Die Wahrheit: Die Nacht, in der Kowalewski kam
Die Wahrheit-Ostergeschichte: Jetzt ist auch das letzte vakante Amt von Hatern besetzt – es gibt einen offiziellen Osterhasser.
Und, Meister? Wo sollet hingehn?“, fragte die Fahrerin und beäugte im Rückspiegel die seltsam zusammengesunkene Gestalt auf dem Rücksitz ihres Taxis. „Bringen Sie mich zu Kowalewski!“, raunzte der fellige Fahrgast in seinem Trenchcoat mit dem hochgeschlagenen Kragen und dem steifen Hut, unter dessen Rändern zwei geknickte Löffel hervorlugten. „Und bitte schön wo, Meister, wohnt der?“, ließ die Chauffeurin nicht ab von ihrer geschäftigen Freundlichkeit, die sie unbeschadet schon durch so manche Nacht gebracht hatte. „Grunewald. Beim Chalet Suisse. Ich sag Bescheid“, grummelte der „Meister“ und griff zu einer Literflasche Eierlikör, die er, ohne abzusetzen, halb leerte.
Antenne für Prominente
„Na denne!“, bestätigte die Kraftfahrerin, ohne ihren Passagier, den sie längst erkannt hatte, aus den Augen zu lassen. Für Prominente besaß sie eine Antenne. Einmal hatte sie den arg benommenen Lars Eidinger nach Hause kutschiert, nachdem er einer Frau im Publikum als Richard III. versehentlich von der Bühne herab einen Degen an den Kopf geschleudert hatte. Die blutende Platzwunde der Zuschauerin hatte den Prinzipalen schwer aus der Bahn geworfen, und es dauerte eine lange Fahrt durch das nächtliche Berlin, bis der lädierte Schauspieler wieder Boden unter den Füßen gewann. Seitdem nannte sie sich „Seelsorgerin am Steuer“.
Das flauschige Fell, die langen Ohren, die breiten Zähne – das war eindeutig der Osterhase auf dem Rücksitz, wahrscheinlich vom Eierverstecken erschöpft. Das Ostergeschäft hatte ihm offensichtlich einiges abverlangt. „Ärger?“, legte sie all ihr sanftes Mitgefühl in die Frage. „Mein Leben ist ein einziges Trümmerfeld“, krächzte er. Auweia, dachte sie und überlegte einen Moment lang, bis zum Ziel zu schweigen, aber wenn schon eine Berühmtheit in ihrem Wagen saß, dann wollte sie auch mehr erfahren.
„Die Frau?“, stieß sie das Naheliegende an. „Nee, Frau Lampe is ’ne echte Baddie! Auf die lass ich nix kommen“, ließ der Osterhase nichts auf seine selbstbewusste und immer klasse gestylte Gattin kommen. „Aber mein Psychiater …“ Um seine stockende Stimme zu ölen, griff er erneut zur Flasche: „… der hat mir ’ne Konfrontationstherapie verschrieben.“
Ach, Gottchen, dachte die Fahrerin. Der Osterhase ein Psycho. Ein Wrack. Ein … „Und jetzt bin ich auf dem Weg zu Kowalewski“, gab der Hase den Erklärbären. „Kowalewski? Muss man den kennen?“, erkundigte sich die Wagenlenkerin und wich einem torkelnden Radfahrer im funzligen Licht der Laternen aus. „Sie vielleicht nicht, aber ich“, verzweifelte Herr Langohr und kiekste dann wütend, „das Schwein!“
Ob sie den Grinch kenne, dieses Arschloch aus der Weihnachtsgeschichte, diese Spaßbremse, die immer schlechte Laune verbreitet und andern das Weihnachtsfest vermiest?, ereiferte sich der Osterhase. Er habe das nie verstanden, wie man ein Fest hassen könne. Wie er überhaupt diese ganzen Hater nicht verstehe. An jedem Ort und zu jeder Zeit gebe es inzwischen diese ekligen, von Ressentiment getriebenen Trottel, die alles und jeden niedermachten: Hundehasser, Katzenhasser, Judenhasser, Fremdenhasser, Frauenhasser und so weiter und sofort. Und obendrauf Weihnachtshasser. Nur Ostern blieb bislang verschont. Osterhasser gab es keine. Bis Kowalewski kam …
Eines Tages sei ihm auf seinem Account bei X dieser Kowalewski aufgefallen, mit übelsten Tiraden gegen ihn. Er sei ein alter Wurm, zu blöd, um Eier zu schleppen und zu verstecken. Er sei eine faule Sau, die das Jahr über nichts tue, sondern auf dem ranzigen Pelz liege und nur Eierlikör saufe, reportierte der Osterhase seine persönliche Hassgeschichte mit Kowalewski.
