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Digitale SelbstjustizHart in der falschen Sache

Ein sexistischer Post, eine Kritik von Hogesatzbau und ein Berliner Café, das aus Versehen in den Fokus gerät. Da hilft nur Wiedergutmachung.

Am Morgen blickte ich beim ersten Espresso des Tages schon auf den nackten Oberkörper von Bryan W., wider Willen. Seine schmutzigen Finger umschließen auf dem Spiegelfoto die giftgrüne Hülle seines Handys, das der aktivistische Instagram Account Hogesatzbau repostete. In Kombination mit einem Kommentar, den Bryans schmuddelige Fingerspitzen kürzlich tippten. „LEIDER nur 90“, als Reaktion auf eine Nachricht zu den bisherigen Todesopfern beim Migrationschaos in Ceuta.

Bevor mir der Espresso hochkam, scrollte ich weiter in die Caption des Posts, die seine abscheuliche Aussage wunderbar sachlich einordnete. Diese öffentliche Zurechtweisung ist hart. Aber wichtig, um den derart zur Schau Gestellten den Spiegel vorzuhalten. Außer es trifft die falschen Personen.

Selten folge ich bewusst Kanälen auf Instagram, bei deren Postings ich jedes Mal Magenkrämpfe bekomme, weil der Inhalt so widerlich ist. Der Account Hogesatzbau, selbsternannte linksgrünversiffte Netz-Aktivisti, ist hingegen so einer. Denn hier werden all jene mit ihrem Verhalten konfrontiert, die meinen, unter Klarnamen menschenverachtenden Bullshit von sich geben zu müssen.

Die antifaschistische Initiative hat sich 2014 als Reaktion auf Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) gegründet. Bürgerwehren und PatriotInnen wollten damals das „Abendland“ mit Hass und Gewalt retten, Hogesatzbau hielt satirisch dagegen.

Organisierte Gegenreaktionen

Mit Gegenreaktionen fackeln die FollowerInnen der Aktivisti nicht lang. Manchmal stürmen sie das Profil der Kritisierten, melden sie bei ihren ArbeitgeberInnen oder zeigen sie auch an. Eine beliebte Reaktion ist auch, schlechte Bewertungen auf Google zu schreiben, wenn die zur Schau Gestellten selbst ein Unternehmen führen. Über Sinn und Unsinn dieser Aktionen lässt sich streiten, gerade dann, wenn die FollowerInnen von Hogesatzbau ihrerseits den Pfad der Sachlichkeit verlassen. Nichts befeuert leichter den Vorwurf gegen links, kaum besser als die zu sein, deren Unkorrektheit man kritisiert.

Zuletzt hat es ein nämlich ein völlig unbeteiligtes Berliner Café getroffen, das plötzlich auf Google mit zahlreichen Ein-Stern-Bewertungen geflutet wurde. Wenige Stunden bevor die InhaberInnen wohl verwundert durch die harsche Kritik scrollten, postete Hogesatzbau einen Screenshot einer Person, die online einer Frau „von ganzen Herzen“ eine „entspannte Massenvergewaltigung“ wünschte. Aus dem Profilnamen schlussfolgerten UserInnen fälschlicherweise, dass es um die BetreiberInnen des Cafés The Rabbit in Mitte handelt.

Es folgte eine ratlose Instagram-Story des unbeteiligten Rabbit-Cafés: „Wisst ihr, wo diese Bewertungen auf einmal herkommen?“, fragten sie dort. Die Spur zum Post von Hogesatzbau fand sich schnell. Dort reagierte man umgehend mit einer „Bitte von Herzen“: „Dieses Café hat mit unserem Beitrag nichts zu tun. Falls ihr versehentlich dort bewertet habt, löscht die Bewertung bitte wieder. (…) Lasst uns zeigen, dass wir nicht nur Missstände benennen, sondern auch Fehler mit Herz wieder gut machen“, heißt es darin.

Das Rabbit-Café freut sich seither über knapp 1.500 meist äußerst positive Bewertungen – als massenhafte Wiedergutmachung. Ein Nutzer fasst das Geschehene unter dem Post zur Richtigstellung zusammen: „Vielleicht lernt der ein oder die andere daraus, dass diese Art von Selbstjustiz auch die Falschen treffen kann und geht mal in sich, ob man wirklich Teil eines digitalen Lynchmobs sein will.“

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