religionen und das Christentum verbreitet, im Norden leben überwiegend arabische Muslim*innen.
Lucy erlebt einen solchen Kontrast, sie muss mit ihrem Mann Marco aufgrund kriegerischer Gewalt in die Großstadt Khartum im Norden fliehen. Ein Schock: Eine andere Sprache, die Menschen leben in modernen Häusern, benehmen sich auf eine ihr völlig unverständliche Weise.
Mit dem Ortswechsel verändert sich auch die Erzählstruktur. Eine allwissende Erzählperspektive weicht nun verschiedenen Ich-Erzähler*innen. Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Figur erzählt, sodass die Figuren einander spiegeln. So lernen wir etwa Marcos Blick auf Lucy, auf die Situation in Khartum kennen. Er kommt hier viel besser klar, hat hier auch einen Freund, Peter, in dessen Haus Lucy und er unterkommen.
Peter hat zunächst einen hohen Rang beim Militär inne, Stella Gaitano zeichnet ihn als einen freigeistigen, offenen Menschen. In seinem Haus wird Lucy ihre vielen Kinder zur Welt bringen. Es erscheint als eine Art Gegenort zu den heftigen politischen Unruhen, die die Stadt erschüttern. Familiäre Solidarität und Herzlichkeit überwinden die Unterschiede und Fremdheiten, während sich Putschversuche häufen, auf die die Regierung mit extremer Brutalität reagiert.
Für beides, für die Wärme der Menschen wie für die Gewalt, die sie einander in unterschiedlichen Kontexten antun, findet Gaitano eine eindrückliche Sprache. Sie entwirft ein Panorama ihrer Heimat Sudan, das die bis heute andauernde Gewalt in eine Historie einbettet, die Konflikte nachvollziehbarer macht. Zugleich aber zeigt ihr Roman ein vielgestaltiges Bild des Landes, das weit darüber hinausweist.
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