Kopfschüttelnd langte er nach dem Likör, und als ob er aus einem bösen Traum erwachte, bot er ihn plötzlich der Fahrerin an: „Wie unhöflich! Allein trinken macht hässlich. Aber Sie dürfen wohl gar nicht?“ Sie nickte ablehnend und zugleich auffordernd, er möge doch bitte weitererzählen.
„Und dann waren da irgendwann diese Nacktfotos! Ich ohne Fell! Auf einem Eisbärenflokati in diesem Chalet Suisse. Im Grunewald. Wie … wie heißt so was noch mal?“ Wie aus der Pistole geschossen, antwortete sie: „Deepfake!“ Er grinste resigniert: „‚Hasenpornos‘ nannte er das. Und mich, den Osterhasen, beleidigte er als ‚Porn Bunny‘.“
Elend auf der Rückbank
Schockiert betrachtete sie im Spiegel das Häufchen Elend auf der Rückbank, angewidert von der Niedertracht des Osterhassers. Das Bild des nackten Hasens würde so bald nicht wieder ihren Kopf verlassen. Beinahe hätte sie eine Gruppe gar nicht rüstiger Rentner an einem Zebrastreifen übersehen. Aber was machten die auch so spät noch auf der Straße!
„Und dann sind Sie Kowalewski auf die Spur gekommen?“, besann sie sich. „Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Sie können sich sicher an die Schlagzeilen erinnern vor Ostern: ‚Eiermangel zum Fest‘ oder ‚Keine Eier zu Ostern‘ – die habe ich lanciert, um Druck auf die zuständigen Stellen auszuüben, damit sie endlich was unternehmen. Ostern sollte gefälligst friedlich bleiben. Aber bei den Behörden habe ich mir eine Abfuhr nach der anderen geholt. Kein Gesetz, kein Verbrechen. Gegen Hass lässt sich nichts unternehmen, hieß es. Bis mein Psychiater meinte, da muss ich eben selbst ran. Und jetzt bin ich hier.“
Sie waren auch schon fast im Grunewald angelangt, als der Taxifahrerin die rettende Idee kam. „Wie heißt eigentlich Kowalewski mit Vornamen?“ Er dachte kurz nach: „Klaus, glaube ich. Wieso?“, wunderte er sich. „Aber ist Ihnen denn nie der Gedanke gekommen, dass Kowalewski nur ein Deckname ist, dass er selbst ein Fake ist und dass jemand neidisch auf Sie ist, weil Sie von allen geliebt werden?“ Des Osterhasen trübe Augen hellten sich auf: „Geliebt? Von allen?“
Die letzten Worte verhallten leise. Sie waren inzwischen am Chalet Suisse angekommen. Die Fahrerin stellte den Motor ab und drehte sich erstmals um zu ihrem Gast. „Klaus ist Santa Claus, ist doch logisch. Das ist der Weihnachtsmann, denn der alte Zauselbart kann Ihnen nicht das Wasser reichen. Sie sind doch der Osterhase, süß und clever und ein attraktiver Kerl.“ Meister Lampe errötete. „Meinen Sie?“ O ja, das meinte sie aber so was von, beschied ihm die fahrende Seelsorgerin und wies ihn auf das Taxameter mit der Summe von 43,60 Euro hin.
„Und lassen Sie das besser mit dem Bombardino Bellabomba! Ich habe die tolle Flasche aus Italien gleich erkannt. Bester Eierlikör von Welt.“ Der Osterhase lächelte beduselt und verlegen und glücklich, und bevor er noch wusste, wie es denn nun weiterginge, entschied die Fahrerin: „Den Weihnachtsmann knöpfen Sie sich ein andermal vor. Und jetzt, Meister, kutschier ich Sie direktemang home – und zwar für umme. Ist doch Ostern.“
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