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Digitale ÜberlastungNostalgie für unbekannte Zeiten

Die Technologiemüdigkeit in Teilen der Gen Z nimmt ungewöhnliche Formen an: Sie haben Anemoia, Sehnsucht nach einer Zeit, die vor ihrer Geburt liegt.

Nostalgie für die Vergangenheit zu haben, ist nicht ungewöhnlich. Damals war die Welt eine einfachere, damals war man Kind und musste keinerlei Verantwortung schultern. Gerade die 1980er bis 2000er Jahre erfahren momentan neue Aufmerksamkeit. Es sind allerdings nicht nur Millennials, die nostalgisch an ihr Aufwachsen zurückdenken, auch Gen Z und Gen Alpha, also die nach 1996 Geborenen, empfinden Sehnsucht für diese Zeit, die sie gar nicht selbst erlebt haben.

Schaut man sich an, warum ausgerechnet jene Ära nostalgisch verklärt wird, nähert man sich dem tatsächlichen Kern des Gefühls. Während Millennials in der Übergangsphase zur digitalen Welt groß wurden, kennt Gen Z kein Leben ohne die gesellschaftliche Überdominanz von Smartphones, Social Media und inzwischen künstlicher Intelligenz. Wen wundert da die Sehnsucht nach einer analogen Welt?

„Anemoia“ wird diese Nostalgie für eine nie erlebte Vergangenheit genannt. Geprägt wurde der Begriff 2012 von John Koenig im Rahmen seines Projekts The Dictionary of Obscure Sorrows, in dem er Neologismen für bis dato unbeschriebene Emotionen definiert. Im englischsprachigen Raum ist er mittlerweile so etabliert, dass er auch in angesehenen Magazinen wie BBC Science Focus verwendet wird.

Mit Anemoia einhergehen die alle paar Monate aufkommenden Social-Media-Trends, Videos und Fotos aus der Zeit rund ums Millennium zu teilen. Paradox wird es, wenn ausgerechnet mithilfe von KI Clips erstellt werden, die vermeintlich Szenen des Alltagslebens von Jugendlichen in den 1990ern zeigen. Darin drückt sich eine gewisse Hilflosigkeit aus, diese Gefühle zu artikulieren: Wer die prädigitale Zeit nicht selbst erlebt hat, ist auf die Technologie angewiesen, von der man sich abgrenzen will.

Die vielen Reize der Gegenwart

Das zeigt den eigentlichen Wunsch hinter dem Nostalgiegefühl: Es geht nicht darum, gänzlich auf technische Errungenschaften zu verzichten, sondern um ein Aufbegehren gegen den digitalen Overkill unserer Gegenwart. Und das führt zu ungewöhnlichen Entwicklungen. So erleben Digitalkameras ebenso einen neuen Boom wie iPods, Geräte also, die anders als Smartphones nur eine einzige Funktion haben.

Man sollte Gen Z und Alpha aber nicht belächeln, hinter diesem Gefühl steckt nämlich etwas Ernsteres: Darin kommt die Erschöpfung ob der vielen Reize unserer Gegenwart zum Ausdruck, gepaart mit der Angst vor einer immer fragileren Zukunft. Ihre Anemoia dient also als einer Art psychologischem Rückzugsort.

Laut dem US-amerikanischen Psychologen Clay Routledge ist dies aber ein zukunfts- und kein vergangenheitsgewandtes Gefühl: „Nostalgie kann eine Ressource sein, die uns hilft, uns an die wandelnde digitale Welt anzupassen“, sagt er im Buch „Past Forward“. Sie erinnere daran, dass geschätzte Erfahrungen an soziale Interaktionen gekoppelt sind.

Oder anders gesagt: Gen Z glorifiziert das Leben vor der Digitalisierung aufgrund des Wunsches nach zwischenmenschlichen Verbindungen, die nicht durch Interaktionen im Internet zu ersetzen sind. Das ist doch ein hoffnungsvolles Zeichen.

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