Die Wahrheit: Seitenwende zur falschen Seite
Als Abonnent eines kleinen, auf Papier inzwischen eingestellten Blatts hat man es nicht leicht und muss sich auf die Suche nach einem Kabel machen.
G estern kam ich im ICE mit einer älteren Dame ins Gespräch, die auf dem Tablet die taz las. Ein trauriger Anblick, dieses alberne Gewische. Ich sagte ihr, wie's ist: „Seit diese Zeitung nicht mehr auf Papier erscheint, habe ich aufgehört, sie zu lesen“. So ist das. Beim Wechsel von echtem auf elektronisches Papier bin ich irgendwie verloren gegangen. Dabei hatte ich als bewährter Redakteur und stolzer Kolumnist auch nach meinem Umzug von Berlin ins Rhein-Main-Gebiet noch jahrelang ein Abonnement als Mitarbeiter. Täglich steckte die schlanke taz im Briefkasten, meistens trocken, manchmal noch zart gewellt von der Feuchtigkeit der Nacht – und immer in inniger Umarmung mit der korpulenten Frankfurter Allgemeinen.
Es war die perfekte Paarung. Hier der linksgrünversiffte, dort der rechtskonservative Blick auf die Welt. Hier das Ressort „Öko“ mit einem Kommentar gegen Lärmbelästigung durch Motorräder, dort das Ressort „Technik und Motor“ mit Fahrberichten der neuen Harley-Davidson CVO Street Glide. Hier die zungengepiercte Sozialarbeiterin mit den blau gefärbten Haaren und der Selbstgedrehten im Mundwinkel, dort der habilitierte Akademiker mit der zu eng geknoteten Krawatte und dem Stock im Arsch. Hier Georg Seeßlen, dort Dietmar Dath.
Irgendwann wurde mir das Abo gestrichen, und irgendwann verschwand mein Herzensblatt auch vom Kiosk. Tja, dann halt nicht. Ich bin Team „Zellstoff“, nicht Team „Wo ist denn mein verdammtes USB-Kabel?“. Vermutlich war der Verzicht auf Papier unvermeidlich und sinnvoll. Wenn es mir jemand erklärte, leuchtete mir das auch ein. Allerdings war es wie mit der Quantenphysik – meine theoretische Einsicht wich nach wenigen Minuten wieder der praktischen Erkenntnis, dass dieser groteske Quatsch unmöglich funktionieren kann.
Wie alle Nostalgiker hielt ich meine Nostalgie nicht für Nostalgie, sondern für einen Ausdruck der Vernunft. Unvernünftig könnte es aber auch sein, all mein Geld in die FAZ auf Papier zu stecken. Neulich war mein Versuch der digitalen Lektüre eines Textes an der Bezahlschranke gescheitert. Das musste ein Missverständnis sein, schließlich zahle ich jährlich rund 1.000 Euro für den Scheiß. Der Akademiker am Abo-Telefon erklärte mir maliziös, dass ich für Online-Inhalte zusätzlich zu bezahlen habe. Unverschämtheit! Gäbe es sie auf Papier, gäbe ich mein Geld lieber der taz.
So erklärte ich es auch der alten Genossin im ICE. Der Duft! Das Geknister! Ob sie das nicht vermisse? Gerade in ihrem Alter? „Gerade in meinem Alter“, belehrte sie mich gelassen, „ist das Tablet viel besser für die Augen. Ich kann hier“, Pinzettengriff, „die Buchstaben größer ziehen. Also, ich finde das genial!“ Vielleicht sollte ich doch mal nach meinem USB-Kabel suchen.
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