Die Zukunft der Twentysomethings: Flucht oder Kampf?

Voll im politischen und privaten Krisenmodus lernt Ruth auf einem Flug jemanden kennen, der auf eine Insel abgehauen ist und nun glücklich. Ist das eine Zukunftsoption?

eine junge Frau in Lederjacke hat ein großes Vergnügen darin, zu treten

Noch ist Ruths Wille zu kämpfen da – doch die Versuchung, einfach mal abzuhauen, groß Foto: Axel Bradatsch

Von Ruth Fuentes

taz FUTURZWEI, 17.11.2022 | 14-Stunden Flug habe ich vor mir. Tokyo – Berlin mit Zwischenstopp in Paris. Und ich habe nicht nur ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Planeten. Ich sitze auch noch zusammengepfercht im Airbus mit dreihundert weiteren Menschen, die versuchen, die Zeit zu überbrücken mit lesen, schlafen, essen, sich auf dem Weg zur Toilette die Beine vertreten.

Ruth Fuentes und Aron Boks schreiben die neue taz FUTURZWEI-Kolumne „Stimme meiner Generation“.

Fuentes, 27, ist taz Panter-Volontärin in der taz-Redaktion.

Sie wurde 1995 in Kaiserlautern geboren und ist seit Oktober 2021 taz Panter Volontärin.

Boks, 25, wird gefördert von der taz Panter Stiftung.

Er wurde 1997 in Wernigerode geboren und lebt als Slam Poet und Schriftsteller in Berlin.

Und dann fällt auch noch das Entertainmentsystem aus. Warum nicht den Moment nutzen und sich mit dem Nebensitzer unterhalten?

„Un apéritif, Monsieur?“ fragt ihn gerade der Flugbegleiter.

„Oui, merci!“ antwortet der Typ neben mir, nennen wir ihn Gérard, ein mittelalter Franzose in dunkelblauen Coq-Sportif-Hemd. Na, dann nehme ich auch mal einen oder zwei von diesen Miniatur-Sherry-Fläschen.

Es dauert nicht lange, bis Gérard mir auf Englisch erklärt, dass er sowas von keinen Bock gerade hat, nach Paris zu fliegen.

„Seit über sechs Jahren war ich jetzt nicht mehr dort.“ Er lallt fast schon ein wenig. „Damals habe ich alles verkauft, Wohnung, Auto ... Meinen Job als Consultant gekündigt und bin nach Neukaledonien.“

Flucht ins Paradies

Neu-was? Er zeigt mir Fotos: Ein Inselstaat im Pazifik. Paradiesische Strände, kaum Menschen, nur Mangrovenaustern und Krabben. Geil. Und gleichzeitig ewig weit weg von dem alltäglichen Stress. Von dem täglichen Produzieren, Konsumieren und wieder Produzieren, um wieder zu konsumieren. Und dem morgens Deutschlandfunk hören, um wieder daran erinnert zu werden, wie das mit den 1,5 Grad wohl nicht mehr eingehalten werden wird, aber gleichzeitig weiter Bomben wenige tausend Kilometer entfernt fallen. Sich beim Frühstückskaffee beim Gedanken zu erwischen, dass das vegetarische Essen gestern und die Unterschrift für die Deutsche Wohnen und Co. Enteignung da vielleicht doch überhaupt nichts dran ändern werden.

Ich muss an die Worte von Karl-Heinz Dellwo denken, die ich letztens in der Zeitung las: „Wer die Welt von heute betrachtet, muss unweigerlich depressiv werden oder zynisch.“ Andererseits war er RAF-Terrorist gewesen und sein Lösungsansatz damals, um die Welt zu retten, vielleicht auch nicht der konstruktivste. Bleibt wohl nur die Flucht …

„Weißt du, ich habe gearbeitet, Geld gemacht, Karriere, aber was bringt das alles? Europa geht jetzt eh unter. Wir stehen kurz vor einem Krieg. Also, ich bin ja weg ...“ Gérard unterbricht meine Gedanken. Wir öffnen ein weiteres Fläschchen Sherry. „Und genau jetzt muss ich nach Paris, weil meine Mutter im Sterben liegt.“

„Aber … das kann doch nicht die Lösung sein!“ Ich schaue ihn an, auch ein bisschen irritiert darüber, wie teilnahmslos er den letzten Satz gerade gesagt hat. „Ich bin Journalistin. Ich könnte doch jetzt nicht einfach gehen. Wir müssen da bleiben und handeln, damit es nicht schlimmer wird. Auf Demos gehen, die Richtigen wählen … Wir tragen die Verantwortung!“

„Glauben Sie mir, das dachte ich auch mal. Sind doch alle gleich. Die Linken, die Rechten, Macron, der doch nur 'ne Marionette der Wirtschaft ist … Da lebe ich lieber mit meiner Frau auf einer Insel ganz weit weg von allem und chille mein Leben.“

