Die Wahrheit: Fehler am Steuer

Unterwegs in einem Auto zu entdecken, dass nicht eine alte Freundin, sondern eine groteske Chimäre den Wagen steuert, kann schon erschrecken.

Als ich die Beifahrertür des Wagens öffnete, um einzusteigen, saß plötzlich nicht meine alte Freundin Venus Klarwasser, sondern eine alptraumhafte Chimäre am Steuer. Ich kam nicht dazu, mein Erstaunen darüber zum Ausdruck zubringen, weil das abscheuliche Wesen augenblicklich auf unverhohlen feindselige Weise von mir verlangte, endlich einzusteigen.

Solchermaßen verwirrt, nahm ich, anstatt die Flucht zu ergreifen, neben der Kreatur Platz. Sie behauptete, der Motor werde nicht wieder anspringen, nachdem er sich nun schon länger als eine Viertelstunde im Ruhezustand befinde. Dann warf sie mir hasserfüllt vor: „Ihretwegen bin ich fern von Heim und Familie in der Nacht unterwegs, um Sie in dieser gottverlassenen Gegend herumzufahren, und dafür behandeln Sie mich wie den letzten Dreck! In der Kälte muss ich hier auf Sie warten, und jetzt ist auch noch der Motor meines Wagens ruiniert!“

Sie muss eine Sinnestäuschung sein, dachte ich. Doch dann wurde meine Aufmerksamkeit auf anderes gelenkt. Vor meinen Füßen, am Ende des Fußraums, entstand eine Öffnung, aus der Licht auf meine Schuhe und Hosenbeine fiel. Ich verdrehte meinen Körper, um hinunterschauen zu können. In der Öffnung tauchte ein Kopf auf. Das Gesicht war nicht zu erkennen, da die Lichtquelle sich dahinter befand. Eine angenehme weibliche Stimme sprach mich mit meinem Namen an. Ich beugte mich hinunter, so weit ich konnte, und grüßte freundlich. Die Frauenstimme sagte: „Entschuldigung! Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte folgen Sie mir.“

„Wohin?“, entgegnete ich. „In den Motorraum? Wie soll das gehen?“ – „Sie werden sich schon hier herunterbemühen müssen.“ – „Wer sind Sie?“

Darauf erhielt ich keine Antwort. Die Chimäre am Steuer schien indessen von all dem nichts zu bemerken, sondern setzte ihre Anklagerede unentwegt fort. Dabei nahm sie ebenso wenig Notiz von meinem Tun wie ich von ihren Worten. Um zu befolgen, wozu mich die sympathische Frauenstimme aufgefordert hatte, musste ich mit dem Kopf voran in den Fußraum kriechen. Dazu war es nötig, dass ich vorher die Beifahrertür öffnete, ausstieg, den Sitz so weit wie möglich zurückschob und mich dann in die Höhlung zwängte.

Die im Fußraum entstandene Öffnung war von mildem Licht erfüllt. Ich streckte den Kopf hinein. Vor mir sah ich den unteren Teil eines Beifahrersitzes, der aussah wie der hinter mir. Langsam kroch ich immer weiter in das Loch und somit in den Fußraum eines anderen PKW. Bald war ich in der Lage zu erkennen, dass es der exakt gleiche Wagen war wie derjenige, aus dem ich soeben kam. Doch am Steuer saß hier meine alte Freundin Venus Klarwasser. Unter mühseligen Verrenkungen schaffte ich es auf den Beifahrersitz. Alles sprach dafür, dass die Fahrerin von dem aufgetretenen Fehler so wenig mitbekommen hatte wie davon, auf welchem Wege ich in den Wagen gelangt war.

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kari

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