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berliner szenenDie notorische Grüblerin

In der U-Bahn sitzt man sich gegenüber und sieht sich trotzdem nicht. Jeder sinnt seinen Gedanken nach.

Eine U-Bahn-Passagierin, die mir gegenübersitzt, richtet die Augen nach oben, ist sichtlich am Denken.

Eine zweite Frau hat faltige Haut und Tränensäcke – wohl eine notorische Grüblerin, denke ich, als ich sie mir ansehe. Ihre Hand hat sie am Kinn über der Einwegmaske, in Denkerinnenpose.

Eine andere Frau hat einen Stadtplan aus Papier, sie geht wahrscheinlich im Kopf eine Strecke durch, die sie gehen oder fahren möchte.

Andere Fahrgäste schauen auf ihr Smartphone – als es passiert.

Zwei zottelige kleine Hunde keifen sich lautstark an und stören die teilnahmslose Stille. Alle zucken zusammen, werden wach, herausgerissen aus ihren je eigenen Gedanken.

Ganz plötzlich sind sie alle wieder im Hier und Jetzt: in der vollen U-Bahn nämlich, mit den BVG-Bezügen, die so hektisch gefleckt sind wie die Gäste der U-Bahn zusammengewürfelt und in der die Menschen so gedrängt sitzen, als gäbe es Corona nicht, und bei denen es so viel zu gucken gibt – wenn wir nur gucken und uns für einen Moment aus unserem Grübeln befreien. Bloß guckt eben keiner. Aber es lohnt sich.

Auch die notorische Grüblerin scheint das jetzt zu bemerken. Sie beobachtet jedenfalls sehr angetan einen der kleinen Hunde, den die Frau neben mir inzwischen auf den Arm genommen hat. Sie lächelt die Frau und den Hund an.

Auch die anderen wenden jetzt den Kopf und gucken sich um, als müssten sie mal eben nachschauen, wo sie denn eigentlich gelandet sind.

Plötzlich nehmen sich die Menschen wahr, denke ich. Als wären sie gerade allesamt aufgewacht in diesem Zug.

Fast schon ein Segen, so ein störendes Gebell. Es erinnert an die Realität, die wir alle teilen. Lea De Gregorio

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