Denn Europa geht den Bach runter

Er fängt an zu erzählen, von der Freiheit, jetzt endlich ein entspanntes Leben führen zu können, von dem Versagen der Aufarbeitung der Sowjet-Zeit, von den Populisten in Frankreich, sowohl die „Nationalisten“ wie auch die „Sozialisten“: „Am Ende tun sie sich doch eh zusammen und nennen sich ‚Nationalsozialisten‘.“ Der gestickte Hahn auf seinem Hemd sticht weiß hervor. Wie viele Menschen würden wohl alles geben, um ein solches Hemd tragen zu können und in Frankreich zu arbeiten und zu leben? Setzen sogar ihr Leben aufs Spiel, um in ein Land zu fliehen, aus dem er nur weg wollte.

„Vielleicht glaubst du mir nicht, aber in Neukaledonien lebe ich von meinem Fahrradverleih. Fertig. Kein großer Luxus, aber auch kein Stress.“

Also Luxus scheint ja relativ zu sein, denke ich mir, wenn ich mir Gérard und seine Armbanduhr nochmal so anschaue. Aber sein ganzes Gerede triggert mich unwillkürlich, an all die vielen Male denken zu müssen, in denen ich auch kurz davor war, abzuhauen. Mein Ziel war vielleicht nicht der Strand von Neukaledonien. Aber der Gedanke ähnlich: Einfach ins nächste Auto und weg hier. Möglichst weit, vielleicht USA oder Südamerika? Bloß nicht Deutschland. Am besten so Roadtrip-mäßig, Bonnie und Clyde – Style, für die Gerechtigkeit kämpfend, na ja oder sagen wir für die persönliche Freiheit.

„Ich habe das Gefühl, Sie romantisieren die Flucht“, hatte mein Therapeut mir daraufhin erklärt, als ich von dieser Befreiung erzählt habe, die ich wieder einmal gespürt hatte, als ich nach einer schlaflosen Nacht auf die einzige realistische Lösung für alles gestoßen zu sein schien: das Weite suchen. Einfach weg!

„Ich fürchte, Ihre Probleme bleiben bestehen, egal wie weit weg Sie gehen. Aber der Gedanke, den Sie da äußern, ist geläufig ...“

Von Flucht träumen und stattdessen saufen gehen?

Ich muss an den Sommer denken, als ich mit meinem Cousin rumhing und wir uns überlegt haben, was wir im worst case tun würden, wenn alles verloren ginge; Beziehung, Studium, Job, Ukrainekrieg, Klimakrise.

„Weißt du was, dann hauen wir ab und fahren mit dem Motorrad durch die USA“, hatte er vorgeschlagen. „Geil“, hatte ich geantwortet. Und dann waren wir statt in die USA in die nächste Kneipe geflohen, in den Alkohol, in den Suff.

„Das ist auch keine Lösung, Frau Fuentes“, hatte mein Therapeut dann gemeint, als er wieder aus dem Urlaub kam.

„Ach, das auch nicht? Was dann?“

„Haben Sie denn schon einmal darüber nachgedacht, Ihre Probleme auszusprechen und zu konfrontieren?“ (Das hat er natürlich nicht ganz so direkt gefragt, sondern etwas verklausulierter, damit ich selbst darauf komme.)

„Ähm …“

„Wissen Sie, in belastenden Situationen muss der Mensch sich meist entscheiden zwischen Konfrontation, Flucht, oder er wird handlungsunfähig. Letztere Optionen helfen – das kann ich aus Erfahrung sagen – nur bedingt.“

Die Sache mit der Verantwortung

„Also, beste Entscheidung meines Lebens“, beendet Gérard im Airbus sein Plädoyer fürs Auswandern, während ihm die Augen zufallen.

Dann schläft er tatsächlich ein, ich starre auf Kasachstan unter mir und denke daran, dass Arsen mich am Flughafen abholen wollte und dass ich in Berlin endlich wieder so einen richtig guten Falafel essen werde. Außerdem wollte ich doch immer daran festhalten, an Sartres „einmal in die Welt geworfen, ist man auch für alles verantwortlich, was man tut“. Abhauen passt da nicht wirklich rein. Und dennoch, der Fluchtimpuls, er ist da, tief drin in mir. „Es gibt auch Situationen, in denen Ihrem Fluchtinstinkt zu folgen auch eine Art sein kann, Verantwortung zu übernehmen. Für sich selbst“, hatte übrigens mein Therapeut dann ganz am Ende der Sitzung gesagt.

Zu Gérard nach Neukaledonien würde ich trotzdem nicht fliehen wollen. Zu abgelegen, zu langweilig, zu statisch. Noch bin ich nicht bereit, aufzugeben.

Und auf Karrieredruck und Luxus kann ich auch in Deutschland verzichten.

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