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Digitale Ressourcenfresser

In „Bildökologie“ untersucht Michael Klipphahn-Karge den ökologischen Fußabdruck unseres digitalen Alltags

Von Till Schmidt

Die Kosten für die Nutzung von Social Media sind immens – nicht nur für die eigene mentale Gesundheit und die politische Debattenkultur, sondern auch für die Umwelt. 2024 verbrachten Nut­ze­r*in­nen weltweit 4,3 Billionen Stunden im Jahr auf Tiktok, Instagram, Snapchat und anderen Plattformen. Das verbrauchte aufsummiert 414 Milliarden Kilowattstunden Energie. In Deutschland entspricht das 83 Prozent des gesamten jährlichen Stromverbrauchs.

Social-Media-Nutzung ist natürlich nicht an allem schuld. Und sie steht auch nur für einen Teil des Ressourcenverbauchs durch smarte Geräte, die weitere Apps beherbergen und die – mitsamt ihren Betriebssystemen – entwickelt, hergestellt, vertrieben und aufbereitet werden müssen. Ob in seine einzelnen Bestandteile zerlegt oder zusammengerechnet – der ökologische Fußabdruck unseres digitalen Alltags ist verblüffend groß. Das zeigt Michael Klipphahn-Karge in seinem Essay „Bildökologie“ detailliert auf.

Da sind zum Beispiel die Millionen Jahre alten Metalle und Mineralien, die für den Bau und Betrieb von Smartphones unter starker Umweltbelastung aus der Erde extrahiert und dann in kürzester Zeit verbraucht werden. Dazu kommen die digitalen Infrastrukturen aus Unterseekabeln und Rechenzentren, über die digitale Daten energieintensiv transferiert werden, sowie das bislang völlig unzureichende Recycling von Smartphones, die am Ende meist als Elektroschrott in den Armutszonen des Globalen Südens entsorgt werden.

Energie verschlingen auch die durch Profitinteressen der Industrie sich immer weiter beschleunigenden Innovationszyklen digitaler Endgeräte. Der Rebound-Effekt führt hier etwa dazu, dass gerade wegen der technologischen Effizienzsteigerung von Geräten mehr gekauft wird. Induktionseffekte lassen einen als Kon­su­men­t*in mit einer besseren Handy­kamera nicht nur avancierter und mehr up-to-date erscheinen, sie verleiten auch dazu, mehr zu fotografieren. Das wiederum erfordert mehr Speicherplatz in den Clouds. Und für deren Funktionieren sind Rechenzentren mit gigantischem Energieverbrauch sowie eine Infra­struktur aus in ihrer Herstellung äußerst energieintensiven Unterseekabeln ­nötig.

Michael Klipphahn-Karge: „Bild­ökologie“. Wagenbach Verlag, Berlin 2025. 80 Seiten, 12 Euro

Was Klipphahn-Karge ebenfalls interessiert, ist die Materialität digitaler Bilder. 2024 machten sie weltweit über 90 Prozent aller Fotografien aus und wurden mit Smartphones geschossen, die heute von zwei Drittel der Weltbevölkerung als das Kommunikationswerkzeug schlechthin verwendet werden. Pro Sekunde entstehen weltweit 57.246 Smartphone-Bilder. Das ergibt etwa fünf Milliarden Fotos pro Tag, von denen Hunderte Millionen binnen kürzester Zeit ins Netz geladen werden. In Summe verbraucht auch das enorm viele Ressourcen. Insgesamt werden digitale Infrastrukturen bis 2040 für mindestens 14 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sein.

Michael Klipphahn-Karges kurzes Essay ist voll von derartigen Rechnungen und Zahlenbeispielen, die die Umweltbelastung der digitalen Bildproduktion illustrieren und einordnen. Das ist besonders sinnvoll, weil Begriffe wie „Software“, „Cloud“ oder „Stream“ die Materialität der digitalen Phänomene verschleiern. Durch den Essay zieht sich allerdings auch ein Ton, der zwischen hellsichtiger Gesellschaftskritik und politischer Resignation schwankt. Eines der ganz wenigen Positivbeispiele im Buch ist die bis 2026 national umzusetzende EU-Richtlinie zum „Recht auf Reparatur“. Für Klipphahn-Karge scheint die ökologische Katastrophe nicht mehr abwendbar.

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