: Diese brotförmige Lücke
Leh-Wei Liao erzählt in „Glaszeit“ von einem Neuanfang in Taiwan
Von Sophia Zessnik
Mehrsprachigkeit als literarisches Stilmittel: Immer mehr Autor:innen lassen Elemente anderer Sprachen in ihre Texte einfließen. Auch Leh-Wei Liaos Debütroman „Glaszeit“ lebt davon, dass immer wieder Passagen auf Mandarin vorkommen. Im Zentrum von „Glaszeit“ steht dabei Novana, eine junge Frau, die ihren langjährigen Freund Theo und dessen Familie in Deutschland zurückgelassen hat, um in Taiwan einen Neuanfang zu wagen. Anfangs struggelt sie noch mit der Sprache, die sie zwar als Kind gelernt, aber kaum angewendet hat. Durch die Einschübe auf Mandarin bekommt auch die Lesende den Eindruck, sich in einer fremden Vertrautheit zu bewegen: Worte, die man nicht kennt, deren Sinn sich einem aber irgendwie erschließt.
In Taipei arbeitet Novana als Ärztin auf einer Station für Frühgeburten. Liao, die selbst Ärztin ist, unterfüttert die Geschichte hier dezent mit medizinischen Details, die Novana in ihrem Klinikalltag begleiten und die sie in einem Medizinpodcast hört, was dem Setting mehr Glaubhaftigkeit vermittelt. Die eigentliche Handlung wird durch einen überraschenden Moment ausgelöst: Nach 18 Jahren ohne Kontakt entdeckt Novana plötzlich ihre Mutter – auf einem großformatigen Werbedisplay in einer unterirdischen Shoppingmall in Taipei. Diese Begegnung mit dem Bild der Mutter ist der Ausgangspunkt dafür, dass Novana sich mit der alten Wunde neu auseinandersetzt.
In Rückblenden erzählt der Roman, wie das Verschwinden der Mutter Novanas Kindheit prägte: „M.s Verschwinden wurde erst zwei Wochen später real, als ich es aus Versehen aussprach.“ Von da an wohnt Novana bei Theos Familie, in der sie sich nie ganz zugehörig fühlt und aus Loyalität zur Mutter nie lernt, Brot zu schneiden. Wie glaubhaft Novanas Zerrissenheit ist, zeigt sich gerade in den Details: Ihre Weigerung, Brot zu schneiden, sagt mehr über die Lücke aus, die die Mutter hinterlassen hat, als es lange psychologische Erklärungen könnten.
In ihren Formulierungen ist Liao sinnlich, orientiert sich an Gerüchen und Geschmäckern: dem „Geruch frischer Kastanien“ oder dem „Geschmack von hellem Metall. Ein bisschen Salz.“ Ihre zarte Sprache trägt so den Roman, wo es die Handlung nicht immer tut. Die Liebesgeschichte etwa zwischen der Aktivistin Sihan und Novana bleibt bis auf einige Sexszenen – „Sie roch wie alle Versionen von Grün“ – eher eindimensional.
Leh-Wei Liao: „Glaszeit“. Luchterhand Verlag, München 2026. 288 Seiten, 24 Euro
Interessant wird Liaos Debüt vor allem dort, wo es auf Politik und Geschichte Taiwans verweist. So erfahren wir, dass für medizinische Forschung in Taiwan, speziell die Neonatologie, ein hohes Budget zur Verfügung steht. Oder, dass Taiwan „mehr als jede andere Demokratie ausländischen Desinformationskampagnen ausgesetzt“ sei. Aspekte, denen ruhig noch mehr Raum hätte eingeräumt werden dürfen.
Spannend, wenn auch nicht ganz eindeutig, ist der Titel des Romans. „Glaszeit“ könnte sich sowohl auf das Display beziehen, auf dem Novana ihre Mutter zum ersten Mal wiedersieht, als auch auf die Inkubatoren, die die Frühchen von der Welt trennen. Denkbar wäre auch, dass Liao damit auf die Fragilität von Sprache als Mittel der Verständigung anspielt: jene Sprachbarrieren, die den Roman durchziehen und die Liao unübersetzt lässt. Sie sorgen dafür, dass der Lesende der Handlung gegenüber immer ein Stück weit außen vor bleibt, ähnlich wie Novana ihrem eigenen Leben gegenüber.
In seiner Gesamtheit ist Liao ein feines Werk gelungen, eines, das leise seine Kraft entfaltet, wenn man die Geduld dafür aufbringt. Wer weniger auf einen packenden Spannungsbogen aus ist als auf sinnliche Sprache und einen unverstellten Blick auf ein politisch wie persönlich aufgeladenes Taiwan, wird hier fündig.
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