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berliner szenenDie unbe­sungenen Spiegeleier

Wenn man von Weißensee mit dem Fahrrad die Greifswalder Straße hinunterfährt, kann man auf Höhe des Thälmann-Denkmals auf dem Bürgersteig zwei Spiegeleier sehen. Am Anfang waren es nur zwei große weiße Kleckse. Vermutlich ein geplatzter Farbeimer. Ein paar Tage darauf hat eine unbekannte Streetartkünstlerin sie mit einem gelben Eidotter versehen.

„Wieso bist du dir so sicher, dass es eine Frau war?“, fragte mich meine große Tochter, als ich ihr davon erzählte. „Ich bin mir nicht sicher“, sagte ich. „Aber es ist ein ganz starkes Gefühl.“ „Du und deine Gefühle“, sagte meine Tochter. Mir waren die Spiegeleier gleich sympathisch. Seit ein paar Jahren begrüßen sie mich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Einmal wurde das Pflaster aufgerissen, weil darunter Rohre neu verlegt wurden. Die Pflastersteine wurden anschließend kreativ wieder zusammengesetzt. Die Spiegeleier hatten danach eine kubistische Form. Es war wie bei Banksys halb zerschreddertem Bild. Ich hatte das Gefühl, dass die Spiegeleier nun noch wertvoller waren. Ich habe mich immer gescheut, über sie zu schreiben. Ich wollte nicht, dass ein Hype um sie entsteht. Ich habe nur ausgewählten Freundinnen und meinen Schwiegereltern von ihnen erzählt. Sie mussten mir versprechen, keine Fotos auf Tiktok oder Instagram zu posten. Das war sehr lange mein Standpunkt.

Mittlerweile ist das Strahlendweiß zu einem Taubengrau und das Eidotter zu etwas Undefinierbarem geworden. Der Dreck der Stadt und die Jahreszeiten nagen an den Spiegeleiern. Sie taugen nicht mehr zu einer Touristenattraktion. Das Kulturamt Pankow wird sie gewiss nicht für die Nachwelt restaurieren und konservieren. Wenn ich nicht bald über sie schreibe, sind sie verschwunden. Und keiner wird sich daran erinnern, dass es sie gegeben hat. Daniel Klaus

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