Die Wahrheit: Revolution am Neujahrsmorgen

Wenn die Gastgeber neben dem Kontersekt auch ein Blutdruckmessgerät auspacken, streben die Gesprächsthemen schnell der Lebensendlichkeit zu.

Der erste Morgen des Jahres. Wir hatten bei Freunden übernachtet. Eine ausgelassene Frühstücksrunde. Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam. Unsere Gastgeber holten übermütig ein Blutdruckmessgerät, um die Wirkung der letzten Nacht zu testen. Wir begannen unser Jahr 2022 tatsächlich mit einer Blutdruckmessung! Wie alt ist man, wenn man so was tut? Aber vielleicht haben wir uns durch die Coronatests auch nur daran gewöhnt, getestet zu werden. Oder es war eine Art Zwangshandlung, weil wir die Tests vermissen, seit wir geboostert sind.

Wir redeten über Ziele im Leben, Träume. Und dann über die Lebenserwartung. Wir zählten die Zahl der Stents, die um den Tisch herum in den Adern saßen. Es waren mehr als Personen. Und wir fragten uns: Wie wirkt sich der Einkommensverlust mancher Berufsgruppen durch Corona auf die Rente aus?

Ich zitierte Norbert Blüm: „Die Rente ist sicher.“ Ein Freund warf ein: „Der meinte: Sicher gibt’s Rente.“ Alle lachten. Bis eine der Frauen sagte: „Die Frage ist allerdings, wie viel?“ Und die meine zweifelte: „Und wie lange?“ Ich behauptete: „Na, bis ans Lebensende.“

Meine Gedanken überschlugen sich: Wann beginnt das Lebensende? Und: Wann beginnt die Rente? Je später sie beginnt, umso eher hört sie auf. Die Lebenserwartung verlängert sich ja nicht durch einen späteren Renteneintritt. Eher ist es umgekehrt.

Ich erinnerte die Runde an eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Demnach leben männliche Beamte im Schnitt fünf Jahre länger als männliche Arbeiter. Fünf Jahre mehr Rente! Verbeamtete Frauen leben immerhin drei Jahre länger als Arbeiterinnen.

Wir waren auf dem besten Weg zu einer Revolution am Neujahrsmorgen. Immer lautere Rufe erschallten aus der Runde: „Staat und Gewerkschaften sind gefordert!“ – „Die Arbeitgeber!“ – „Die Sozialpartner!“ – „Für eine neue soziale Gerechtigkeit!“ – „Arbeiter müssen früher in Rente gehen können!“ Die Gastgeberin schloss vorsichtshalber die Fenster.

Einer warf jetzt leise ein: „Aber unser Rentensystem implodiert. Brauchen wir nicht eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit?“ Die Meine sagte, das würde in Konsequenz bedeuten, der Arbeiter bekäme kaum noch Rente. „Genau“, ergänzte ich, „weil der unmittelbar nach Eintritt schon verstirbt.“

Mittlerweile tranken wir den zweiten Kontersekt des jungen Jahres. Wir kamen auf Verquerdenker, Impfverweigerer und radikale Christen, die infiziert auf Intensivstationen landeten und verstarben. Beduselt meinte jemand: „Ungeimpfte Coronatote entlasten zumindest die Rentenkassen.“ Ich bestätigte: „Das spricht eindeutig fürs Impfen. Mindestens bei Beamten für den gehobenen Dienst lohnt sich das!“

Wir stießen noch mal an auf 2022. Wir ließen das Blutdruckmessgerät wieder kreisen. Einer freute sich: „Super Werte!“ Die Meine: „Also lange Rente.“ Der Gastgeber grinste: „Ja, dann!“ Und öffnete die nächste Flasche.

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Der Kabarettist und Autor Bernd Gieseking steht seit über zwanzig Jahren auf der Bühne. Er schreibt Kolumnen für die »Wahrheit«-Seite der »taz«, Kinderhörspiele für den WDR Hörfunk sowie Bücher – und die am liebsten über Finnland: »Finne Dich Selbst!« und »Das kuriose Finnland-Buch«, alle erschienen im Fischer Verlag. Wenn er nicht schreibt, dann tourt er mit seinen Kabarettprogrammen »Gefühlte Dreißig«, »Finne Dich Selbst!« sowie - jeweils in den Wintermonaten - mit seinem alljährlichen satirischen Jahresrückblick »Ab dafür!« durch die Republik.

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kari

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